Benin-Bronzen: Rückgabe von Raubkunst und das böse Wort Doppelmoral

Die Benin-Bronzen und die Elgin Marbles sind jüngste Beispiele einer langen Rückgabe-Diskussion. Aber kann es einen Nullpunkt moralischer Gerechtigkeit geben? Eine Analyse.

Marmorskulpturen aus dem Parthenon im Britischen Museum
Marmorskulpturen aus dem Parthenon im Britischen Museumdpa/epa/Facundo Arrizabalaga

Es gehört zu den verklärenden Annahmen der jüngeren Kulturgeschichte, dass die Diskussion über Raubkunst in Museen und die Forderungen nach Rückgabe erst in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen haben. Diese häufig zu hörende Einschätzung jedenfalls unterschlägt den Dichter Lord Byron als frühen Verfechter der Überzeugung, dass Kunst aus anderen Kulturen nichts im British Museum zu suchen habe.

Der 1788 in London geborene, 1824 in Griechenland gestorbene Byron, der wohl einflussreichste Vertreter der englischen Romantik, wurde ganz prosaisch, wenn es um seinen Zeitgenossen Thomas Bruce ging, den 7. Lord of Elgin. Er beschimpfte ihn öffentlich als Kulturbarbaren, als dieser zu Beginn des 19. Jahrhunderts damit begann und über mehrere Jahre nicht davon abließ, den berühmten Parthenon-Fries von Athen nach London zu verschiffen.

Elgin war als britischer Offizier und Diplomat für die Dokumentation von Kunstschätzen im Osmanischen Reich zuständig, zu dem Athen zu dieser Zeit gehörte. Zu seiner Verteidigung führte er an, er habe die Kunstschätze lediglich vor den Gefahren der Zerstörung im türkisch-griechischen Krieg retten wollen. George Gordon Byron ließ die Ausflucht Elgins nicht gelten und legte in dem Gedicht „The Curse Of Minerva“ in lyrischer Form nach: „Der gotische Monarch und der piktische Adlige:/Die Waffen gaben dem ersten sein Recht, der letzte hatte keines,/Doch stahl er schändlich, was weniger Barbaren gewannen.“

Elgin Marbles im Britischen Museum: Das Empire gab die Richtung vor

Von der Zeit- und Kunstgeschichte wurde der Diebstahl allerdings reich belohnt. Noch heute tragen jene Fragmente des im Britischen Museum befindlichen Parthenon-Frieses den Namen „Elgin Marbles“, nicht die Bildhauerkunst wird also gewürdigt, sondern derjenige, der sie unter äußerst umstrittenen Umständen erworben und weiterverkauft hat.

Das hartleibige, letztlich aber erfolgreiche Verhalten des British Museums in Restitutionsfragen galt lange als unausgesprochene Verhaltensnorm für andere Kultureinrichtungen. Die schnöde Abwehr jeglicher Rückgabebegehren war in der Museumswelt geradezu schulbildend. Obwohl Lord Byrons Ansichten durchaus Niederschlag in der britischen Kulturgeschichte fanden, hat sich hier stärker als anderswo die Überzeugung gehalten, dass zum nationalen Erbe gehört, was sich in den Sammlungen befindet. Nicht zuletzt die Berliner Museumsinsel ist nach britischem Vorbild errichtet worden, das europäische Museum steht insgesamt im Traditionsstolz von Trophäensammlungen, wie ambitioniert auch immer das aufklärerische Bedürfnis nach Erweiterung des kulturgeschichtlichen Wissens gewesen sein mag. Das Empire gab die Richtung vor. Wie in Stein gemeißelt gilt in Großbritannien der National Heritage Act, dem die Forderungen des griechischen Staates lange Zeit nichts anhaben konnten.

Elgin-Marbles: Über Verbleib wird ernsthaft diskutiert

Zunehmend jedoch beginnt das national-museale Selbstbewusstsein zu zerbröseln. Zuletzt waren aus London mehrfach Nachrichten zu vernehmen, die von beachtlichen Verhandlungsfortschritten zwischen Großbritannien und Griechenland berichteten sowie über mögliche Lösungen in der Elgin-Marbles-Frage in Aussicht stellten.

