In der vergangenen Woche verkündete Berlins Bildungssenatorin, dass im nächsten Schuljahr an Berlins Schulen fast 1000 Lehrer fehlen werden. Der neue Rekordwert erzählt die Geschichte eines Abstiegs. Hat man sich letztes Jahr noch echauffiert, dass fast die Hälfte aller neu eingestellten Lehrkräfte Quereinsteiger war, gibt es nun auch nicht mehr genug Quereinsteiger, um alle offenen Stellen zu besetzen.

Viel ist bei der politischen Steuerung falschgelaufen – auf der Ebene der Kultusministerkonferenz und auf der Landesebene. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Schule in Deutschland hat im Grunde 30 Jahre Organisationsentwicklung verpasst – und der Arbeitsplatz, den sie anbietet, passt nicht mehr so richtig zu den Fantasien junger Leute und zu den modernen Lebensläufen.

Neulich traf ich eine kluge Frau namens Isabell Probst, die früher Lehrerin war. Eine Zeit lang war der Lehrerberuf ihr Traumberuf, doch dann spürte sie mehr und mehr, dass sie unglücklich wurde im System Schule. Heute arbeitet sie als Coach. Sie verdient ihr Geld damit, dass sie Lehrkräfte berät, die schrecklich gerne aus ihrem Beruf aussteigen würden, aber nicht den nötigen Mut haben. Oder nicht wissen, was sie danach machen sollen. Oder genau wissen, was sie danach gerne machen würden – aber Angst haben vor der finanziellen Unsicherheit.

Vielleicht haben wir in Berlin bisher zu viel über die Quereinsteiger nachgedacht – und zu wenig über die Queraussteiger. Ihre Zahl wächst und verrät uns, warum wir den Lehrerberuf dringend modernisieren müssen. Und auch, warum der Beruf immer attraktiver wird für ältere Menschen, die wenig Auswahl haben – und immer unattraktiver für jüngere Menschen, die viel Auswahl haben.

Die Studierenden kehren dem Studium den Rücken

In Berlin beobachtet man das seit Jahren: dass immer mehr Studierende auf dem Weg zum Lehrerberuf aufgeben. Sie verschwinden nach den ersten Semestern, nach Bachelor, Master oder Vorbereitungsdienst, sie verschwinden in andere Städte, Studiengänge, Berufe – und niemand weiß so genau, warum. Deshalb will die Berliner Bildungsverwaltung jetzt eine sogenannte Verbleibstudie auf den Weg bringen, um die Motive der Studierenden zu erforschen. Aber vermutlich werden sich die optionenverwöhnten und manchmal auch verwirrten Generationen XYZ  genau überlegen, ob in diesem Beruf Aufwand und Ertrag in einem guten Verhältnis stehen.

Der finanzielle Ertrag ist nach wie vor ziemlich gut. Jedenfalls gibt es wenige Länder auf dieser Welt, in der Lehrkräfte so gut bezahlt werden wie in Deutschland. Und auch die große Jobsicherheit in einer zunehmend disruptiven Gesellschaft ist natürlich ein Versprechen. Zugleich steht das träge und sehr behördlich organisierte deutsche Schulsystem sozusagen für das Gegenteil von Disruption – und Innovation.

Schule als innovationsfeindlicher Ort

Vor ein paar Tagen erzählte mir eine angehende Referendarin, wie sie sich an der ihr zugewiesenen Schule in Karlshorst vorgestellt hat. Auf die Frage, ob die Schule über Wlan verfüge, sie wolle ihr Unterrichtsmaterial gerne über die Cloud abrufen, reagierte der Schulleiter sehr unfreundlich und sagte: „Nein, natürlich gibt es an meiner Schule kein Wlan.“ Dieses unfreundliche Nein hat die junge Frau unter anderem dazu bewogen, lieber im Bildungsministerium als an der Schule anzuheuern.

In ihrem Buch „Ausgelehrt“ schreibt Isabell Probst, dass es die idealistischen und leidenschaftlichen Lehrerinnen und Lehrer sind, die bei ihr vorstellig werden. Weil sich ihre Ideale zunehmend an der ressourcenarmen Wirklichkeit im Klassenzimmer brechen. Weil die Ansprüche steigen an das, was die Lehrer leisten sollen – und zugleich die Respektlosigkeit im Umgang mit ihnen. Fakt ist auch, dass die Sache mit den Anreizen im deutschen Schulsystem nicht funktioniert. Weil die Leistungsträger überhaupt nicht belohnt – und die Leistungsverweigerer überhaupt nicht bestraft werden. Probst spricht von dem Fehlen einer vertikalen und horizontalen Mobilität, die viele Menschen heute abschreckt.

Gerade die jungen Leute wollen, kaum dass sie die Schule verlassen haben, erst einmal hinaus in die Welt, sich auf vielfältige Weise ausprobieren. Und das Lehramtsstudium ist dann mehr wie eine Jobgarantie für sie, auf die sie später vielleicht zurückgreifen. Und umgekehrt gibt es viele Menschen in der Lebensmitte, die die guten Seiten des Lehrerberufs für sich entdecken – und spüren, was für eine dankbare Aufgabe es sein kann, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Unsere Schulen müssen sich wandeln, um sich für diese Bewerber noch stärker zu öffnen und für die jungen Leute wieder anziehend zu sein.