Berlin - Nun ist das Schlimmste dann doch passiert, ein Gericht in London hat die deutsche Tennislegende Boris Becker wegen gravierender Verstöße gegen seine Insolvenzauflagen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Davon wird er wohl mindestens die Hälfte in einem echten Gefängnis absitzen müssen. Wie traurig dieser Tag für den Star war, kann man nur erahnen.

Schon am Morgen war der Tennisstar mit einer kleinen Reisetasche mit frischen Unterhosen und Wechselkleidung in den Gerichtssaal gehumpelt, um im Falle der direkten Überführung ins Gefängnis vorbereitet zu sein. Das ist ein Schock für den Sport. Das ist ein Schock für Deutschland und ein Triumph für die vielen Neider und Missgünstlinge in Beckers Heimatland. Die sich immer über Becker lustig gemacht und seinen Absturz herbeigesehnt haben.

Jesko zu Dohna
Zum Autor

Jesko zu Dohna wurde 1987 in Dortmund geboren, er ist Historiker und Absolvent der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München. Er arbeitete für den Deutschlandfunk (DLF), Playboy und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und baute das Medien-Start-up Media Pioneer (Gabor Steingart’s Morning Briefing) mit auf. Seit März 2021 ist er bei der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung. Jesko zu Dohna verantwortet die gesamte Wirtschaftsberichterstattung, Food & Drink und ist Stellvertretender Chefredakteur.

Ich finde: Das hat Boris Becker nicht verdient. Denn egal was war und was ist: Die Tennislegende Boris Becker wird immer mein Vorbild bleiben. Nicht nur, weil es bis jetzt vor und nach ihm keinen größeren Star in Deutschland gab. Karl Lagerfeld, Claudia Schiffer, Michael Schumacher, Steffi Graf, Kati Witt oder Iris Berben, sie alle sind toll. Aber sie können Boris Becker natürlich nicht ansatzweise das Wasser reichen, denn kein Deutscher hat weltweit einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht wie Becker. Keiner!

Man muss sich das mal vorstellen: Nach seinem Sieg 1985 in Wimbledon gegen den Südafrikaner Kevin Curren wollten alle ein Stück vom Kuchen abhaben. Wer sich die wirklich großartige Becker-Doku „Der Spieler“ dieser Tage noch einmal anschaut, der bekommt ein ziemlich gutes Bild vom damaligen Beckerhype: Becker bekam eine Audienz beim Papst in Rom, Bundeskanzler Helmut Kohl wollte sich mit dem Tennisspieler fotografieren lassen und das deutsche Wunderkind wurde ins Weiße Haus eingeladen. Und an medialer Präsenz übertraf Becker den mächtigsten Mann der Welt damals sogar, denn Beckers Gesicht tauchte im Jahr 1985 fünfmal mehr im Fernsehen auf als das des US-Präsidenten.

Imago/ Sven Simon
Sein größter Triumph: der Gewinn des Wimbledon-Finales 1985 gegen den Südafrikaner Kevin Curren.

Boris Becker ist der Größte!

Und, da lege ich mich fest, er würde auch jetzt noch mit seinem schweren, vom jahrelangen Tennisspielen geschundenen Körper und seinem verschmitzten Lächeln Deutschland besser repräsentieren als unser momentaner Bundeskanzler. Rufen Sie sich dazu einfach wieder das Bild von Olaf Scholz ins Gedächtnis: Wie der kleine Hutzelmann mit seiner FFP2-Maske vor dem Kamin im Oval Office sitzt. Das ist doch wirklich kein Auftritt, oder?

Dass Boris Becker der Größte ist, stand für mich als rothaarigen Jungen natürlich schon früh fest. Zum ersten Mal habe ich Boris Becker im Sommer 1996 – ich war sieben Jahre alt – Tennis spielen sehen. Mit meinem Vater habe ich mir damals beim Rasenplatzturnier im Londoner Queen‘s Club das Finale zwischen Stefan Edberg und Boris Becker angeschaut. Boris Becker hat natürlich gewonnen. Das Publikum in London und ich waren ganz vernarrt in den jungen Mann. Für mich war er schon davor ein Idol. Immer wenn er in Wimbledon spielte, saßen die Leute in unserem Tennisclub in Dortmund vor dem Fernseher. Keiner wagte es dann, selber auf den Ascheplatz zu gehen.

Solidarität mit Boris Becker

Damals in Queens war Boris Becker neben meinem (auch rothaarigen) Vater eigentlich das einzige männliche Vorbild für mich, denn damals gab es noch keine rothaarigen männlichen Unterwäschemodels, schlimmer noch: „Gingers“ wurden noch sehr gehänselt in der Schule. Auch Boris Becker ist es zu verdanken, dass sich das inzwischen geändert hat. Ich verzeihe ihm sogar, dass er seine Haare inzwischen blond färbt. Er ist für mich natürlich schon deswegen unantastbar. Egal, welche Steuertricksereien er auf dem Kerbholz hat.

