Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern: Beide sollten weniger arbeiten

Teresa Bücker betrachtet in ihrem Sachbuch „Alle_Zeit“ eine gesellschaftliche Ressource, die so wichtig wie Geld ist – aber nicht genauso ernst genommen wird.

Die Autorin Teresa Bücker.
Die Autorin Teresa Bücker.Paula Winkler

Teresa Bücker schreibt in ihrem Buch „Alle_Zeit“ über ein Thema, das jeden betrifft: „Zeit gehört zu uns Menschen. Sie ist lebendig, widerspenstig, wechselhaft, ihr Verstreichen unkalkulierbar.“ Die Autorin hält sich nicht lange mit dem Klagelied auf, dass alles immer zu schnell gehe und für vieles zu wenig Zeit bleibe. Ihr Buch ist als gesellschaftspolitische Streitschrift zu verstehen. Darüber unterhielten wir uns per Videochat.

Frau Bücker, wenn man über Frauenrechte spricht, muss man auch über Zeit sprechen, lerne ich bei Ihnen.

Ja, die Frauenbewegung hatte ursprünglich dafür gekämpft, dass Frauen vielfältige Lebensmodelle offenstehen – also für viel mehr als nur die Quote in Top-Firmen oder berufliche Gleichberechtigung. Zeit ist ganz zentral, um selbstbestimmt zu sein. Inwiefern kann ich frei über meine Zeit verfügen? Weil Frauen viel mehr der unbezahlten Fürsorgearbeit übernehmen, hat das mit Geschlechterverhältnissen zu tun.

Care verwandelt die eigene Zeit in die Zeit von anderen“, schreiben Sie.

Ja, wir sprechen über diese Rollenverteilung, aber das wird selten konkret auf Zeit heruntergebrochen. Zeit ist eine andere politische Ressource als Geld, nicht unmittelbar gleich einsetzbar. Die Frage nach der Zeitgerechtigkeit zu stellen, bedeutet auch zu fragen, wie wir unsere Gesellschaft organisieren.

„Ich sehe es kritisch, auf jeden Politikbereich ‚feministisch‘ draufzupappen“

Sie sagten jetzt „Fürsorge“. Meist bevorzugen Sie das englische Wort „Care“. Warum?

Deutsche und englische Begrifflichkeiten kann man manchmal nicht ganz genau übersetzen. Über Care-Arbeit zu sprechen, hat sich in den letzten Jahren etabliert, weil die feministische Bewegung stark global vernetzt ist. Mein Care-Begriff fasst mehr als Fürsorgearbeit im eigenen Haushalt, nämlich auch die gesamte Sorge um die Gesellschaft und die Umwelt. Das ist eigentlich eine öffentliche Aufgabe, die alle Menschen angeht, ganz unabhängig davon, ob sie Kinder haben. Da liegt oft ein Knackpunkt für feministische Diskurse, die sich zuletzt sehr verengt haben auf Familie.

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Paula Winkler
Zur Person
Teresa Bücker, Jahrgang 1984, hat eine Weile im Social-Media-Bereich gearbeitet, bevor sie selbst zu schreiben begann. Ihre Schwerpunkte sind Feminismus, Arbeit und Gesellschaft. Seit 2019 ist sie Kolumnistin des SZ-Magazins. Von 2014 bis 2019 war sie Chefredakteurin des feministischen Onlinemagazins Edition F. Sie lebt in Berlin.

Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit. Ullstein, Berlin 2022. 400 Seiten, 21,99 Euro

Sie rütteln am Modell des Achtstundentags, das einst in der Arbeiterbewegung hart erstritten wurde: Der Versuch, den Tag in drei gleich wertvolle Stücke zu schneiden – für Arbeit, Freizeit, Schlaf – sei gescheitert. Sie kommen stattdessen zur Vier-in-einem-Perspektive der Lebensbereiche der Soziologin Frigga Haug: Neben acht Stunden Schlaf gebe es vier Stunden Lohnarbeit, vier Stunden Care-Arbeit, vier Stunden kulturelle Arbeit sowie vier Stunden politische Arbeit. Finden Sie das tatsächlich attraktiv?