Ganz so einfach verlaufen die Prozesse des modernen Kulturaustausches dann aber doch nicht. Vor ein paar Tagen erst hat das griechische Kulturministerium den Vorschlag zurückgewiesen, Friesteile als Dauerleihgabe nach Athen zurückzugeben. Nach derart schmerzhaften und langwierigen Zerwürfnissen ist jedes Wort von Belang. Mit der Verständigung über eine Leihgabe, so die Befürchtung der Kulturministerin, könnte Athen Gefahr laufen, die Eigentumsverhältnisse indirekt womöglich anzuerkennen.

Dass über den Verbleib der Elgin Marbles weiter ernsthaft verhandelt wird, darf allerdings als Sensation im Kontext der Diskussionen über Raubkunst, Museumskultur und nationales Erbe angesehen werden. Selbst im einstigen Empire beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass nichts mehr so ist, wie es war. Die britische Bevölkerung ist da übrigens schon ein paar Schritte weiter. Laut einer Umfrage sind 53 Prozent für die Rückgabe, 24 Prozent der Befragten ist es demnach egal, wo die Welterbeschätze aus Griechenland künftig zu sehen sein werden. Dass das Beharrungsvermögen weiterhin groß ist, hat denn vermutlich auch nur bedingt mit der Bindung an nationales Kulturerbe, sehr viel aber mit der Bedeutung von Kunst für den internationalen Tourismus zu tun.

Ist Nigeria der richtige Adressat für die Benin-Bronzen?

Überschaubarer wird die Gemengelage auch dort nicht, wo man sich zur Rückgabe von Artefakten aus fremden Kulturen bereits entschlossen hat. Sichtlich stolz über die eigene Fortschrittlichkeit kehrten Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth kurz vor Weihnachten aus der nigerianischen Hauptstadt Abuja zurück, nachdem sie dort feierlich die ersten 20 der sogenannten Benin-Bronzen aus deutschen Museen übergeben hatten. Die Werke waren 1897 als Beutekunst der britischen Krone nach Europa und von dort in den internationalen Kunsthandel gelangt. Überwiegend seit dem 16. Jahrhundert hatten die reich verzierten Metalltafeln und Skulpturen den Palast des Königreichs Benin geschmückt, ein geschichtsträchtiges Territorium, das heute zu Nigeria gehört.

Aber ist der nigerianische Staat überhaupt der richtige Adressat für eine Rückgabe? Allenfalls bedingt, findet die in New York ansässige Organisation Restitution Study Group. Sie kritisiert die pauschale Restitution an Nigeria und verweist auf die umstrittene Rolle des Königreichs Benin im interkontinentalen Sklavenhandel aus der Zeit, die dem Kolonialismus vorausging. Zwar tue Deutschland gut daran, sagte eine Vertreterin der Restitution Study Group im Sender Deutschlandradio Kultur, wenn es die Bronzen zurückgebe, die zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert entstanden seien. An den seit dem 16. Jahrhundert entstandenen Bronzen aber klebe das Blut der Opfer skrupelloser Sklavenhändler.

Für die New Yorker Gruppe, deren Stimmen in Deutschland bislang kaum Gehör gefunden haben, sind die Bronzen eine Art „Blut-Metall“. Sie nimmt für sich in Anspruch, im Namen von Nachfahren derjenigen zu sprechen, die vom Sklavenhandel betroffen waren, den das Königreich Benin von Westafrika aus zu einem einträglichen Geschäftsmodell ausgebaut hat. Die Bronzen seien aus sogenannten Manillas gegossen worden, Armbändern, die Benin als Entgelt für in die Sklaverei verkaufte Menschen erhalten habe. Das einstige Königreich, so die ganz andere Lesart der historischen Bedeutung der Benin-Bronzen, wäre demnach nicht nur Opfer eines mörderischen Raubzugs gewesen, sondern zuvor auch Nutznießer von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Ähnlich sieht es auch die Schweizer Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin. Sie kritisiert die Rückgabe an Nigeria als unterkomplexe und auf Basis der historischen Fakten kaum gerechtfertigte Entscheidung. „Abgesehen davon, dass in Nigeria 250 verschiedene Ethnien leben, von denen jede ihre eigene konfliktreiche Vergangenheit hat“, schrieb sie Anfang Januar in einem Gastbeitrag der FAZ, „kommt es einer Ge­schichts­klit­te­rung gleich, wenn die Ge­schich­te der Bronzen auf die Konfiszierung der Königsinsignien durch die Briten und den Erwerb deutscher Museen von Teilen der Kriegsbeute reduziert wird. Die ans Larmoyante grenzenden Schuldeingeständnisse und Wiedergutmachungsanstrengungen der deutschen Politik verdecken die bluttriefende Vorgeschichte der Benin-Bronzen.“ Diese sei aus einem Berg von Leichen und durch Schiffsbäuche voller Sklaven – vom Königreich Benin in Kriegen gegen Nachbarvölker gejagt, versklavt, teilweise den bronzenen Herrscherköpfen als Blutopfer dargebracht und in Massen gegen Bronze-Manillen aus Europa verkauft – hervorgegangen.

