Popstar der Sozialreportage: Günter Wallraff wird 80

Er kettete sich aus Protest gegen die griechische Militärjunta in Athen an und verwandelte sich in den türkischen Gastarbeiter Ali. Seine Methode: Unruhe stiften, um aufzuklären. Zum 80. Geburtstag von Günter Wallraff.

Der Investigativjournalist Günter Wallraff wird 80 und spielt immer noch Tischtennis, mit diesem Schläger, fotografiert im September 2022.
Der Investigativjournalist Günter Wallraff wird 80 und spielt immer noch Tischtennis, mit diesem Schläger, fotografiert im September 2022.dpa/Rolf Vennenbernd

Als Günter Wallraff im Mai 1974 zur Top-Nachricht der „Tagesschau“ wurde, weil er sich auf einem belebten Platz in Athen angekettet hatte, um gegen die Gewaltherrschaft der griechischen Militärjunta zu protestieren, war er für mich kein Unbekannter. Kurz zuvor hatte ich seine Textsammlung „Industriereportagen“ gelesen, wohl auch, um in meinem gymnasialen Umfeld als einer zu gelten, der sich politisch informiert.

Zu den Rechercheobjekten einer seiner frühen Reportagen gehörte ein Stahlbetrieb aus meiner Region. Ich munitionierte mich mit der Lektüre also auch, um mitreden zu können. Wallraff hatte einen Job als Hilfsarbeiter angenommen, um aus dieser Position heraus die gesamte Unternehmenspolitik zu durchleuchten. Schlechte Bezahlung, Verletzungen des Arbeitsschutzes und die Enttarnung dubioser Verflechtungen innerhalb einer historisch belasteten Branche.

Gleich nach den „Industriereportagen“ besorgte ich mir die Taschenbuch-Ausgabe der „13 unerwünschten Reportagen“. Vermutlich trug der Titel dazu bei, dass es, 1969 erschienen, schnell zum Bestseller wurde. Hier schrieb einer, der sich nicht einschüchtern lässt. Stören zu wollen war sein Prinzip, eine Art Arbeitsmittel. Unruhe stiften, um aufzuklären. Anfang der 70er-Jahre war Günter Wallraff ein Popstar der Sozialreportage.

Für die „Unerwünschten Reportagen“ hatte er sich, damals Ende 20, in die Rolle eines Alkoholikers in einer psychiatrischen Klinik sowie die eines Obdachlosen begeben. Vor dem Hintergrund wachsender Proteste gegen den Vietnamkrieg hatte er sich als Händler ausgegeben, der in der Lage ist, Napalm für die amerikanischen Streitkräfte zu liefern. Camouflage im sozialpolitischen Auftrag. Die Floskel „der Gesellschaft den Spiegel vorhalten“, war eine gängige Umschreibung von Sozialkritik. Wallraff aber wollte einer sein, der den gesellschaftlichen Eliten die Maske vom Gesicht reißt.

Das symbolische Kapital der Zähigkeit

Auf uns Heranwachsende übte das große Faszination aus, hier machte einer auf existenzielle Weise deutlich, dass Journalismus und Literatur nicht bloß am Schreibtisch entstehen. Nach seiner Aktion in Griechenland wurde er verhaftet und gefoltert, Wallraff kam erst frei, als nach dem Zusammenbruch der Militärherrschaft ein paar Monate später alle politischen Gefangenen freigelassen wurden. Die unbedingte Bereitschaft zum Risiko brachte ihm Anerkennung, rief aber auch Skepsis hervor. Sein Beharrungsvermögen markierte eine Unerbittlichkeit, in der sich die jeweiligen politischen Lager gegenüberstanden. Wer heute von einer zunehmenden Polarisierung spricht, hat vermutlich eine unzureichende Vorstellung von den antagonistischen Verhältnissen der 70er-Jahre.

