Das hat uns gerade noch gefehlt. Nach über zwei Jahren Corona mit zuvor nie vorstellbaren Einschränkungen des öffentlichen wie privaten Lebens. Nach außerdem drei Monaten Krieg fast vor der Haustüre mit den bekannten politischen Verwirrungen. Nach mit beiden Krisen verbundenen existenziellen Sorgen um Gesundheit, Leben und Tod. Nach schweren finanziellen Einbußen für viele Bevölkerungsgruppen. Nicht zu schweigen von den starken sozialen Verwerfungen. Nach all diesem Wahnsinn also kommen nun auch noch: die Affenpocken.

Eine Affenpocken-Pandemie lässt sich hierzulande wohl verhindern

Verständlich, dass niemand Lust auf eine neue Pandemie hat. Aber die muss es auch gar nicht geben.

Nach allem, was wir heute über die Affenpocken wissen, heißt es, erst mal Ruhe zu bewahren. Und bitte nicht schon wieder in den Panikmodus zu verfallen, wie auf Social Media bereits wieder gut dokumentiert ist: Vor allem Eltern kleiner Kinder sorgen sich dort um ihren Nachwuchs und fragen nach Schutz, vor allem solche Eltern, die auch bis heute große Angst vor Corona umtreibt – trotz Omikron und obwohl fast 80 Prozent der Deutschen gegen Covid-19 geimpft sind.

Verständlich, dass Eltern ihren Nachwuchs schützen wollen. Aber der ist nicht wirklich in Gefahr.

Jedenfalls nicht durch die Affenpocken und auch nicht mehr ernsthaft durch Corona. Zwar besagt die Forschung, dass der Affenpocken-Virus, der bei Infektion für Fieber, Kopf-, Muskelschmerzen und Ausschläge sorgt, für Menschen mit geschwächtem Immunsystem und bei Kindern gefährlicher werden könne als für andere.

Die hohe Sterblichkeit gilt nicht für die hier verbreitete Affenpocken-Variante

Aber die Letalität von etwa zehn Prozent gilt nur für die gefährlichere Variante. Sie lässt sich nicht auf die sich bei uns gerade verbreitende ungefährlichere westafrikanische Variante und auch nicht auf westliche Industriestaaten mit ihrem – wenn auch in den vergangenen Jahren durch Personalmangel und finanzielle Fehlanreize deutlich geschwächten – Gesundheitssystem vergleichen, in dem auch die Kindersterblichkeitsrate sehr niedrig ist.

Zum Vergleich: Von 1000 Kindern sterben laut Unicef im weltweiten Durchschnitt 38 Mädchen und Jungen vor ihrem fünften Geburtstag, aber 76 von 1000 Kindern in Subsahara-Afrika. In Deutschland sind es dagegen vier von 1000 Kindern.

Diese Zahlen muss man kennen, wenn man die Gefährlichkeit des Virus betrachtet – um sie miteinander ins Verhältnis zu setzen. Folgerichtig beklagen deutsche Kinderärzte bereits eine Panikmache bei den Affenpocken. Das Virus sei „weit weniger ansteckend als Corona“ und werde fast ausschließlich durch „engen Körperkontakt und Körperflüssigkeiten“ übertragen, so der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Thomas Fischbach.

Extrem unwahrscheinlich, dass sich Kinder hier mit Affenpocken anstecken

„Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich in der momentanen Lage in Europa Kinder mit Affenpocken anstecken“, sagt auch der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, Tobias Tenenbaum. „Es sind auch keine Fälle bekannt, in denen sich Affenpocken in Europa innerhalb von Familien ausgebreitet haben. Daher brauchen sich Eltern aktuell keine Sorgen zu machen.“

Zwar gibt es auch für die Affenpocken schon wieder frühe Mahner. US-Präsident Joe Biden gehört dazu, indem er sagte, „alle sollten sich darüber Sorgen machen“. Auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach empfahl am Dienstag Mittag eine 21-tägige Quarantäne für Infizierte sowie deren Kontakte zu verordnen und mahnte zur Vorsicht, um die Verbreitung zu stoppen. Doch auch er betonte: Betroffen seien vor allem Männer mit wechselnden männlichen Geschlechtspartnern, verbreitet werde das Virus derzeit wohl vor allem durch Sex. Dies sei keine Stigmatisierung, sondern eine Eingrenzung der Betroffenen – wenngleich sich theoretisch alle Geschlechter jeden Alters anstecken können, wie Lothar Wyler als Präsident des Robert-Koch-Institutes ergänzte.

Praktischerweise hatte der Gesundheitsminister nur einen Tag vor Ausbruch der Affenpocken in Deutschland vergangene Woche verkündet, dass die Gesundheitsminister der G-7-Staaten aktuell eine Pocken-Pandemie simulieren wollen (ausgelöst durch einen fiktiven Leopardenbiss), um zu eruieren, ob die Länder nun besser auf eine Pandemie vorbereitet seien als zu Beginn von Corona.

Das will und darf man wohl hoffen.