Hauser-Schäublin bezweifelt denn auch die ausschließlich moralischen Motive hinter den erstaunlich schnell vollzogenen Rückgaben. Sie vermutet energiewirtschaftliche Interessen als Katalysator der Entscheidung. Das politisch überaus instabile Nigeria ist bekanntlich reich an Erdölressourcen und sei inzwischen auch ein äußerst interessanter Partner mit Blick auf die Entwicklung von Wasserstoff als Energiequelle. Immer häufiger taucht das böse Wort Doppelmoral auch in den schönen Geschichten über die gelingende Rückgabe der Benin-Bronzen auf.

Noch ein Historikerstreit?

Zumindest verweisen diese Beispiele nachdrücklich darauf, dass es weder einen Nullpunkt historischer Gerechtigkeit noch einen sicheren Hafen für das Bedürfnis nach moralischer Entlastung zu geben scheint. Brigitta Hauser-Schäublin reibt sich am unhistorischen Übereifer moralischer Schuldeingeständnisse. „Vorkoloniale Gräueltaten und Menschenrechtsverletzungen darf es nicht geben, also Schwamm drüber? Die Verleugnung und Beschönigung der blutigen Geschichte Benins hat, wie Beiträge aus Nigeria im Internet zeigen, längst begonnen. Alle diejenigen, die das Gegenteil behaupten, werden als Lügner bezeichnet und zeitgenössische Augenzeugenberichte als ,kolonial‘ und deshalb ungültig er­klärt.“ Beginnt für deutsche Politiker, so lautet die provokante Frage der Ethnologin, Moral erst mit Handlungen, die während der europäischen Kolonialzeit stattfanden?

Baerbock und Roth wollten auf der richtigen Seite stehen

Wenn die New Yorker Restitution Study Group und Wissenschaftlerinnen wie Hauser-Schäublin richtig liegen, dann sind Annalena Baerbock und Claudia Roth in ein kulturpolitisches Dilemma hineingetappt, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen konnten, auf der richtigen Seite stehen zu wollen. Gegen die geschichtspolitisch aufgeladene Gefahr, verschiedene Opfergruppen gegeneinander auszuspielen, käme es nun aber darauf an, das historische Wissen über koloniale Regime ebenso zu erweitern wie die Zeit, die ihnen vorausging. Noch ein Historikerstreit also?

Wie es in solchen Fragen weitergehen könnte, zeigt die kürzlich in Berlin vorgestellte Plattform „Digital Benin“. Das 2020 in Hamburg am Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, kurz MARKK, begonnene Projekt hat sich zur Aufgabe gemacht, die einst geraubten Kunstschätze aus dem Königreich Benin zu dokumentieren und das Wissen über sie zugänglich zu machen. Unterstützt von der Ernst von Siemens Kulturstiftung erscheinen diese nicht allein als umstrittene Gegenstände kulturpolitischer und diplomatischer Aktivitäten, sondern als Artefakte, die eine jeweils eigene Geschichte haben, über die historisches Wissen rekonstruiert werden kann. Bleibt die Frage, ob die Benin-Bronzen heute noch die ganze Wahrheit ihrer Geschichte preisgeben.

Als symbolische Geste ist die Rückgabe von Artefakten nicht zwangsläufig falsch. Letztlich aber können sie nur der Anfang für die Erschließung eines kulturellen Wissens sein, das aus den herkömmlichen Formen musealen Kulturbesitzes erst noch befreit werden muss. In wissenschaftlichen Kreisen wird seit geraumer Zeit das Stichwort „shared heritage“ diskutiert, die Möglichkeiten eines über nationale Grenzen und Interessen hinaus geteilten kulturellen Erbes. Das symbolische Kapital, das Annalena Baerbock und Claudia Roth so stolz angehäuft haben, wird wohl investiert werden müssen in eine Restitutions- und Provenienzforschung, die den Namen erst noch verdienen muss.


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