Aus der professionellen Pflege ist inzwischen bekannt, dass sie heillos unterbesetzt ist. Zahllose Krankenschwestern, Pflegehelfer, Ärzte und sonstige Mitarbeiter aus Kliniken und auch Heimen haben in den vergangenen Jahren und vor allem seit Corona durch Demos und lautstarke Auftritte deutlich gemacht, dass in Deutschland Pflegenotstand herrscht und sie sich nicht mehr durch Klatschen auf dem Balkon beruhigen lassen, sondern dass sie mehr Geld und vor allem mehr Kollegen brauchen, um ihre Arbeit überhaupt weitermachen zu können.

Spricht man hingegen mit pflegenden Angehörigen, kann man es kaum fassen. Wie demütig viele von ihnen sind. Wie froh darüber, ihren schwer erkrankten, alten oder behinderten Angehörigen überhaupt noch bei sich zu haben und ihm oder ihr helfen zu können. Wie froh viele von ihnen darüber sind, dass die Großmutter, der Vater, die Schwester, das Kind oder der Partner trotz Behinderung, schwerer Erkrankung, sei es nun Schlaganfall, Mukoviszidose, Erbkrankheit oder nach Unfall, überhaupt überlebt hat. Viele geben ihr Leben für diesen Angehörigen - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie kümmern sich vorwiegend um den Erkrankten und kaum noch um sich selbst. Weil sie nicht dazu kommen.

Das liegt nicht etwa daran, dass pflegende Angehörige selbst kein lebenswertes Leben hätten oder spezielle Helferpersönlichkeiten wären, die nur darauf gewartet haben, sich für andere aufzuopfern. Es ist allzu bequem geworden, für soziale Schieflagen oder systemisches Versagen das Individuum verantwortlich zu machen. Angehörige haben sich die Situation nicht ausgesucht, sondern sie reagieren auf die Umstände in diesem Land. Weil es zur Pflege zu Hause kaum noch vernünftige oder tragbare Alternativen gibt.

Deshalb werden fast 80 Prozent der Pflegebedürftigen auch in Berlin von Angehörigen zu Hause gepflegt. Nicht in Heimen und eben nicht von osteuropäischen 24-Stunden-Hilfskräften, die so oft im Fokus der medialen Berichterstattung stehen. Es sind die Angehörigen selbst, die den Löwenanteil der Pflege hierzulande stemmen. Unbezahlt, ungehört - und so gut wie unsichtbar.

Zu ihnen gehören längst nicht nur „alte Muttchen“, die ihren noch älteren Partner pflegen, wie viele Menschen sich die Pflege zu Hause vorstellen. Weil sie in den Medien kaum gezeigt wird. Es gehören etwa auch eine halbe Million Kinder und Jugendliche zu den Pflegenden. Sie kümmern sich um ihre Eltern, Großeltern, Geschwister, bundesweit. Auch immer mehr Männer kümmern sich – oft neben dem Vollzeitjob – um ihre kranken Angehörigen, wenngleich Pflege in Deutschland immer noch vor allem weiblich ist. Weiblich und arm.

Alle sind froh über die stillen Helfer

Denn Pflege macht arm. Und entgegen allen Versprechungen der Politik hat sich dies in den vergangenen Jahren auch nicht geändert. Im Gegenteil. Der Pflegemarkt ist schon auf Seite der professionellen Anbieter längst zu einem gnadenlosen Renditegeschäft geworden. Wie sollen einzelne Angehörige, die oft auf sich allein gestellt und schon mit der Pflege alle Hände voll zu tun haben, sich auch noch darum kümmern, dass sie und ihre kranken Angehörigen nicht auch noch von Pflege- oder Krankenkasse, professionellen Pflegediensten, Krankenhäusern und sonstigen Dienstleistern im Gesundheitswesen abgezockt werden und ihr gesamtes Erspartes für den zu Pflegenden sowie sich selbst noch obendrein verausgaben? Die Antwort lautet: Der Einzelne kann das nicht schaffen. Dieses massenhafte Problem muss politisch gelöst werden.

Doch die Politik kümmert sich kaum um die pflegenden Angehörigen. Alle scheinen froh darüber zu sein, dass es sie gibt und der größte Pflegedienst der Nation seine Arbeit so schön still und anspruchslos verrichtet, ohne aufzumucken. Täten sie das nicht mehr, würden bis zu acht Millionen pflegende Angehörige in diesem Land plötzlich ihre Arbeit niederlegen, würde das Gesundheits- und Sozialsystem in Deutschland, von der Pflege ganz zu schweigen, zusammenbrechen. Vielleicht ist deshalb niemand so wirklich interessiert daran, pflegende Angehörige und ihr Selbst-Bewusstsein zu stärken.

Angehörige übernehmen zu viele Aufgaben

Umsomehr ist es lobenswert, dass es wenigstens punktuell kleine Scheinwerfer auf die große Gruppe der pflegenden Angehörigen gibt, wie etwa die „Woche der pflegenden Angehörigen“, die im Mai auch in Berlin gezielt Angehörige dazu aufgerufen hat, sich mal ein paar Tage lang selbst etwas Gutes zu tun, mal für ein paar Stunden abzuschalten vom Pflegealltag und sich bei Kunst, Kultur und Seminaren gegenseitig zu stützen.

Doch das kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Ähnlich wie bei der Tafel, die ebenfalls nur durch Ehrenamtliche am Laufen gehalten wird und maßgeblich dazu beiträgt, dass Millionen von Armen in Deutschland nicht hungern müssen. In einem Land, in dem wir gut und gerne leben.

Der Tafel wird gelegentlich vorgeworfen, sie übernehme Aufgaben, die eigentlich der Staat leisten müsse. So ist es auch mit den Angehörigen: Sie übernehmen Aufgaben, die die Politik ihnen übrig lässt.

Weil der Staat seinen Pflichten in der Daseinsvorsorge nicht nachkommt.