Anfang der 80er-Jahre, als Günter Wallraff nach der Entdeckung seiner Verwandlung in Hans Esser, den zynischen Reporter der Bild-Zeitung, zu einer gesamtdeutschen Berühmtheit geworden war – einige seiner Bücher erschienen auch in DDR-Verlagen –, begegnete er mir als Gegenstand der literarischen Forschung. An der FU Berlin unternahm ein angesehener Professor in einer Vorlesung den Versuch, die Methode Wallraff als Literatur zu etablieren. Das klingt heute, da die Grenzen zwischen Sachbuch und Belletristik aufgeweicht sind, weniger spektakulär als es war. Mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, die Günter Wallraff für seine Aktionen erhielt, wuchs auch der Verdacht, es mit einem profilneurotischen Einzelgänger zu tun zu haben, der auf das symbolische Kapital seiner Zähigkeit setzt. Die Auseinandersetzung mit seiner Arbeit im akademischen Raum war so gesehen eine nachholende Form der Nobilitierung.

Wallraffs Rollenwechsel: Politische Intervention und künstlerische Performance zugleich

Sicher, es gibt Vorbilder. Bereits 1906 war Upton Sinclairs Roman „The Jungle“ erschienen, der sich darin mit den Hygiene- und Arbeitsbedingungen der amerikanischen Fleischindustrie beschäftigt hatte. Der sogenannten Chicago School wird attestiert, einen wichtigen Zweig der soziologischen Forschung aus dem Geist der journalistischen Reportage heraus entwickelt zu haben. Günter Wallraff knüpfte dort an und brachte ein geradezu zwanghaft wirkendes Bedürfnis ein, das Motiv der Verwandlung nicht nur als mythisch-literarisches Erbe zu verstehen, sondern ganz unmittelbar aufzuführen.

Der Rollenwechsel, der gerade kein Spiel sein wollte, war politische Intervention und künstlerische Performance zugleich. In diesem Sinne hat die Enttarnung immer auch einen kathartischen Effekt. Die Etablierten haben vielleicht nicht ihre Macht verloren, die Demaskierung aber hat den Blick auf sie verändert. Wallraff räumt auf in der Hoffnung, dass die Welt durch sein Zutun eine bessere werde. Mit seiner Verwandlung in den türkischen Gastarbeiter Ali für die Reportage „Ganz unten“ hat er die Arbeits- und Lebensbedingungen der migrantischen Bevölkerung auf spektakuläre Weise für ein Massenpublikum aufbereitet.

Günter Wallraff am 06.12.1985 in der Bremer Talkshow „III nach 9“
Günter Wallraff am 06.12.1985 in der Bremer Talkshow „III nach 9“imago/teutopress

Geselligkeit und Askese

Günter Wallraffs asketische Erscheinung schien stets mit der seelischen und körperlichen Vorbereitung auf den Ausnahmezustand einherzugehen. Bereits in den 60er-Jahren kursierten Steckbriefe, mit denen Betriebe dagegen gewappnet werden sollten, dass Wallraff sich bei ihnen einschleicht. Trotz eines aus professionellen Gründen geschärften Misstrauens ist der Extremsportler Wallraff durchaus ein geselliger Mensch geblieben. Als Wolf Biermann 1976 nach seinem berühmten Kölner Konzert nicht in die DDR zurückkehren konnte, gewährte Wallraff ihm vorübergehend Unterschlupf. Auf ähnliche Weise war später auch Salman Rushdie sein Gast, nachdem der iranische Staatschef Chomeini eine mörderische Fatwa gegen ihn verhängt hatte. Solidarität drückte sich eben nicht nur in Unterschriften unter Resolutionen aus.

Seine Rastlosigkeit ist ein Teil der Methode Wallraff, in verschiedenen TV-Formaten für den Sender RTL gab er zwischen 2012 und 2014 die Erfahrungen seines Lebens als Investigativjournalist an jüngere Kollegen weiter, nicht ohne abermals spektakuläre Ergebnisse über miserable Arbeitsbedingungen prekär Beschäftigter aufzudecken. Seine Vorgehensweise wird seit jeher von dem Bedürfnis angefeuert, auf der richtigen Seite zu stehen – auch wenn mitunter gar nicht mehr so leicht auszumachen ist, wo genau diese sich befindet. So müsste Wallraff sich heute vermutlich auch des Vorwurfs erwehren, Camouflage als kulturelle Aneignung betrieben zu haben und den Opfern, für die er zu sprechen vorgibt, abermals die Stimme zu rauben. Am Samstag wird der Mann, der die Methode, für die es im Schwedischen die Vokabel „walraffa“ gibt (norwegisch „wallraffe“), ausgearbeitet und gelebt hat, 80 Jahre alt.