Ungeimpfte sind unmöglich behandelt worden – doch Unversöhnlichkeit ist falsch

Viele Ungeimpfte tun jetzt so, als hätte nie jemand für ihre Rechte gekämpft. Das stimmt nicht, unter anderem gäbe es sonst heute eine allgemeine Impfpflicht.

Ungeimpfte bei einer Demo
Ungeimpfte bei einer Demoimago/Michael Schick

Wenn dieser Tage von der nötigen Aufarbeitung  des Unrechts der vergangenen fast drei Jahre die Rede ist, dann fragen sich immer noch zu viele Menschen hierzulande: Welches Unrecht? 

Vielen ist es offenbar unrecht, sie an ihr eigenes Verhalten zu erinnern, etwa gegenüber Ungeimpften. Das ist nachvollziehbar. Erstens wird man naturgemäß nicht gerne an eigene Fehler erinnert, zweitens denken sich bis heute noch viele: Was für Fehler? Das liegt unter anderem daran, dass man das Unrecht, das Ungeimpften vor allem verstärkt von Herbst 2021 bis Frühling 2022 widerfahren ist, vielleicht schwer nachvollziehen kann – wenn man nicht betroffen war oder ist.

Corona hat die Gesellschaft gespalten. Gibt es ein Zurück?
Corona hat die Gesellschaft gespalten. Gibt es ein Zurück?Markus Wächter

Es ist dasselbe Phänomen, von dem etwa People of Color berichten, wenn es darum geht, dass weiße Menschen ihren eigenen Rassismus nicht erkennen. Es ist auch dasselbe Phänomen, das auftrat, als die MeToo-Bewegung groß wurde: Man erinnere sich daran, wie viele Männer sich aufrichtig verwundert die Augen rieben über die Darstellungen von Frauen, die täglich von anderen Männern belästigt wurden – in der U-Bahn, in der Uni, in der Kneipe, bei der Arbeit. Und immer wieder auf der Straße.

Allzu viele konnten das Ausmaß und schon die teils krassen Einzelfälle gar nicht glauben. Und gaben umgekehrt den Frauen die Schuld. Weil sie selbst nach ihren Maßstäben niemals so handeln würden und die Erzählungen für ausgedacht hielten, gar für boshaft. Einige von ihnen hatten zumindest teilweise recht, es betraf sie selbst nicht, wenn sie sich Frauen gegenüber stets anständig verhalten hatten. Andere hatten einfach ihr eigenes Fehlverhalten ausgeblendet. Bis heute haben sich viele Männer von diesem Schock nicht erholt und wissen jetzt gar nicht mehr, wie sie mit dem anderen Geschlecht umgehen sollen oder dürfen.

Mit Corona sollten wir nun gut aufpassen, dass wir nicht ein weiteres Schlachtfeld hinterlassen, das die Gesellschaft spaltet. Der Graben zwischen Geimpften und Ungeimpften sollte in unser aller Interesse nicht noch tiefer gegraben werden als es die Politik schon geschafft hat.

Zu viele Mandatsträger haben eine wahre Hetze öffentlich betrieben und Ungeimpfte für das Fortschreiten der Pandemie verantwortlich gemacht, ihnen ihre Rechte abgesprochen, ihnen ihre Jobs und teils Existenzen genommen, sie gezielt ausgegrenzt. Manche gingen noch weiter und forderten ihren Ausschluss aus der medizinischen Versorgung, die Verweigerung von Behandlung im Krankheitsfall. All dieses Unrecht muss dringend aufgearbeitet werden.

Die Anwältin Jessica Hamed hat recht, wenn sie schreibt, dass es dazu mehr als Unmutsbekundungen geben muss und eine unabhängige Kommission all diese Umstände aufarbeiten sollte. Das wäre der politische Part, zu dem eine Demokratie mindestens in der Rückschau in der Lage sein muss. Und sie hat auch recht damit, dass diese Aufarbeitung vor einer Versöhnung stehen muss. Denn ohne eine öffentliche, ernsthafte Verhandlung darüber, was daran überhaupt unrecht war, und wer wo warum falsch abgebogen ist, kann es keine echte Versöhnung geben. Ohne das wird unsere Gesellschaft es wohl auch im nächsten Krisenfall nicht besser machen. Es müssen alle daraus lernen – auch und vor allem die Politik.

Aber wir als Bürger eines vereinigten Deutschland sollten doch gelernt haben, dass Politik nicht alles ist. Dass wir auch als Einzelne eine Verantwortung haben, uns dem Weltgeschehen zu stellen und daraus zu lernen. Und das betrifft eben nicht nur die Geimpften, von denen immer noch zu viele meinen, sie hätten alles richtig gemacht und müssten sich nicht damit beschäftigen, wie sie selbst mit den Ungeimpften in ihrem Umfeld umgegangen sind.

Diese Aufarbeitung betrifft auch manche Ungeimpften selbst. Viele von ihnen waren friedlich und wollten sich einfach nur nicht impfen lassen. In einem aufgeklärten Staat muss das möglich sein, egal welcher Notstand auch immer gerade ausgerufen wird – und wie es aussieht, könnte das in Zukunft noch der eine oder andere sein –, sich keiner medizinischen Zwangsbehandlung unterziehen zu müssen, deren Folgen man zudem naturgemäß selbst nicht absehen kann.

