„One Love“-Binde: Wie der Fußball im Whirlpool der Lächerlichkeit absäuft

Es sollte eine Geste gegen Homophobie und Menschenverachtung sein. Der klägliche Rückzug des DFB und anderer verrät das Selbstwertgefühl des Sports.

Mit Neuer, aber ohne Binde geht das DFB-Team am Mittwoch in sein erstes WM-Spiel
Mit Neuer, aber ohne Binde geht das DFB-Team am Mittwoch in sein erstes WM-Spieldpa

Das Wort Doppelmoral hat in den vergangenen Tagen eine stattliche Karriere hingelegt. Noch ehe Fifa-Chef Gianni Infantino in Form einer theatralischen Selbstbeweihräucherung seine Empathie für die Problemlagen der Welt versprüht hat und die Europäer ob ihrer kleinlichen Kritik am WM-Gastgeber Katar schmähte, übte der scheidende ARD-Moderator Frank Plasberg bei seinem letzten Auftritt Kritik an dem verbreiteten Bedürfnis der Kollegen, in diesen Tagen besonders skeptisch nach Katar zu blicken. Trotz oder wegen seines offenen Bekenntnisses, von Fußball keine Ahnung zu haben, erschien ihm die wie eine Monstranz mitgeführte kritische Haltung zum Fußballspektakel im Emirat doch allzu verdächtig.

Warum erst jetzt? Das Geld ist geflossen, die Kameras sind aufgebaut – angesichts der devoten Verbeugung, die Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck unlängst dem Emir von Katar dargeboten hatte, klingen die lauten und lauen Boykottbekundungen wie der Pflichtteil eines allfälligen Ablasshandels. Monstranz, Ablass – vielleicht sind die religiösen Begriffe sogar passend, weil doch der WM-Gastgeber kaum eine Gelegenheit auslässt, zur Rechtfertigung dieser und jener Maßnahme auf religiöse Pflichten und Motive zu verweisen. Das Weltheiligtum Fußball ist hier wie dort wohl meilenweit vom Prozess einer Säkularisierung entfernt.

Aufgeklärte Staatsbürger im Nationaltrikot – ein Gerücht

Zum Zeichen der Hierarchie und Ordnung trägt der sogenannte Spielführer eine Armbinde, die diesen insbesondere für den Schiedsrichter als Ansprechpartner auf dem Spielfeld erkennbar macht. Die modischen Metamorphosen dieser Binde sind beachtlich, in hiesigen Gefilden wurde sie mal durch den Bundesadler, mal durch die schwarz-rot-goldenen Farben der Deutschlandfahne geziert. Die Vorstellungen vom aufgeklärten Staatsbürger im Nationaltrikot kursieren aber nur als Gerücht.

Dabei hat Stammtorhüter Manuel Neuer schon viele Modelle getragen, seit der WM in Südafrika ist die Teilnahme in Katar bereits seine vierte Weltmeisterschaft. Vor einem Jahr bei der wegen der Pandemie verspätet ausgetragenen Europameisterschaft überraschte er durch das Tragen einer regenbogenfarbenen Armbinde, die er als Botschaft gegen Homophobie verstanden wissen wollte. Die Regenbogenfahne gilt weltweit als Symbol der LBGTQ*-Community. Entworfen wurde die Fahne von dem Künstler Gilbert Baker, der diese 1978 eigens für den Gay Freedom Day gestaltet hatte. Manuel Neuer erhielt damals viel Zuspruch. Was in einer liberalen Gesellschaft als selbstverständlich gilt, ist für die Fußballwelt noch immer etwas Besonderes. So gilt der frühere Profi Thomas Hitzlsperger als erster und einziger deutscher Nationalspieler, der sich bislang offen zu seiner Homosexualität bekannt hat – nach seiner aktiven Karriere.

Symbole machen Politik, das ist selbst fußballspielenden Menschen nicht verborgen geblieben. Und so hatten sich die Spielführer mehrerer an der WM teilnehmender Verbände darauf verständigt, eine sogenannte One-Love-Binde zu tragen, eine mild abgeschwächte Version der an die Regenbogenfahne erinnernden Armbinde. Wer bereit ist, sich vom WM-Geschehen unterhalten zu lassen, der konnte die Diskussion um die „One Love“-Binde mit einem gewissen Schmunzeln beobachten. Es war ein bisschen wie beim Streit unter Kindern bei der Verständigung auf eine passende Karnevalskostümierung.

Keine Liebe, keine Binde

Jetzt ist Schluss mit dem Theater. Keine Liebe, keine Binde. „Die Fifa hat sehr deutlich gemacht, dass sie sportliche Sanktionen verhängen wird, wenn unsere Kapitäne die Binden auf dem Spielfeld tragen“, hieß es am Montag in einer gemeinsamen Erklärung jener Mannschaften, die zuvor mit dem Tragen der „One Love“-Binde geliebäugelt hatten. Eine Gelbe Karte also für Manuel Neuer, noch bevor es so richtig losgegangen wäre. Wie gemein. Da machen wir nicht mit.

Die Affäre „One Love“-Binde hat nicht einmal Empörung verdient, in ihr wiederholt sich das korrupte System Fifa als Farce, die nur deshalb weiter gespielt werden kann, weil alle Beteiligten ihre moralische und persönliche Integrität in der Umkleidekabine abgegeben haben.

Es war in der Geschichte der Weltmeisterschaften schon immer zum Scheitern verurteilt, das Verhältnis von akuten sozialen und politischen Fragen mit den Bedürfnissen eines sich in Wertfreiheit ergebenden Fußballs in Einklang bringen zu wollen. In Katar aber, so scheint es, geht der so beliebte Ballsport gerade unter im Whirlpool der Lächerlichkeit. Robert Habecks unglückliche Geste, die er sich inzwischen vermutlich selbst kaum verzeihen kann, wirkt angesichts des „One Love“-Theaters fast wie eine starke Geste des Selbstvertrauens und der Souveränität.