Nach US-Bericht: Schireen Abu Akleh war kein Einzelfall

Ein neuer US-Bericht legt offen: Die Al-Jazeera-Journalistin wurde wohl von Israel getötet. Recherchen unseres Autors zeigen: Sie war nicht die Einzige.

Die Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu Akleh
Die Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu AklehAL JAZEERA

Es war ein mit Spannung erwarteter Bericht: Die Kugel, welche die im Mai im besetzten Westjordanland erschossene palästinensisch-US-amerikanische Journalistin Schirin Abu Akleh tötete, wurde wahrscheinlich vom israelischen Militär abgefeuert. Sie war allerdings zu stark beschädigt, um dies mit letztgültiger Sicherheit sagen zu können, erklärte das US-Außenministerium am Montagnachmittag. Die Beschädigung der Kugel erschwerte es, eine endgültige Aussage über die Waffe zu treffen, aus der sie abgefeuert wurde, hieß es in einer entsprechenden Erklärung.

Die Schüsse, die von israelischen Verteidigungskräften abgefeuert wurden, seien „wahrscheinlich für den Tod verantwortlich“, hieß es weiter. Die US-Beamten hätten „keinen Grund zu der Annahme gefunden, dass es sich um einen vorsätzlichen Tod handelte, sondern um das Ergebnis tragischer Umstände während einer von den israelischen Streitkräften geführten Militäroperation“.

Doch nicht erst der tragische Tod der Al-Jazeera-Reporterin Shireen Abu Akleh bei einem Schusswechsel zwischen Israelis und Palästinensern in Dschenin zeigte, dass palästinensische Journalisten ausgesprochen gefährlich leben. Seit Beginn des Jahrtausends sollen mehrere Dutzend von ihnen durch israelische Militärs getötet worden sein. Die Zahlen variieren stark, je nach Quelle werden hier zwischen 30 und 50 Personen genannt.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte sprach unlängst von vierzig palästinensischen Journalisten, die seit dem Jahr 2000 ums Leben kamen, und von Hunderten, die verletzt und Zielscheibe von Gewalt wurden. Palästinensische Medienleute sind auch Repressionen durch den israelischen Besatzungsapparat sowie durch Ordnungskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland wie der im Gazastreifen allein regierenden islamistischen Hamas ausgesetzt.

Detailliert wird all dies von dem in Ramallah ansässigen palästinensischen Center for Development and Media Freedom (MADA) dokumentiert. Die nichtstaatliche Organisation, die auch mit der Akademie der Deutschen Welle kooperiert, veröffentlicht monatliche und jährliche Berichte über die Lage und die Arbeitsbedingungen der palästinensischen Journalisten. Ihr im März erschienener Bericht für das Jahr 2021 nennt insgesamt 562 Verstöße gegen die Pressefreiheit.

Für 368 davon waren Israels Militär und Polizei, für 123 die palästinensischen Sicherheitsorgane verantwortlich. Die übrigen Vorfälle betrafen Einschränkungen im Bereich der sozialen Medien. Insgesamt waren 281 Journalisten und 75 Journalistinnen betroffen. MADA verzeichnet vor allem im Hinblick auf Maßnahmen von israelischer Seite einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Diesen erklärt man sich mit den zahlreichen Versuchen, die palästinensische Berichterstattung über die häufig von Gewalt begleiteten Demonstrationen im Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Dscharrah und auf dem Tempelberg zu behindern.

Verstöße gegen Medienfreiheit auf beiden Seiten

Die Verstöße gegen die Medienfreiheit auf israelischer wie auf palästinensischer Seite sind in dem MADA-Bericht in vierzehn Kategorien unterteilt, wobei sich die Repressionen je leicht unterscheiden. Bei beiden Seiten finden sich physische Angriffe, Behinderung der Berichterstattung sowie Verhaftung und Inhaftierung.

Hinzu kommen Razzien gegen und Verbote von Medieninitiativen, Zerstörung und Beschlagnahme von Ausrüstung und Verhöre unter Drohung. Die jeweiligen Zahlen unterscheiden sich insbesondere in der Kategorie „physische Angriffe“: 155 Fälle seitens der israelischen gegenüber 33 Fällen seitens der palästinensischen Sicherheitskräfte. Laut MADA starben 2021 durch israelische Gewalt drei palästinensische Journalisten. Zwei wurden in Haftanstalten der Palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland gefoltert.

Bei den erwähnten Todesopfern – zwei in Gaza, einer in Deir al-Balah – handelte es sich nur in einem Fall um einen Berufsjournalisten, der für den Hamas-Sender Sawt al-Aqsa arbeitete. Von den beiden anderen hatte der eine früher einmal Journalismus studiert, der andere hatte ein Praktikum bei der lokalen Nachrichtenagentur Donia al-Watan absolviert und war noch im Studium. Alle drei kamen im Mai 2021 in ihren Wohnungen durch Luftangriffe ums Leben, die Israels Armee als Vergeltung für palästinensische Raketenangriffe flog. Aus Sicht der MADA-Autoren waren es gezielte Tötungen, weshalb sie hierfür auch das Verb „ermordet“ verwenden.

Solche Rhetorik und der relativ lockere Umgang auf palästinensischer Seite mit der Berufsbezeichnung „Journalist“ haben die israelische Armee in der Vergangenheit dazu veranlasst, detaillierte Gegendarstellungen zu veröffentlichen. Anlass dazu lieferte etwa 2014 das Informationsministerium der Hamas. In einem mit „Helden der Wahrheit“ überschriebenen Bericht wurde behauptet, bei den israelischen Luftangriffen im Sommer jenes Jahres auf den Gazastreifen seien 17 palästinensische Journalisten getötet worden.

