Nobelpreise: Die antiquierten Oskars der westlichen Wissenschaftsmaschine

Seit Jahrzehnten gehen die naturwissenschaftlichen Nobelpreise vor allem in die USA und Großbritannien. Gibt es im Osten keine Spitzenforschung? Eine Kritik.

Er hatte es sich anders vorgestellt: Alfred Nobels Büste im Stockholmer Karolinska-Institut.
Er hatte es sich anders vorgestellt: Alfred Nobels Büste im Stockholmer Karolinska-Institut.dpa/Steffen Trumpf

Blicken wir noch einmal zurück in die vergangene Woche und schauen wir auf die Nobelpreise. Wieder gab es Überraschungen, rührende Szenen. Und wieder gab es nur eine Nobelpreisträgerin neben sechs älteren weißen Männern – was Medizin, Physik und Chemie betrifft. Hier rücken die Frauen erst langsam nach, denn die sogenannten harten Fächer waren schon immer eine Domäne von Männern, die es Frauen schwer machten, Fuß zu fassen.

Um es auf den Punkt zu bringen: 628 Nobelpreisträgern, die in 120 Jahren in den genannten Fächern geehrt wurden, stehen nur 24 Nobelpreisträgerinnen gegenüber. Von diesen erhielten 13 ihren Preis nach der Jahrtausendwende. Es beginnt sich also ein bisschen was zu verändern. Dennoch begünstigt das herrschende Modell von Wissenschaftskarrieren noch immer Leute, die sich voll auf die Arbeit konzentrieren können – und das oft auch nachts. Dies sei in vielen Spitzeninstituten üblich, erzählte ein Berliner Genforscher, der in einem Labor in den USA gearbeitet hat. Volle Konzentration auf das Eine! Der Nerd im Labor – immer noch ein Ideal.

Auch die Routine des Nobelpreises ist antiquiert. Sie muffelt nach frühem 20. Jahrhundert. Zu ihr gehören die uhrwerkhafte Inszenierung, der berühmte morgendliche Anruf, die goldene Medaille, der Handschlag des schwedischen K��nigs, das Bankett im Smoking. Aber die Aufmerksamkeit ist gewaltig. Man könnte so sagen: Die Nobelpreise sind die Oscars der Wissenschaft. Wenn auch die Filmbranche mehr Frauen präsentiert und glamouröser ist.

Nobels Idee gilt schon lange nicht mehr

Es ist doch gut, dass es überhaupt einen Wissenschaftspreis gibt, auf den alle schauen, könnte man einwenden. Jede Reform der vertrauten Holztäfelungs-Atmosphäre würde den Nimbus des Nobelpreises zerstören. Doch welchen Sinn hat ein Preis, bei dem man schon lange die ursprüngliche Idee nicht mehr verfolgt? Denn sein Stifter Alfred Nobel hatte 1895 verfügt, diejenigen zu ehren, „die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“.

Heute jedoch liegen die gewürdigten Leistungen oft ein halbes Jahrhundert zurück. Auch das mit dem „größten Nutzen“ ist oft fraglich, wie in der Vergangenheit etwa die Nobelpreise für die umstrittene Lobotomie zur Behandlung von Psychosen oder für die Entdeckung des heute verbotenen umweltschädlichen Insektizids DDT zeigten. Und bei der Grundlagenforschung muss sich der „größte Nutzen“ oft erst noch zeigen.

Noch etwas: So wie die Oscars vor allem die US-amerikanische Filmindustrie feiern sollen, werden auch mit den Nobelpreisen vor allem US-Wissenschaftler geehrt. Die USA hatten nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland als wissenschaftliche Weltmacht abgelöst. Allein in der Medizin gingen in den vergangenen 50 Jahren etwa 70 Nobelpreise in die USA, gefolgt von Großbritannien mit 17 und Deutschland mit sieben. Nach Japan gingen fünf Preise, nach Australien drei, nach China nur einer.

„Nobelpreis-Schmieden“ stehen fast alle in den USA

Da fragt man sich: Gibt es in Osteuropa, in Afrika, in Lateinamerika, ja in den größten Teilen der Welt so gut wie keine medizinische Spitzenforschung? Oder wird in den für die Nobelpreise entscheidenden Kreisen nur nicht angemessen gewürdigt? Vielleicht liegt dies ja an der Dominanz der großen „angelsächsischen“ Wissenschaftsmaschine?

Denn obwohl es weltweit gut 35.000 naturwissenschaftliche Fachzeitschriften gibt, blicken die Augen karriereorientierter Forscherinnen und Forscher vor allem auf zwei führende Journale. Sie heißen Nature und Science und stammen aus Großbritannien und den USA. Der Publikationsdruck und die Macht dieser Journale verzerrten die Wissenschaft, sagen Kritiker. Da geht es auch um viel Geld.

In den USA arbeiten Wissenschaftler gezielt auf Veröffentlichungen in diesen und einigen wenigen anderen Magazinen hin. Auch jene, die die Nobelpreiskandidaten vorschlagen und auswählen, kommen an ihrem Einfluss nicht vorbei. Bestimmte Unis und Institute – fast alle aus den USA – gelten als „Nobelpreis-Schmieden“.

Alfred Nobel wollte mit seinem Preis ein Zeichen setzen. Er wollte fortschrittliche Leistungen der Gegenwart weltweit besonders würdigen. Doch die heutigen Nobelpreise haben sich verselbstständigt. Die Auswahl der Kandidaten aus einem bestimmten Gebiet erscheint oft willkürlich. Aktuelleres ist nur selten dabei. Dass Spitzenleistungen heute in großen internationalen Teams entstehen, spiegeln die Preise auch nicht wider. Es wird Zeit, sie zu reformieren – oder die Bedeutung anderer Preise wesentlich mehr zu betonen, mit denen aktuelle Spitzenforschung geehrt und gefördert wird.