Und ähnlich scheinen sich übrigens die meisten Sportbegeisterten auf der Welt zu fühlen. Als ich Boris Becker vor vier Jahren beim Tennisturnier in Roland Garros zum zweiten Mal in meinem Leben sah, war die Zuneigung der meisten anderen Zuschauer, trotz der sich damals schon anbahnenden Insolvenzsache, ungebrochen. Während ein Michael Chang oder ein Mats Wilander relativ entspannt über die Pariser Anlage schlendern konnten, wurde Becker stehts von einer riesigen Traube von Menschen verfolgt. Und auch in seiner neuen Heimat Großbritannien liebt man den alternden dreimaligen Grand-Slam-Sieger heiß und innig.

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Alle wollen sich in seinem Glanz sonnen: BB mit Bundeskanzler Helmut Kohl.

Man muss Boris Becker einfach lieben, viele hassen ihn

Für die Deutschen allerdings trifft das seit ein paar Jahren nicht zu. Die meisten Deutschen verstehen allerdings wenig bis gar nichts vom Tennis und vom Sport generell, deswegen ist Ihnen auch in den vergangenen Jahren gar nicht aufgefallen, dass Becker es war, der Novak Djokovic zur unangefochtenen Nummer 1 der Weltrangliste coachte. Und das es in der Geschichte des Tennissports nie einen besseren und kompetenteren Fernsehkommentator als Becker gab und jetzt erstmal nicht mehr geben wird.

Das alles wird nicht gesehen. Schlimmer noch, viele machen sich inzwischen nur noch lustig über den als Unternehmer zweifelsohne gescheiterten Becker und verfolgten in den vergangenen Monaten mit Häme und gar Schadenfreude, wie ein sichtlich gezeichneter Mann von Gerichtsverhandlung zu Gerichtsverhandlung trottete. Und die deutschen Medien? Sie helfen seit Jahren aktiv dabei mit, Becker medial zu demontieren. 2017, als Boris Becker in London Privatinsolvenz anmeldete, arbeitete ich als Praktikant im Sportressort des Nachrichtenmagazins Der Spiegel in Hamburg.

Auch wenn ich nichts Böses über die wirklich sehr guten Journalisten dort sagen kann, hat mich der Ehrgeiz und die Aggressivität, mit der die Kollegen (und auch ich, denn ich wollte mich beweisen) zeitweise auf der Suche nach immer neuem Fehlverhalten von Boris Becker waren, irritiert. Für die saftigen Reportagen, die damals entstanden, war scheinbar jedes, sonst rein private, Detail von Becker wichtig. Da wurden etwa Freunde und nur flüchtige Bekannte aus fast vier Jahrzehnten abtelefoniert.

Die Kollegen hatten sichtlich Spaß am Fall Becker und gratulierten sich zu jedem pikanten Baustein, den ein anderer zu Tage förderte. Wenn man die Worte von Boris Becker aus der Doku hört, fragt man sich natürlich, ob das alles so richtig war: „Es geht darum, ein Lebenswerk kaputt zu machen. Ich liege auch abends im Bett und frage mich: Wer hat was davon? Was habe ich den Redakteuren getan?“

Die Deutschen sind besonders bösartig

Was also ist der Grund für diesen bösartigen Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit einem Mann, der um nichts weniger als um seine Freiheit kämpft? Ich glaube, der Grund für diese hässliche deutsche Fratze ist, dass die Deutschen (und vor allem ihre Politiker) von der Obsession der Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit besessen sind, die mit Neid, Misstrauen und Missgunst auf alles Exzentrische, Erfolgreiche und Herausragende blickt.

Der Soli, die Pendlerpauschale, der aufgeblähte Sozialstaat, die staatliche Parteienfinanzierung, die billigen Anzüge und die orthopädischen Schuhe der Spitzenpolitiker. In den USA zeigt man gerne, was man hat, wird gelobt für materiellen Erfolg. Will man sich in Deutschland gesellschaftlich halten, ist man am besten weder reich noch erfolgreich, nicht zu selbstsicher und schon gar nicht gut gelaunt. Denn alles Herausragende macht die Mitmenschen misstrauisch. Vor Monaten sagte mir mal ein Kollege, er fühle sich von meiner guten Laune bedroht. Ich finde, das sagt schon alles.

In einem Spiegel-Interview gibt der Markenexperte Gregor Busch eine ziemlich gute Analyse dieser deutschen Gedankenwelt ab: „Wenn sich jemand immer neue Ausreden ausdenkt und angibt, er habe ein tolles Leben, er sei gar nicht insolvent, halten die Leute das nicht mehr für cool. Nahezu jeder Fehler wird verziehen, wenn man offen damit umgeht und Größe beweist. Aber wenn jemand keine Einsicht zeigt, seinen eigenen Stiefel immer weiter durchzieht, empfinden das viele so, als sei man von einem Freund angelogen worden.“

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Ein deutscher König: Boris Becker mit seiner ersten Frau Barbara Becker vor dem Empfang durch die britische Königin Elizabeth II. in Schloss Brühl.