Da muss man ein bisschen tiefer einsteigen. Die wichtigste Botschaft dieser Perspektive ist, dass es mehr gibt als Arbeit und Freizeit, zum Beispiel auch das politische Engagement. Frigga Haug regt die Diskussion darüber an, was eigentlich ein gelungenes Leben bedeutet. Dieses „vier mal vier plus acht Stunden Schlaf“ kann man nicht in einem Tag leben; die Idee soll einen Möglichkeitsraum aufmachen. Die Hauptaufgabe von uns ist nicht, Erwerbsarbeiterin zu sein. Doch unsere Gesellschaft ist gerade so konstruiert.

Mir gefällt dann auch nicht, dass alles unter dem Begriff Arbeit läuft, also auch die Kultur.

Frigga Haug tut es, um zu zeigen: Das hat einen gleichen Wert. Also Arbeit im Sinne von bezahlter Arbeit ist nicht automatisch höherwertig, sondern es sollte alles im Leben einen Platz haben. Auch viele Frauen stoßen sich daran, wenn die Familienaufgaben als Arbeit bezeichnet werden. Ich verstehe sie, halte es aber für eine erste Strategie im Sinne der Zeitgerechtigkeit.

Der Idee, weniger Zeit für Lohnarbeit aufzubringen, steht der Arbeitskräftemangel in der Gesellschaft entgegen. Muss nicht im Moment sogar mehr gearbeitet werden, nach der Pandemie?

So könnte man denken. Es gab jetzt Vorstöße zur 42-Stunden-Woche von der Arbeitgeberseite aus. Doch die durchschnittliche Arbeitszeit in Vollzeitjobs liegt schon bei 43,5 – wenn man die Überstunden mitdenkt. Andererseits kommen noch sehr, sehr viele Menschen nicht annähernd an eine 30-Stunden-Woche ran, weil sie zu Hause so viel übernehmen, dass sie nur Teilzeit arbeiten können oder keinen Zugang auf existenzsichernde Arbeit haben. Wie bekommen wir eigentlich die Unterbeschäftigten in gute Jobs?

Wir reden zurzeit viel von feministischer Außenpolitik, aber eigentlich bräuchte man mehr feministische Politik nach innen, oder?

Die Grünen haben kürzlich ein Papier zu feministischer Wirtschaftspolitik veröffentlicht. Das bezieht sich auf Frauen und Männer, geht aber nicht darauf ein, dass Migrant:innen oft in viel schlechter bezahlten Berufen arbeiten oder nur unqualifizierte Arbeit finden. Mit einem feministischen Blick müsste das tiefer gehen. Ich sehe es jedoch kritisch, auf jeden Politikbereich „feministisch“ draufzupappen, weil sich viele Leute dann gar nicht dafür interessieren. Wir haben die Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz: Gerechtigkeit müsste in jeder politischen Strategie verankert sein.

Sie kritisieren, dass der Koalitionsvertrag die Effekte der Pandemie auf die Gleichberechtigung nicht thematisiert hat. Warum fehlt da die Sensibilität?

Im Koalitionsvertrag steht der eigentlich tolle Satz: „Wir wollen innerhalb der nächsten zehn Jahre Gleichberechtigung erreichen.“ Es ist aber nur eine rhetorische Floskel, weil die Maßnahmen dazu fehlen. Nach Analyse der Daten zu Arbeitszeit und zur Sorgearbeit in Familien kann man Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern eigentlich nur erreichen, wenn sich die Arbeitszeiten auf einem niedrigeren Niveau angleichen. Dann müssten vor allem Männer ein bisschen weniger arbeiten. Was von der Politik kommt, ist sehr einseitig an Frauen gerichtet: Ihr müsst mehr arbeiten wegen des Fachkräftemangels, weil die Rente gesichert werden muss. Da liegt nach wie vor die patriarchale Prägung, es ist eine Machtfrage. Und das finde ich im Jahr 2022 schon traurig. Selbst aus dem linken politischen Lager traut sich niemand, das so zu sagen, dass Männer Teil der Veränderung sein müssen.