Manche ungeimpften Pflegekräfte haben ihre Jobs verloren, andere wurden weiter eingesetzt, mussten aber Bußgelder zahlen.
Manche ungeimpften Pflegekräfte haben ihre Jobs verloren, andere wurden weiter eingesetzt, mussten aber Bußgelder zahlen.imago/Christoph Hardt

Doch bei allem Unrecht, das Ungeimpften widerfahren ist, dürfen sie eines nicht tun: Jetzt gnadenlos zurückschlagen. In ihrem Furor, den manche nicht zu Unrecht in sich tragen, so unterliegen etwa das medizinische Personal und auch die Feuerwehr noch bis Januar der unsinnigen einrichtungsbezogenen Impfflicht, machen viele den Fehler, im Rückblick restlos alle zu Schuldigen zu erklären: alle Medien, die gesamte Politik, alle Mitmenschen. Das ist der falsche Weg.

Es gab zu große und zu laute Teile von Politik, auch Polizei und Justiz, Wissenschaft und vieler Medien, die unisono in das Horn der Entrechtung der Ungeimpften geblasen haben. Es gab aber demgegenüber auch eine kritische Masse von Deutschen, die die teils überzogenen Maßnahmen und auch die Hetze gegen Ungeimpfte eben nicht mitgetragen haben, darunter besonders viele aus dem so gerne geschmähten Osten des Landes. Vor allem Letztere haben schon einmal eine Regierung hinter sich gelassen, die Propaganda über das Wohl ihres Volkes gestellt hatte. Die Ostdeutschen sind seither für politische Einflussnahme deutlich allergischer. Viele von ihnen haben ihren Unmut, auch das haben viele von ihnen gelernt, aber nicht öffentlich geäußert, sondern nur im Privaten.

Ungeimpfte sind keine „Nazis“ und keine Corona-Leugner

Andere wären gerne auf die Straße gegangen, wollten aber nicht als „Nazis“ gebrandmarkt werden – eine Zuschreibung, mit der man so vieles Unliebsame in die Ecke stellen kann, allein weil es auch jemand von der AfD sagt oder weil Rechte Unzufriedene und Demos für ihre Zwecke nutzen. Dabei ist die Politik selbst schuld daran, wenn sie missliebige Themen der AfD überlässt und sie damit erst groß macht. Oder warum sähen heute in Umfragen so viele Menschen gerne Wagenknecht und Weidel in der Regierung? Weil plötzlich alle extrem rechts und extrem links geworden sind?

Auch die Medien sind nicht über einen Kamm zu scheren. Ja, es gab deutlich zu viele zuvor seriöse Blätter und Leitmedien, die sich in Hofberichterstattung geradezu überboten haben. Aber es gab auch die anderen Zeitungen, die sich nach einer gewissen Orientierungsphase, die jedem in Krisenzeiten zugestanden werden sollte, klar gegen übertriebene Maßnahmen positioniert oder auch von Anfang an beide Sichtweisen zugelassen haben. Das darf nicht in Vergessenheit geraten.

Es ist deshalb einfach albern zu lesen, wenn etwa in Social Media User sich gegenseitig aufhetzen, dass „alle mitgemacht“ hätten – am besten noch unter Artikeln, die mit zahlreichen Texten verlinkt sind, die genau das Gegenteil belegen.

Nein, wir als Berliner Zeitung haben etwa nicht „mitgemacht“. Es gab von Anfang an Diskussionen und eine Spaltung auch in der Redaktion, wie in der Gesellschaft. Doch es gab auch Redakteure, die vom einen ins andere „Lager“ gewechselt sind, und solche, die in der Mitte blieben – und es gab die ganze Pandemie hindurch Gastbeiträge von Autoren öffentlich unliebsamer Haltungen . Trotz zahlreicher Anfeindungen.

Vor allem aber in Bezug auf die Ungeimpften hat sich die Berliner Zeitung wenig vorzuwerfen. Seit Juli 2021 haben wir so viele kritische Beiträge dazu gebracht wie kaum eine andere Zeitung, wir haben – gegen auch innere Widerstände – früh über unerwünschte Impfnebenwirkungen berichtet. Und auch verschiedene Mitbewerber haben – vor allem bezüglich der Maßnahmenpolitik – sehr scharfe und deutliche Kritik an der Regierung geübt.

Wäre all das nicht der Fall gewesen und hätte es in Deutschland keine kritische Öffentlichkeit auch unter Teilen der Geimpften gegeben, dann hätten wir hierzulande heute eine allgemeine Impfpflicht. Verabschiedet spätestens im Frühjahr 2022 durch allzu eilfertige Politiker.

Damit dies nicht noch in Zukunft für andere Impfstoffe realisiert wird und die Gesellschaft wieder zueinanderfinden kann, braucht es nun Vernunft und einen klaren Blick. Aufarbeitung first, unbedingt. Aber dann auch bitte irgendwann mal wieder eine Versöhnung. Oder wollt ihr dasselbe tun, das ihr den anderen zu Recht vorwerft, liebe Ungeimpfte: die anderen für immer auszugrenzen?