„Wenn Du untergehst, dann versuchen sie dich zu töten, jeden Tag aufs Neue“

Boris Beckers ehemaliger rumänischer Manager Ion Țiriac beschreibt diesen grausamen deutschen Charakterzug in der Becker-Doku so: „Die Deutschen sind wie Wellenreiter. Wenn die Welle oben ist, dann geben sie dir alles. Aber wenn du untergehst, dann versuchen sie dich zu töten, jeden Tag aufs neue.“ Und wirklich, mit dem jungen Boris Becker, nordische Züge, helle Haare und blasse Haut, ist es wie mit Siegfried aus dem Nibelungenlied: Der zwar höchsten Ruhm erreicht, aber am Ende sterben muss.

Das geht natürlich nicht nur Boris Becker so. Auch der Abstieg des ehemaligen Radprofis Jan Ullrich, der für mich deutlich abgeschlagen hinter Boris Becker das andere große deutsche Sportidol ist, wurde von den Medien bis in die innerste Intimsphäre ausgeschlachtet. Wir alle erinnern uns an die Videos und Bilder der verwirrten und vollgedröhnten Radlegende aus Mallorca.

Schaut man sich heute das Video von Boris Beckers Empfang in seiner Heimatstadt Leimen im Sommer 1985 nach dem großartigen Wimbledonsieg an, wird einem bewusst, wie grausam und bedrückend das deutsche Mindset sein kann. Da steht Boris Becker neben dem mit einer Halskette dekorierten Bürgermeister, der zu den Tausenden Menschen unter dem Balkon sagt: „Lieber Boris, Sie haben Tennisgeschichte geschrieben. Wir haben für Sie gezittert und Sie haben dann für uns gesiegt.“ Der 17-Jährige lächelt damals etwas verlegen.

Nicht wie Philipp Lahm: keine Skandale, viel Langeweile und wenig Humor

„Da ist gewissermaßen ein Missverständnis entstanden, bis heute: Dass ich für das Land, für Deutschland, gewonnen habe, oder zumindest, zu spielen habe“, sagt Boris Becker fast 35 Jahre später. „Ich war vielleicht noch nie Euer Junge.“

Klar, man kann jetzt einwenden, dass Boris Becker doch alle Möglichkeiten in seinem Leben hatte, dass er doch schon mit 18 Jahren ein Privilegierter war, dass er damals schon jährlich soviel Geld verdiente wie zehn Durchschnitts-Deutsche in einem ganzen Leben. Boris hätte sich doch einfach nach seiner Karriere zur Ruhe setzen können. Hätte vielleicht manchmal durch die Talkshows tingeln können, ein respektierter, bescheidener und gut erzogener ehemaliger Sportler sein können. Er hätte doch am besten so ein Typ wie Philipp Lahm werden können. Keine Skandale, viel Langeweile und wenig Humor.

„Schuhmacher, bleib bei Deinen Leisten“, sagt man in Deutschland dazu. Aber der Boris, so tickt die deutsche Seele, hätte einfach nicht so gierig sein sollen, hätte nicht so viele Geschäfte machen sollen. Hätte sich nicht jedes Jahr eine neue Frau zulegen sollen. Sowas macht man einfach nicht, denkt der spießige Deutsche in seinem Reihenhaus mit Carport und Mercedes-C-Klasse vor der Haustür. Das hat der Boris jetzt davon. Gegen Insolvenzauflagen verstoßen ist doch wirklich kein Kavaliersdelikt. Gleiches Recht für alle.

Das Wimbledon-Finale auf Youtube schauen!

Das Problem dabei ist nur: Wir leben nicht mehr in den 70er- oder 80er-Jahren. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der es auf Kosten der Ausbeutung unseres Planeten stetiges und zuverlässiges Wachstum gab. Wir leben, das zeigt der Überfall auf die Ukraine und unsere Schwierigkeit, von russischem Gas unabhängig zu werden, nicht mehr in einer Welt, in der deutscher Durchschnitt ausreicht, um auch noch in Zukunft Wohlstand zu garantieren. Schließlich müssen wir Jungen aktuell Millionen von Babyboomern finanzieren, die jetzt in Rente gehen.

Was genau also bringt uns ein Boris Becker im Gefängnis? Und was nützt uns die deutsche Obsession für das Mittelmaß heute überhaupt noch? Sollten wir unseren Kindern nicht erzählen, dass sie alles im Leben erreichen können, wenn sie es sich nur ganz fest vornehmen? Dass sie groß statt mittelmäßig klein denken sollen? Hollywood statt Kreissparkasse?

Und sollten wir nicht jedes Jahr, und zwar mit der ganzen Familie, das epische erste Wimbledonfinale vom 7. Juli 1985 anschauen? Bei Youtube gibt es das Match jedenfalls kostenlos in voller Länge. Das wär doch was für das anstehende Wochenende, oder. Ein Traum, auch wenn es wirklich zum Heulen ist. Kopf hoch Boris. Du bist in unseren Herzen.


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