Dass Putin seine Bombardements einfach so einstellt, glaubt niemand. Dass die Waffenlieferungen des Westens den Konflikt beenden, ist genauso unwahrscheinlich. Dennoch ist es die Rüstungsfrage, die hierzulande seit Wochen vor allem im Fokus steht. Dagegen hat man ein anderes, wichtiges Mittel gegen die Barbarei des Kreml seit Tag eins des Krieges aus den Augen verloren, kampflos aufgegeben: die russische Zivilbevölkerung.

Man kann in diesen Tagen fast den Eindruck gewinnen, Verbindungen zwischen russischen und deutschen Bürgern habe es nie gegeben. Als hätten nicht Hunderte Organisationen, Unternehmen und Vereine über Jahrzehnte hinweg Kontakte in und nach Russland aufgebaut und gepflegt.

Wieso schweigt Platzeck, während Schwarzenegger spricht?

Vom Deutsch-Russischen Forum hört man keinen Mucks, der zurückgetretene Vorsitzende Matthias Platzeck ist komplett abgetaucht. Der Deutsch-Russische Austausch ruft zu Spenden für die Ukraine und zur Teilname an Antikriegsdemos auf, was sicher löblich ist. Aber wo ist der in diesen Tagen so wichtige Draht zur russischen Bevölkerung geblieben?

Arnold Schwarzenegger hat es im März doch wunderbar vorgemacht mit seiner neun-minütigen Videoansprache, gerichtet an „My dear Russian friends“. In der russisch untertitelten Botschaft erklärte er einerseits seine Verbundenheit zu Russland und verdeutlichte andererseits die Kriegsgreuel der Putin-Regierung.

Deutsche Bands sind in Russland Superstars

Es war ein Appell, auf den sehr viele andere hätten folgen können, folgen müssen. Täglich, auch aus Deutschland. Ja, Gregor Gysi hat es versucht, aber wo sind seine Kolleginnen und Kollegen? Oder eine Band wie Rammstein, mit Millionen russischer Fans: Außer einer winzigen Solidaritätserklärung mit der Ukraine Anfang März hörte man von den Musikern zu dem Thema kein Wort.

Wo ist HP Baxxter, wenn es um Leben und Tod geht? Der Scooter-Frontmann, der in Interviews gerne über gut bezahlte Privat-Gigs bei Oligarchen plaudert, schweigt zur russischen Invasion – genauso wie Dutzende andere Künstler, die sich regelmäßig in Russland feiern ließen. In Russland hat die Band eine riesige Fangemeinde. Zigtausende strömen zu ihren Konzerten in Moskau und Sankt Petersburg.

Je stärker sich die Sanktionen in Russland auf den Alltag der Menschen auswirken werden, umso mehr muss man ihnen die Botschaft senden, dass Europa gegen diesen Krieg ist – aber nicht gegen die russische Bevölkerung. Und sollte die Kriegslust seiner Landsleute tatsächlich abnehmen, wird Putin unter Druck geraten. Dass er bis heute auf eine Generalmobilmachung verzichtet hat, kann bereits als Reaktion auf eine mangelnde „Z“-Euphorie interpretiert werden.

Friedensschreie auf Moskauer Rockkonzerten

Dass die Stimmung im Land in Richtung Frieden kippt, ist eine leise, aber nicht unbegründete Hoffnung. Es lässt sich vermuten, dass der Anteil der Kriegsgegner in Russland größer ist, als in Moskau veröffentlichte Umfragewerte es vermitteln:

Trotz harscher Zensurmaßnahmen und restriktiver Gesetze erscheinen in sozialen Medien immer häufiger Videos von lautstarken Antikriegsprotesten: Bei Rockkonzerten in Petersburg und Moskau schrien jüngst Hunderte Menschen ihre Ablehnung heraus, die populäre Band BI-2 weigerte sich, vor einem „Z“-Banner aufzutreten, Rockmusiker Juri Schewtschuk wurde in Ufa für eine Ansprache gefeiert, in der er den Krieg deutlich infrage stellte und formulierte: „Die Heimat ist nicht der Arsch des Präsidenten, den man ständig küssen muss.“

Es gibt in Russland viel mehr Friedenswillen, als wir wahrnehmen

Dutzende Journalisten haben ihren Job bei staatlichen TV-Sendern gekündigt und dies öffentlich gemacht. Die Telegram-Kanäle unabhängiger Medien und Berichterstatter haben Abonnentenzahlen im sechs- und siebenstelligen Bereich.

Das jüngste Interview des ausgewanderten russischen Milliardärs und Putin-Kritikers Oleg Tinkow verzeichnete auf Youtube binnen weniger Stunden Millionen Abrufe. Der Journalist Roman Super veröffentlicht auf Telegram jeden Tag neue Zuschriften von Lesern aus seiner Heimat, die diesen Krieg nicht verstehen und nicht wollen, begleitet von Hunderten Fotos. Mal zeigen sie auf Parkbänke gemalte Peace-Zeichen, mal Studenten mit Friedenstauben, mal winzige „Putin lügt“-Aufkleber, mal riesige Graffitis: „НЕТ ВОЙНЕ“ – „Nein zum Krieg“.

Bühne frei statt Eiserner Vorhang

Die Kriegsgegner in Russland sind da, wir müssen sie wahrnehmen, bestärken und wo wir nur können alles dafür tun, dass ihre Zahl größer wird. Dazu zählt das Telefonat mit längst vergessenen russischen Bekannten genauso wie eine professionell produzierte, breit gestreute Botschaft à la Schwarzenegger.

Wenn ein neuer Eiserner Vorhang verhindert werden soll, funktioniert das nur, wenn die Zivilgesellschaft über Grenzen hinweg zusammenhält.

Autor: Jakob Buhre hat als Sozialarbeiter in Sankt Petersburg gelebt, schreibt heute als Journalist für verschiedene Tageszeitungen und veröffentlicht Interviews auf www.planet-interview.de.