Mit seinen Äußerungen zum Ukraine-Krieg und der Unterzeichnung von offenen Briefen, in denen der sofortige Stopp von Waffenlieferungen gefordert wird, ist der Philosoph Richard David Precht in den vergangenen Wochen zum „bad boy“ der veröffentlichten Meinung geworden. Mochte man seine ungebremste Eloquenz eben noch als frischen Impuls zu diesem und jenen Thema betrachten und sogar Gefallen daran finden, so katapultierte er sich mit seinen Ansichten zum Krieg in ein gesellschaftliches Abseits, das den Sonnyboy der Philosophie wohl selbst verblüfft haben dürfte.

So gesehen trat Markus Lanz in seiner Sendung vom Dienstag als eine Art Bewährungshelfer in Erscheinung. Zwei Männer in weit geöffneten braunen Hemden und braunen Hosen parlierten über dies und das und wohltuender Weise zunächst nicht über den Krieg. Man kann nicht sagen, Markus Lanz habe die Zuschauer nicht gewarnt. Regelmäßig trifft er sich mit Richard David Precht zum beinahe ungesteuerten Gespräch, was dann als Podcast einem geneigten Publikum zugänglich gemacht wird. Nun also der Podcast im Fernsehen. Ja, wenn es denn sein muss?!

„Totale Überforderung“

Es ging flott los mit einem hektisch intonierten Oberseminar für ein soziologisch kundiges Publikum. Reden wir noch über ein großes gesellschaftliches Unbehagen oder schon über Angst? lautete die Eingangsfrage, der ein Feuerwerk aus Schlagworten folgte. „Zu viele Krisen“, „totale Überforderung“, „Zukunftsangst“, „das verloren gegangene Aufstiegsversprechen“, „Verlustängste“, „sozialer Abstieg“ etc. Lanz und Precht warfen sich düstere Prognosen wie bunte Bälle zu, bloß um ein bisschen in Fahrt zu kommen. Die Zeit einer ungebremsten Wohlstandsvermehrung, so führte Precht in einem der wenigen ganzen deutschen Hauptsätze aus, sei vorbei, um anschließend raunend zu mutmaßen, dass im sogenannten globalen Süden, zum Beispiel Indien, das Gefühl entstanden sei, endlich auch einmal an der Reihe zu sein. Puh.

Während eine handelsübliche „Lanz“-Sendung nicht selten durch Gäste überzeugt, die über geopolitische Kompetenz verfügen, entlud sich das Podcast-Gerede diesmal in entfesseltem Schwadronieren. Lanz und Precht überboten sich mit rasenden Schauplatzwechseln und machten einen längeren Zwischenstopp in Afrika, wo Precht sich zu der nicht weiter ausgeführten und noch weniger begründeten These hinreißen ließ: „Unsere Lebensweise ist ein Genozid an der afrikanischen Bevölkerung“. Die Industrialisierung, das Klima, die Chinesen, der Hunger  – in atemberaubendem Tempo fegte das flotte Duo über weithin bekannte Sach- und Problemlagen hinweg und türmte dabei einen Schrotthaufen stereotyper Allgemeinplätze auf. „Wir exportieren Moral und Gesinnungsethik, die Chinesen liefern Bohrmaschinen.“ Weltpolitik in 30 Minuten und zur Erbauung ein Goethe-Zitat aus dem „Faust“: „Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie nicht zu trennen.“

Das große Nörgeln

Das wäre zur späten Stunde schon in Ordnung gewesen, hätte da nicht noch der Krieg auf dem Laufzettel gestanden, über den Precht unbedingt noch einmal sagen wollte, was er schon seit Monaten sagt. Man müsse mit Putin verhandeln, auch wenn der womöglich gar nicht verhandeln wolle. Es sei noch gar nicht richtig versucht worden. In den Massenmedien, so sagte Precht allen Ernstes, werde man erschossen, wenn man derlei von sich gibt. Die Äußerung verriet vor allem, dass die Kritik an den Offenen Briefen, die Precht und andere unterzeichnet haben, nicht spurlos an ihm vorüber gegangen ist. Im Fischer-Verlag ist für den September ein gemeinsames Buch mit dem Soziologen Harald Welzer angekündigt, der ebenfalls einschlägige Talkshow-Erfahrungen gesammelt hat. Ihr Leiden an der Differenz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, so die Vermutung, soll nun ihren Niederschlag in Wort und Text finden. Das verheißt wenig Gutes. Leider auch auf Seiten ihrer zahlreichen Kritiker: Noch ehe irgendjemand das Buch hat lesen können, wurde die bloße Absicht bereits in Bausch und Bogen verdammt.

Bei Markus Lanz verstieg sich Richard David Precht noch zu der kulturkritischen Vermutung, dass nicht wir Menschen schlecht seien, sondern unsere Gier leider „systemisch“ sei. Kapitalismuskritik als Wachstumskritik. Darüber hätte man reden können. Bei Lanz und Precht aber mündete es im großen Nörgeln.