Zweifel an der palästinensischen Darstellung

Durch eigene Recherchen meinte indes die israelische Militäraufklärung, beweisen zu können, dass nur etwa die Hälfte tatsächlich Berufsjournalisten waren. Die restlichen, so der israelische Bericht, seien größtenteils Angehörige von Hamas und Islamischem Dschihad gewesen. Sie seien für die – von Israel als terroristisch eingestuften – Organisationen als Kämpfer im Einsatz und in ihren Propagandaabteilungen tätig gewesen oder hätten für die Hamas-Medien gearbeitet.

Auch wenn in manchen Fällen in der Tat Zweifel an der palästinensischen Darstellung angebracht sind, so belegt der MADA-Bericht für das Jahr 2021 – ähnlich wie schon Vorgängerberichte – doch deutlich die massive Gewalt, die das israelische Militär gegen palästinensische Medienschaffende einsetzt. Von den hier in der Kategorie „physische Angriffe“ gezählten 155 Fällen wurde in 133 mit scharfer Munition oder mit sogenannten Gummigeschossen auf Journalisten geschossen. Sie wurden auch mit Gaspatronen und Blendgranaten direkt attackiert.

Einer der exemplarisch geschilderten Fälle betrifft den Fotoreporter Nidal Shtayyeh, der im vergangenen Juli einen Protestmarsch gegen die Besatzung in dem östlich von Nablus gelegenen Dorf Beit Dajan begleitete. Er hatte MADA zufolge gehört, wie ein israelischer Armeeoffizier seinen Soldaten befahl, auf die anwesenden Journalisten zu schießen. Sekunden später trafen Shtayyeh nacheinander drei Kugeln im linken Bein – im Schienbein, am Knie und am Oberschenkel. Ähnliches berichtete MADA schon 2020 über den Kameramann und Al-Jazeera-Mitarbeiter Tareq al-Sarkaji. Ihm wurde zweimal hintereinander in den linken Oberschenkel geschossen. Im gleichen Jahr wurde al-Sarkaji bei weiteren journalistischen Einsätzen von einem Gummigeschoss an der Schulter und von einer Gaspatrone am Bein verletzt.

Shireen Abu Akleh geriet in mehrere Konfrontationen mit Israel

In welche Konfrontationen mit dem israelischen Besatzungsapparat auch Shireen Abu Akleh bei ihrer Arbeit geriet, ist bislang nicht systematisch erfasst. Dem New Yorker Komitee zum Schutz von Journalisten berichtete sie 2007, dass während einer Liveschalte ein israelischer Soldat auf die Frontscheibe des Übertragungswagens ihres Senders geschossen hatte.

In den jährlichen MADA-Berichten taucht ihr Name zumindest zweimal auf. Im August 2011 wurden Abu Akleh und ihr Kameramann Nabil Mazzawi während eines Liveberichts in der Nähe des Tempelbergs von israelischen Soldaten angegangen. Mazzawi wurde geschlagen und ein Mikrofonkabel wurde durchgeschnitten. Im Juli 2013 wurden die TV-Reporterin und ihr Team – sie wollten über die Entwurzelung von Olivenbäumen in dem palästinensischen Dorf Awarta nahe Nablus berichten – von israelischen Soldaten festgenommen, in eine nahe gelegene Militärbasis gebracht und erst nach mehreren Stunden freigelassen.

Dass Shireen Abu Akleh in der palästinensischen und arabischen Medienwelt als „Stimme der Wahrheit“ geschätzt war, verdankte sich dem unaufgeregten Ton ihrer Berichte, in denen sie immer wieder das Leid der Palästinenser unter der israelischen Besatzung sachlich schilderte. Ihre Ausgewogenheit brachte ihr allseits Respekt ein und wurde schon im August 2001 von dem ägyptischen Lyriker Samir Darwish in einem der Journalistin gewidmeten Gedicht mit der Zeile gewürdigt: „Ihre Augen bewegen sich niemals nur in eine Richtung.“ Samir lobte in einem Nachruf auf die getötete Journalistin für das arabische Portal Raseef22 ihre „Unparteilichkeit und Professionalität“.

Die palästinensisch-amerikanische Journalistin hatte neben ihrer Tätigkeit als Fernsehreporterin gelegentlich auch Artikel und Aufsätze auf Arabisch veröffentlicht. 2016 reflektierte sie in einem Beitrag für die arabische Ausgabe des angesehenen Journal of Palestine Studies die Rolle der Medien im binationalen Konflikt, der damals wieder eskalierte.

Sie stellte fest, dass sich palästinensische Jugendliche zunehmend durch die sozialen Medien radikalisierten und dann Gewaltakte gegen Israelis begingen. Die starke Emotionalisierung durch das Netz beschrieb sie als wichtige Triebkraft im Widerstand gegen die Besatzung – für Abu Akleh Teil eines „Kriegs der Bilder“. Ihre eigene Aufgabe als palästinensische TV-Journalistin sah sie vor allem darin, der aus ihrer Sicht tendenziösen Berichterstattung in den israelischen Medien entgegenzuwirken.

In diesem Zusammenhang verurteilte sie in dem Aufsatz die Repressionen und Übergriffe von israelischer Seite gegen palästinensische Medienschaffende. Kritik übte sie allerdings auch an ihren arabischen Kollegen: In ihren Fernsehberichten tauchten nur getötete Palästinenser auf und es werde wenig Rücksicht auf die Privatsphäre und Gefühle der Familienangehörigen genommen. Sie könne sich nicht erinnern, schrieb Shireen Abu Akleh, in den arabischen Medien jemals ein Bild von einem der israelischen Todesopfer gesehen zu haben.