Thilo Mischke: Der große Quatsch, den die Deutschen Karl May nennen

Unser Kolumnist trifft in Kanada den Chief einer indigenen Nation – Überlebender eines Genozids, der durch bunte Federkostüme und Kinderbücher verharmlost wird.

Howard Mustus Senior, Chief der Alexis Nakota Sioux Nation in Kanada: „Unsere Kultur ist mehr als unsere Kleidung“.
Howard Mustus Senior, Chief der Alexis Nakota Sioux Nation in Kanada: „Unsere Kultur ist mehr als unsere Kleidung“.Thilo Mischke

Am Ende der Straße befindet sich ein Haus. Wir suchen danach im ewigen Licht eines kanadischen Nachmittags im November. Obwohl es Winter ist, obwohl wir weit im Norden sind, benötigt die Sonne viel Zeit, um hinter dem Horizont zu verschwinden. Als würde sie die Menschen, die hier leben, daran erinnern, dass im Sommer die Sonne hier nie untergeht. Der Novembernachmittag im hohen Norden Kanadas ist eine Mahnwache für den vergangenen Sommer. Das Licht ewig rot, der Schnee weiß wie die Zähne eines Kindes, die Birken ohne Blätter, ihre Rinde so hell, als hätten die Bäume hier niemals den Schmutz der Industrie erlebt. Keine Tiere, kein Lärm, keine Menschen, nur der Wind, der den Schnee durch die Wälder treibt. Alles ist gefroren, und wer kein Fell hat, erfriert.

Hier, in dieser Landschaft, in diesem Teil der Welt, bin ich mit einem Chief verabredet, ich bin zum Arbeiten hier. Sein Name ist Howard Mustus Senior, er gehört zur Alexis Nakota Sioux Nation.

Ein Häuptling, würden wir sagen. Ein Indigener, einer, der überlebt hat. Ich betone das, weil ich in den letzten Tagen viel gelernt habe über die Indigenen Nordamerikas. Ich habe einiges verstanden.

Ich will mit ihm darüber sprechen, warum Frauen und Mädchen hier ermordet werden, als hätten sie kein Recht zu existieren. Als gehöre es zum Leben einer indigenen Frau dazu, in den ewigen Wäldern dieses Landes zwischen den Wurzeln der Bäume zu verschwinden. Es ist keine Geschichte von früher, keine Erinnerung an Zeiten, als die Menschen hier geköpft, vergewaltigt, zerrissen wurden. Krank gemacht und durch Christen um ihre Heimat betrogen. Nein, es ist eine Geschichte von jetzt. Von heute. Ich stelle mich auf ein düsteres Gespräch ein, habe mich vorbereitet.

„Ihr glaubt, wir leben hier in Wigwams“

„Ihr Deutschen seid doch besessen von uns“, sagt der Mann mit dem Federschmuck auf dem Kopf. Und ich lächle unsicher. Ich sitze nun in der Blockhütte, die wir gesucht haben, die so warm ist, dass der Schnee drumherum schmilzt. Tee kocht, das Feuer im Ofen lodert, ein Kind mit langen Zöpfen wirft mit Erdnussflips nach mir. Und der Chief, er macht sich lustig.

„Ihr glaubt, wir leben hier in Wigwams“, sagt er. Und erzählt vom großen Quatsch, den wir Karl May nennen. Erzählt, dass alles, was dort geschrieben steht, falsch ist, alles ausgedacht. „Ja, ich habe gehört, ihr macht sogar unsere Powwows nach, unsere Feiern, unsere Gebete, ihr tragt unseren Schmuck, unsere Kleider.“

Er sagt das nicht böse, nicht beleidigt, er erzählt es mir mit einer großen Freude, so, als wären wir Deutschen ein wenig durcheinander. Ein wenig bescheuert.

Ich erzähle ihm, dass diese sogenannten Indianerclubs ein Phänomen eines verschwundenen Landes waren. Ein Hobby einiger Bürger der DDR. Die sich als Häuptling mit Friedenspfeife verkleideten. Erzähle von den Tipis in den trockenen Wäldern der Sächsischen Schweiz, den nachgebauten Dörfern an den Seen in Brandenburg. Und der Chief, er kann nicht aufhören zu lachen.

Ich erzähle von Karl May und von den Kostümen am Fasching und der Debatte, die wir in Deutschland darüber führen. Ich erzähle von Frauenkostümen, die durch kurze Röcke und Federschmuck im Haar indigene Traditionen vermitteln sollen. Ich erzähle von Federn im Haar der Männer. Und will von ihm wissen, ob es ihn beleidigt, wenn er das sieht. Diese Kostüme.

Die Debatte, die vor jedem Fasching geführt wird

„Nein“, sagt er. „Es beleidigt mich nicht, aber es ist unhöflich und dumm, das zu tun. Unsere Kultur ist kein Kostüm“, sagt er. Und zitiert gängige Argumente, dass man doch diese Kultur so nach Europa bringen könne, mit diesen Kostümen. „Das ist eine Lüge, denn unsere Kultur ist mehr als unsere Kleidung.“

Natürlich kenne ich die Debatte, die zu jedem Fasching geführt wird. Dass man ja gar nichts mehr dürfe. Kenne die Debatte zu Karl May und Kinderbüchern. Gerade diesen Sommer haben wir in Deutschland wieder darüber diskutiert.

Ich habe die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, hier in Kanada, die für diese Kleidung getötet wurden. Christliche Siedler haben hier in Kanada im Namen der katholischen Kirche Schulen eröffnet. Haben tausende Kinder ermordet, haben Familien verstümmelt, haben dieses Land zerrissen und untereinander aufgeteilt, haben die Kultur verbrannt und zerstört.

Diese Federn im Haar, diese Kleidung, diese Kostüme, die den Menschen hier verboten wurden. Ein Genozid für ein Kostüm. Ein Massenmord für ein Wort, dass die Ureinwohner Nordamerikas beschreibt. Und ich frage mich, warum will man sich damit verkleiden? Heute, im 21. Jahrhundert. Das nicht mehr zu wollen, hat nichts mit Cancel Culture zu tun, nichts mit „woke“, nichts mit „linksgrün versifft“.

Nein. Wer die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, der kann ohne Sorgen diese Kleidung als Kostüm tragen, dieses Wort sagen. Alle anderen haben sich mit dem Thema beschäftigt und Rücksichtnahme verstanden.

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