SPD-Politiker macht sich mit Tweet zum Pflegenotstand lächerlich

Der Hilferuf eines Abgeordneten aus der Notaufnahme einer Berliner Klinik macht deutlich: Die Zustände sind allen so lange egal, bis man selbst betroffen ist.

Notaufnahme überlastet? Wer hätte das ahnen können?
Notaufnahme überlastet? Wer hätte das ahnen können?dpa/Jan Woitas

In einer anderen Welt könnte es ein aufrüttelnder Tweet sein, politisch aufgeladen, zu Recht voller Wut und Betroffenheit – und mutig, die Missstände öffentlich zu machen: Der Berliner Abgeordnete Orkan Özdemir (SPD) hat in der Nacht zu Dienstag auf Twitter empört verkündet, stundenlang mit seinem Kind in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses gesessen zu haben und gar nicht drangekommen zu sein.

Eine andere Mutter sei ebenfalls mit ihrem Baby da gewesen, habe kaum noch laufen können, sei weggeschickt und später mit dem Krankenwagen wieder eingeliefert worden. Er habe ihr seine Unterstützung im Falle einer rechtlichen Auseinandersetzung zugesichert und habe selbst die Klinik unverrichteter Dinge wieder verlassen, um bei einem „befreundeten Arzt“ Hilfe zu finden. Vermutlich dachte er, der Tweet sei hilfreich. Der Schuss ging nach hinten los.

Unter dem Tweet finden sich seither eine Menge mindestens genauso empörter Twitterer aus dem Gesundheitsbereich ein, die ihn willkommen heißen – in der Realität der Gesundheitsversorgung. Sie schreiben Dinge wie: „Wir haben seit Jahren davor gewarnt, aber es wollte ja niemand hören. Übrigens: Mit Ulla Schmidt und Karl Lauterbach fing das Elend damals an. Von welcher Partei waren die nochmal?“ Andere verweisen auf Jens Spahn von der CDU und Philipp Rösler von der FDP (ehemaliger Vizekanzler, inzwischen Aufsichtsrat des Düsseldorfer Energiekonzerns Uniper, der aktuell durch die Gasumlage gerettet werden soll), die ebenfalls als Gesundheitsminister höchstens Verschlimmbesserungen zum Pflegenotstand beigetragen hätten.

„Schräg, wenn man sich Anti-Diskriminierung auf die Fahnen schreibt, die Impfpflicht für Pflegekräfte unkommentiert lässt und sich dann über den Mangel an Arbeitskräften im Krankenhaus beschwert“, kommentiert ein anderer.

„Wie kann man als Politiker so ahnungslos über die Situation in der deutschen pädiatrischen Versorgung sein“, bringt ein Kommentator das große Fragezeichen über der Aktion auf den Punkt. „So sieht es in nahezu allen Ambulanzen und Stationen im Land aus. Das ist nicht das Krankenhaus, was scheitert, sondern das System.“

Viele ereifern sich darüber, dass der SPD-Abgeordnete ankündigte, eventuell rechtlich gegen die Klinik vorgehen zu wollen, anstatt sich als Politiker dafür einzusetzen, dass sich am Pflegenotstand etwas ändert – geschweige denn überhaupt wahrzunehmen, dass hinter solchen Situationen wie in der Berliner Notaufnahme ein seit Jahrzehnten anschwellender und sich akut entladender Pflegenotstand steckt, der sich nicht durch Einzelbeschwerden ändern oder lindern lässt. 

Schon gar nicht von Politikern, die offenbar noch nie etwas davon gehört zu haben scheinen, dass mitten in der Hauptstadt – so wie auch in anderen deutschen Großstädten und ebenfalls in der Provinz – die Gesundheitsversorgung seit Jahren dermaßen am Limit ist, dass viele Kliniken und Notaufnahmen nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Kollateralschäden inbegriffen, die ebenfalls meist nur die direkt Beteiligten zu interessieren scheinen.

Wir bei der Berliner Zeitung schreiben uns über sämtliche Formen des Pflegenotstandes und der medizinischen Unterversorgung schon lange die Finger wund, das medizinische Fachpersonal twittert wie verrückt, einige Mutige geben offen und mit Klarnamen Auskunft über die Zustände – doch viele scheinen immer noch zu denken: Schlimm, schlimm, aber solange es mich nicht betrifft, kümmere ich mich lieber um alles andere.

Das können Einzelpersonen tun und bekommen dann, sobald es sie eben betrifft, die Quittung für diese Sorglosigkeit. Wer viel Glück hat, gerät im Notfall nicht an eine ausgebrannte Notärztin oder Pflegekräfte, die innerlich gekündigt haben, sondern vielleicht an eine ungelernte Hilfskraft, die trotzdem irgendwie Ahnung hat, oder an einen jungen Assistenzarzt, der noch nicht komplett verheizt ist. Doch wenn Politiker so handeln, als wüssten sie nichts von den Zuständen in den deutschen Kliniken, Pflegeheimen und sonstigen unterversorgten medizinischen Einrichtungen, dann haben sie nicht nur den Schuss nicht gehört. Sondern sie beteiligen sich aktiv an der Ignoranz der Mehrheit der Gesunden gegenüber einer Minderheit, den Kranken – und Pflegenden. Und inzwischen auch den Ärzten.

Unter #medizinbrennt schreiben sich nach den Pflegekräften nun auch die Mediziner seit geraumer Zeit den Frust über ein System aus dem Leib, das längst nicht mehr den Patienten dient, sondern der wundersamen Vervielfachung des Geldes auf ihrem Rücken – und dem der Beschäftigten. An der Charité rufen Mediziner für nächste Woche Mittwoch zur Streikkundgebung – und laden ausdrücklich die Bevölkerung zur Unterstützung ein. Vielleicht lässt sich Orkan Özdemir dort mal blicken, um sich aufklären zu lassen über die Hintergründe zu seinem Tweet – wenn er sich denn noch traut.