Mobilmachung: Der größte Gegner Putins ist die menschliche Psyche

Sanktionen des Westens schweißen die Russen eher zusammen. Sie scheinen Putins Legende zu stützen. Bedrohlich für die Macht wird erst der Selbsterhaltungstrieb.

Polizisten verhaften in Moskau eine Demonstrantin, die gegen die Teilmobilisierung protestiert.
Polizisten verhaften in Moskau eine Demonstrantin, die gegen die Teilmobilisierung protestiert.Imago/Michail Tereschtschenko

Die meisten Menschen in Russland wollen nicht in den Krieg. Sie haben keine Lust, auf dem Schlachtfeld zu sterben. Wer sich darüber wundert, der hat „die Russen“ bisher als einen besonderen Menschenschlag betrachtet, der uns irgendwie nicht ähnlich ist. Solche Tendenzen gibt es leider, auch bei Politikern. Es ist die alte Kalter-Krieg-Sicht von „den Russen“, die angeblich unberechenbar und endlos leidensfähig seien. Dabei müsste man nur von sich selbst ausgehen, um Vorgänge einzuschätzen.

Auf die von Putin verordnete Teilmobilmachung – die Einziehung von 300.000 Reservisten – reagieren viele Russen mit Flucht ins Ausland, mit Unmut und teilweise Widerstand. Für die „Mobilisazija“ (Mobilisierung) breitet sich offenbar das Wort „Mogilisazija“ aus. „Mogila“ heißt Grab.

Man reagiert erst, wenn die Dinge einen selbst bedrohen

Hier den Beginn einer großen Opposition gegen Putin zu sehen, wäre sicher eine Fehleinschätzung. Nein, es  passiert einfach das, was überall auf der Welt in ähnlichen Situationen passiert. Wenn Dinge einen nicht direkt bedrohen, dann scheinen sie einen auch nichts anzugehen. Auch die meisten Deutschen reagieren so. Die Wogen schlagen erst hoch, wenn im eigenen Lande alles teurer wird, die Heizung und der Strom auszufallen drohen. Die zur Trümmerwüste zerbombten Städte in der Ukraine schaut man sich dagegen an mit dem Gedanken: Die armen Menschen, aber zum Glück muss ich nicht dort leben!

Putin kennt die Psyche der Menschen. Nicht ohne Grund hat er den Krieg in der Ukraine monatelang eisern als „Spezoperazija“ bezeichnet, mit der die Mehrheit nichts zu tun habe. Die Soldaten wurden nicht aus urbanen Zentren rekrutiert, wo Unruhe entstehen könnte, sondern vor allem aus strukturschwachen Regionen des Fernen Ostens und Sibiriens – geködert mit gutem Gehalt und Aufstiegschancen. Bisher hat auch Putins Legende für den Einmarsch in die Ukraine funktioniert, weil es keine Korrektive gibt, wie eine Opposition im Parlament und freie Medien.

Generationsunterschiede könnten auch eine Rolle spielen

Der Westen muss sich über eines klar werden: Druck von außen löst keinen inneren Widerstand aus. Sanktionen, die die „einfachen Russen“ treffen, schweißen eher trotzig zusammen, weil sie die These Putins zu bestätigen scheinen, dass der Westen Russland kaputtmachen wolle. Wenn es aber ans eigene Leben geht, dann kann sich durchaus etwas ändern. Dabei könnten auch Generationsunterschiede eine Rolle spielen.

Denn über die sozialen Medien sind sich die jungen Leute überall auf der Welt näher als früher. Sie kleiden sich ähnlich, folgen ähnlichen Trends. Dreckige, blutige Kriege, in denen massenhaft gestorben wird, sind für die „Digital Natives“ etwas Anachronistisches aus der Welt der Urgroßväter. Sie kennen höchstens ferngelenkte Hightech-Waffen, die wie im Videospiel funktionieren.

Patriotische Slogans, die an den Sieg im Zweiten Weltkrieg erinnern, funktionieren an Feiertagen gut – sobald man nicht selbst betroffen ist. Doch zunehmend wird das Anachronistische auch im eigenen Land beklagt. So kritisierte jüngst ein Militärexperte im Fernsehen die schlechte Ausrüstung und Verpflegung der Soldaten. Und davon hängt ja oft das Überleben ab. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, das Putin und Co. das Leben der eigenen Soldaten offenbar nicht viel wert ist, dann könnte der Selbsterhaltungstrieb der Menschen am Ende mehr ausrichten, als es die Sanktionen des Westens tun.