Verstehe ich das richtig: Wenn Männer nicht mehr als 35 Stunden arbeiten, kümmern sie sich automatisch mehr um die Familie?

Nein, es muss verschiedene Strategien geben. Die gibt es bei politischer Veränderung ja immer. Das kann schon zu Hause, in den Kinderbüchern, in Kindergarten und Schule anfangen. Almut Schnerring und Sascha Verlan, die zu Equal Pay und Equal Care publizieren, schlagen vor, über eine Care-Biografie nachzudenken: Wir sollten Kinder und Jugendliche nicht nur darauf vorbereiten, was sie mal arbeiten wollen, sondern auch auf den Stellenwert des Kümmerns um andere. Männer und Väter spüren meiner Meinung nach derzeit auch den Druck, sich mehr einzubringen. Aber wenn der berufliche Druck nicht gleichzeitig reduziert wird, dann kann diese Veränderung auch nicht passieren.

„Mitbestimmung im Betrieb zahlt sich aus“

Das spricht für dieses Pflichtzeit-Modell, das der Bundespräsident im Juni angesprochen hat. Das finden Sie nicht so gut, weil die Engagement-Quote junger Menschen sowieso schon die der älteren Gruppen übersteigt.

Der Bundespräsident hat nicht gesagt, ob er nur von jungen Leuten spricht. Da allerdings hat die Debatte angesetzt. Es gab ja den Zivildienst, für den etliche junge Männer ein Jahr in Altenheimen oder in Kindergärten verbracht haben. Der mag sie ein Stück weit geprägt haben, doch danach gingen sie in andere Bereiche. Das hat sich also nicht übersetzt. Und viele Menschen haben zum Beispiel in der mittleren Lebensphase noch mal einen Zeitpunkt, wo sie sich gerne umorientieren oder sich zivilgesellschaftlich engagieren würden. Dann gibt es die Möglichkeit aber nicht, vor allem finanziell nicht. Wir sollten das nicht nur bei den jungen Leuten abladen.

Was schlagen Sie im Sinne der gesellschaftlichen Zeitgerechtigkeit vor?

Man könnte analog der Elternzeit mit dem Elterngeld dafür Lohnersatzleistungen geben. Oder – das Thema hatten wir schon – es werden die Arbeitszeiten reduziert, damit alle diese Zeit für gesellschaftliches Engagement haben und nicht erst in der Rente.

Wie beurteilen Sie eigentlich das Homeoffice?

Es hat ambivalente Effekte. Also zum einen ist es durchaus zeitsparend, wenn lange Arbeitswege wegfallen. Viele nehmen es als Autonomiegewinn wahr. Es unterstützt auch die Vereinbarkeit. Aber man sieht bei Frauen, dass sie noch mehr Hausarbeit machen als vorher. Und die meisten leisten im Homeoffice mehr Überstunden. Sie machen auch weniger Pause, das ist gesundheitlich nicht gut. Man kann schon sehen, dass es da, wo es Betriebsvereinbarungen gibt und sich die Unternehmen also wirklich damit beschäftigen, schon besser organisiert ist. Mitbestimmung im Betrieb zahlt sich aus. Und vergessen Sie nicht, dass Homeoffice für viele Berufe gar nicht möglich ist.

Ja, die Pflegeberufe zum Beispiel.

Wenn die Gutverdiener zu Hause im Homeoffice sitzen, es für die anderen aber keine Verbesserung in den Arbeitsbedingungen gibt, kann das die gesellschaftliche Spaltung eher noch vertiefen. Da muss man politisch darüber reden, wie man das austariert.