Um festzustellen, dass beim PEN einiges schiefläuft, bedurfte es nicht erst des Eklats in Gotha. Die Symptome zeigten sich seit Langem. Die Jahreshauptversammlungen fühlten sich an wie Treffen der Abi-Jahrgänge 1959–60. Als „Neuzugang“ wurde man stets kritisch beäugt. Von Ausnahmen abgesehen waren die Wortführer meistens Männer.

Auf dem Foto „Über uns“ auf der Website des PEN wird genau dieser Geist verbreitet, in Schwarz-Weiß, ohne eine einzige Frau im Bildvordergrund. Dass das Vortragen von Nekrologen auf den Versammlungen immer mehr Zeit in Anspruch nahm, führte nicht zu einem Umdenken, was die Öffnung des PEN hin für Jüngere anging.

Neuzugänge als „Massentaufe“ abqualifiziert

Als Josef Haslinger auf einen Schlag mehrere Dutzend Neuzugänge ermöglichte, war die Reaktion der Besitzstandswahrer not amused: Anstatt sich zu freuen, dass der PEN auch Strahlkraft für Jüngere (damit sind Menschen unter 60 gemeint) hat, dass sich mehr Kolleg:innen für die Freiheit des Wortes einsetzen wollen, hieß es, was denn diese „Massentaufe“ solle?

Schon das Aufnahmeprinzip ist fragwürdig: Man muss von zwei Bürgen unabhängig voneinander vorgeschlagen werden. Das heißt, der PEN rekrutiert Neuzugänge aus dem Freundes- und Kollegenkreis seiner Mitglieder. Autor:innen, die dort nicht verbandelt sind, bekommen keinen Zugang. Man wolle so Qualität sichern, heißt es. Viele Mitglieder stießen in den Siebzigern zum PEN, hier nimmt auch niemand mehr eine „Qualitätskontrolle“ vor. Nun beleidigt von einer Altersdiskriminierung zu sprechen, ist eine Retourkutsche, die das Problem der Selbstbezüglichkeit verschleiert.

Dass die klandestine Vereinsmeierei offenbar auch bei einer großen Zahl derer, die schon lange dabei sind, nicht zu einer Identifikation mit dem PEN führt, zeigte sich unter anderem daran, wie wenige Mitglieder sich an der Entscheidung über den Verbleib von Deniz Yücel an der Spitze des PEN beteiligten. Dabei konnte man online abstimmen. Von rund 770 Mitgliedern haben nur 148 an der Abstimmung über ihren Präsidenten (und andere Präsidiumsmitglieder) teilgenommen. Die meisten scheinen sich so entfremdet zu fühlen, dass sie nur einmal im Jahr ihren Beitrag überweisen. Alles in allem: mehr Staub als Patina.

Der PEN, ein Ort von Hass, Hetze, Bigotterie, Homo- und Xenophobie?

Schwerer noch wiegt die Frage, ob im PEN selber die Werte gelebt werden, die man in der großen weiten Welt zu bekämpfen trachtet. „Ich schäme mich dafür, dass der PEN intern die Missstände aufweist, die er extern zu bekämpfen vorgibt: Hass, Hetze, Bigotterie, Homo- und Xenophobie“, schreibt Ex-Präsidiumsmitglied Nikola Anne Mehlhorn in ihrem Blog. Und in der Tat verstören Bemerkungen nach der Wahl von Yücel zum Präsidenten über „Gastarbeiter im PEN“, Wendungen wie „der gebürtige Türke“, „das anatolische Temperament“ oder gar „der anale Herr“ über ein ehemaliges PEN-Präsidiumsmitglied mit gleichgeschlechtlichem Partner. Dass mit solch einer Mentalität vorurteilsfrei an verfolgte und bedrohte Menschen, oft selbst in ihrem Land jeweils Angehörige von Minderheiten, herangegangen werden kann, muss bezweifelt werden.

Wenn das PEN-Zentrum Deutschland in Zukunft Vertrauen in seine Arbeit erhalten und auch bei jüngeren Autor:innen Anklang finden möchte, muss es sich von solch gönnerhaft-schenkelklopfenden Attitüden verabschieden.

Ein weiteres strukturelles Problem: Grundsätzliches wie, wann ein Autor nur für sich spricht und wann nicht, scheint in einer Autor:innen-Vereinigung nie geklärt worden zu sein. Für Yücel konnte nicht klar sein, wo die Grenze zwischen seiner Rolle als Journalist einerseits und als Funktionsträger des PEN andererseits verlaufen würde. Bekanntlich wurde sofort sein Rücktritt gefordert, als er auf einem Podium in Köln eine einigen Mitgliedern nicht opportune Meinung äußerte. Auch der PEN-Kollege Wolfgang Bittner, der eine ganz andere Haltung als Deniz Yücel vertritt, wurde öffentlich zurückgepfiffen.

Schriftsteller sind solitäre Existenzen

Ist das PEN-Zentrum Deutschland, 1925 gegründet, nun überflüssig?

Nein. Die Freiheit des Wortes ist, wenn man sich die Berichte zum Beispiel von Reporter ohne Grenzen anschaut, lange nicht mehr so bedroht gewesen wie heute. Es gibt kaum übergeordnete Zusammenschlüsse zwischen den vielen solitären Existenzen, die Schriftsteller:innen meist nun mal sind. Man spielt nicht in einer Band, man trainiert nicht im Team, man grübelt nicht im Forschungsprojekt, man sitzt, wenn man nicht gerade auf Lesereise ist oder in einer Schule liest, den ganzen Tag allein vorm Bildschirm. Doch der PEN bietet Möglichkeiten für ein gemeinsames Tun jenseits von Partikularinteressen.

In seiner langen Geschichte hat das PEN-Zentrum Deutschland viel für verfolgte und exilierte Autor:innen erreicht. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass sich die vielen Mitglieder, die bisher meist stumm geblieben sind, mehr für den PEN einsetzen? Dass der PEN eigentlich heterogener und zeitgemäßer ist, als diejenigen vermitteln, die ihn wie ein Altherren-Abitreffen erscheinen lassen, davon bin ich überzeugt.