Noch nie fiel es mir so schwer, wieder anzukommen. Vor drei Tagen war ich noch in Kabul, vor fünf in Kunduz. Habe die Tage rückwärts gezählt, bis ich wieder in Berlin sein kann. Habe sogar die Stunden gezählt.

Inmitten dieser trockenen Hitze, die sich rücksichtslos auf die Straßen, die Felder legt, die Menschen mittags träge macht und einem den Hunger nimmt. Eine Hitze, die mich dazu verleitet, Cola in hastigen Zügen zu trinken. Dort, auf einer Brücke, wurde auf uns geschossen, ein Schuss, an uns vorbei, zur Warnung abgegeben. Aus einer AK47, ich erkenne das Geräusch, weil in den letzten drei Wochen um uns herum viel geschossen wurde.

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Unser Kolumnist Thilo Mischke.

Die Taliban haben zwar Amnestie für alle versprochen, die gegen sie sind, aber wir wissen nicht, ob sie sich daran halten. Abends, bei Kebab und Reis, bei salzigem Joghurt mit Gurke, entscheiden wir, früher abzureisen. Nach Hause. Ich atme auf.

In den 14 Stunden, die wir mit dem Auto für die knapp 300 Kilometer bis nach Kabul brauchen, mitten durch den Hindukusch, vorbei an bärtigen, dürren Männern in Sandalen, die auf ihren Rücken schwere Waffen tragen, bereite ich mich gedanklich wieder darauf vor, in meiner Heimat zu sein.

Ich freue mich auf die Sicherheit meiner Allee, die Ruhe eines organisierten Verkehrs, das Wissen, immer und alles zu bekommen, wann ich es möchte. Zu wissen, dass ich nicht alle 300 Meter meinen Ausweis zeigen muss, meine Bücher verstecken, die Kopfhörer in meinem Rucksack verschwinden lassen muss.

Ich freue mich darauf, dass Sylt sich vor 9-Euro-Reisenden fürchtet und eine Ministerin mit dem Hubschrauber fliegt. Ich freue mich darauf, dass es nichts zu befürchten gibt.

Ich habe drei Wochen lang aus dem Fenster gesehen. Habe niemals die sichere Kapsel meiner Privilegien verlassen, sondern habe einfach nur berichtet. Aus diesem Land, ohne zu werten, aber trotzdem dabei fühlend. Es ist ein Privileg, zu wissen, dass man jederzeit nach Hause kann.

Nun bin ich zu Hause, und obwohl der Berliner Frühling alle umgarnt und dafür entschädigen möchte, dass der Winter lang und ausdauernd war, will sich keine Ruhe einstellen. Der Kopf lärmt, ich mache die Augen schmal, nicht mal die Schwimmhalle oder der Besuch an Omas Grab hilft.

Unruhig spaziere ich neben meiner Mutter, die mich fragt, was nun ist, ob es mir gut ginge. Ja, sage ich. Und erzähle von der Sorge, dass dieser Krieg immer weiter eskaliert; der Sorge, dass Geld nichts mehr wert ist und damit ja auch eigentlich Arbeit; dass wir uns hangeln werden, vielleicht, irgendwann, von einem Zustand in den nächsten. Mutter und ich reden über Inflation und gesparte Summen und was man machen könnte.

Und Mutter hatte gehofft, ich würde als altkluger Sohn irgendetwas Freundliches sagen. Geht aber nicht. Liegt es an Kabul? An Afghanistan und der unangenehmen Fähigkeit der Menschen, sich an den größten Mist zu gewöhnen, nämlich daran, jederzeit von dieser Welt verschwinden zu können.

„Wenn du schon nicht mehr optimistisch bist, was soll dann nur werden“, sagt meine Mutter und gibt mir einen schlecht schmeckenden Cappuccino vom kurdischen Bäcker. Ich freue mich, dass dieser bittere, zu heiße Kaffee die einzige Sorge des Tages sein wird.

Früher, als ich aus diesen seltsamen Ländern zurückkam, aus Ländern, in denen die Menschen funktionieren, aber die Gesellschaften nicht, konnte ich mich darauf verlassen, in Berlin schnell anzukommen. Schnell wieder zu Hause zu sein.

Aber diesmal will es nicht klappen. Freunde, die Sorgen teilen, ob der U-Bahnhof Weberwiese ein geeigneter Bunker sei; Überlegungen, dass die russische Armee ja wohl nicht die Karl-Marx-Allee kaputt machen würde. „Das ist doch wie in Moskau, die müssen sich ja auch irgendwo wohlfühlen.“ Im Scherz gesagt, aber als Ernst verstanden.

Ich finde nicht in mein Berlin hinein, weil über der Stadt nicht nur die Birkenpollen liegen, sondern auch die schimmernde Angst einer Zeitenwende. Sie ist nicht, wie noch auf den dümmlichen Querdenker-Demos vor einem Jahr, ein klebriger Traum Orientierungsloser, sondern sie scheint da zu sein.

Ich laufe neben meiner Mutter und denke: Was, wenn es in Afghanistan sicherer ist als in Deutschland? Keine Freiheit, dafür Frieden?

Die Menschen dort sind so müde vom Sterben, dass sie ihre Freiheit eingetauscht haben für Sicherheit. Die Sorgen sind jetzt andere, aber wenigstens sterben sie nicht mehr.

„Was machen wir zu Vaters Siebzigsten?“, frage ich meine Mutter.

„Vielleicht in den Urlaub fahren“, sagt sie. Und ich kann es mir nicht vorstellen.

„Noch nie ist es mir so schwergefallen, wieder zu Hause anzukommen“, sage ich.