Pflichtdienst – schon das Wort ist eine Zumutung, in beiden Teilen des zusammengesetzten Substantivs. Der Dienst gemahnt an einen äußeren Zwang, dem man sich nur schwer zu entziehen vermag, und durch die Verbindung mit dem Wort Pflicht, das als innere Verpflichtung auf eine hervorgehobene Dringlichkeit pocht, wird das intendierte Unterfangen schon semantisch zu einem sprachlichen Doppelwhopper, mit dem die Kompensation eines weiter grassierenden Verlusts gesellschaftlicher Bindekräfte geboten scheint.

Tatsächlich hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Interview, in dem er sich die Idee eines sozialen Dienstes zu eigen gemacht hat, von „Pflichtzeit“ gesprochen, die im öffentlichen Diskurs umgehend zum „Pflichtdienst“ mutierte. „Es geht um die Frage“, so hat es Steinmeier der Bild-Zeitung gesagt, „ob es unserem Land nicht guttun würde, wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen Zeitraum in den Dienst der Gesellschaft stellen.“

Der Vorstoß des Bundespräsidenten, den unlängst bereits der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz ins Spiel gebracht hat, stellt hinsichtlich der sozialen Erschütterungen, die insbesondere der russische Krieg gegen die Ukraine ausgelöst hat, ein notwendiges Fundament jener von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufenen „Zeitenwende“ dar, die bislang allenfalls als Kostenfaktor und Voraussetzung zur Umsetzung einer umfassenden militärischen Aufrüstung aufgefasst worden war.

Hinter einer sehr viel weiter gefassten Zeitwende aber, die als Begriff lediglich die euphemistische Markierung eines epochalen Risses ist, durch den die eben noch als verlässlich empfundene moderne Sicherheitsarchitektur infrage gestellt wird, werden die Konturen eines gesellschaftlichen Wandels sichtbar, der nicht mehr allein als politisches Ziel und Versprechen aufscheint, sondern auch droht. Wenn nicht alles täuscht, stellt das Kriegsgeschehen in der Ukraine eine Zäsur dar, die auch den Abschied von einem postmodernen Lebensgefühl bedeutet, das durch die weitgehende Garantie und gelebte Inanspruchnahme individueller Freiheiten und durch maximale Staatsferne geprägt war.

Demokratisches Selbstbewusstsein gegen den Staat durchsetzen

Nach der gesellschaftlichen Konfliktphase in den 60er- und 70er-Jahren, in der eine Haltung verbreitet war, dass demokratisches Selbstbewusstsein oft auch gegen den Staat durchgesetzt werden müsse, schienen die zwei Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit von dem Empfinden getragen, individuelles Streben mit dem nationalen Selbstbild mehr oder weniger gut in Einklang bringen zu können. Der Reichtum an Chancen für das eigene Fortkommen korrespondierte mit den Erwartungen an die Gemeinschaft in postnationaler Konstellation.

Steinmeiers Idee einer Pflichtzeit darf denn auch nicht als Notprogramm missverstanden werden, mit dem auf soziale Verantwortung in schwieriger Zeit eingestimmt werden soll. Eher ist es eine verspätete Reaktion auf die Erkenntnis, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt lange als Bonus des allgemeinen Wohlstands missverstanden worden ist.

Bloß präsidialer Paternalismus?

In den 70er-Jahren war die Verweigerung des sogenannten Kriegsdienstes für viele junge Männer das Startsignal zum Eintritt in einen zivilen Ersatzdienst, der nicht selten vorentscheidend für deren spätere Studien- oder Berufswahl war. Aus der Zwangsverpflichtung auf Zeit erwuchs häufig die Entdeckung einer Berufung. Zugleich wurde der Begriff „Zivi“ zum Synonym für das Bewusstsein einer gesellschaftlichen Selbstverpflichtung, die sich paradoxerweise erst in Opposition zur militärischen Rekrutierung gebildet hatte. Wäre das Gebot der Stunde jetzt nicht eine bewusste Entscheidung aus einem Gefühl der Reife?

Der Verdacht jedenfalls, der sich nun gegen einen vermeintlich präsidialen Paternalismus richtet, sollte einem allgemeinen Bestreben weichen, den in die Defensive geratenen Staat und seine Institutionen durch Partizipation und Teilhabe zu schützen.