Was Jan Böhmermanns Fernsehshow zu Journalismus macht

Der Late-Night-Talker wurde lange als Clown belächelt, doch mittlerweile erzielen einige Ausgaben des „ZDF Magazin Royale“ politische Wirkung.

Der Satiriker Jan Böhmermann
Der Satiriker Jan BöhmermannZDF/Ben Knabe

Geheimakten des hessischen Verfassungsschutzes zum NSU, die noch bis 2044 unter Verschluss bleiben sollten, sind seit Freitagabend öffentlich zugänglich. Der Chef des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm, ist wegen problematischer Kontakte zu Russland vor etwa zehn Tagen freigestellt worden. Zu diesen beiden Nachrichten passt außerdem der subjektive Eindruck, dass die Nachfrage nach vegan produziertem Wein steigt. Das alles gehört zusammen, weil es für den Erfolg der Sendung „ZDF Magazin Royale“ allein im Oktober steht. Wie kommt es, dass eine Unterhaltungsshow eine derart unmittelbare Wirkung hat?

Das liegt am Satire-Verständnis von Jan Böhmermann und seinem Team. Am späten Freitagabend, nach der „heute show“ mit Oliver Welke und vor dem Kulturmagazin „Aspekte“, präsentiert er Woche für Woche eine Sendung im Zweiten Deutschen Fernsehen, die sich formal am US-amerikanischen Format der Late-Night-Show anlehnt: Böhmermann taucht als Gastgeber zu einer Erkennungsmelodie auf, kommentiert kurz Ereignisse der Vorwoche, lässt das Tanzorchester Ehrenfeld aufspielen und widmet sich dann konzentriert einem Thema. Er stellt rhetorische und echte Fragen, er bietet ulkige Spielszenen, er nutzt Klamauk als Verzierung. Oft gibt er Erkenntnissen, die man woanders schon gesehen oder gehört hat – etwa über den westdeutschen Fleischfabrikanten Clemens Tönnies – einen neuen Dreh. Auch tiefgehende Recherchen werden mit Knalleffekt auf den Punkt gebracht, nach Gegenstimmen wird nicht gefragt. 

Berühmt durch das Schmähgedicht auf Erdogan

Jan Böhmermann begann als Journalist für Radio Bremen, war eine Weile im Team der Late-Night-Show von Harald Schmidt und hatte dann von 2013 bis 2019 im Programm des für jüngere Zuschauer gedachten ZDFNeo sein eigenes „Neo Magazin Royale“. In diesem Rahmen trug er 2016 sein Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor. Die Herausforderung der Kunstfreiheit hatte diplomatische Verwicklungen und juristische Auseinandersetzungen zur Folge.

Wurde Jan Böhmermann damals noch gern von älteren Journalisten als „Clown“ tituliert, weil seine Satire neben der Politik auch das Schlagermilieu oder den Fußball aufs Korn nahm, zeigt sich sein journalistisches und politisches Interesse in den meisten Ausgaben der Sendung im ZDF-Hauptprogramm seit November 2020. Großen Anteil daran hat seine Redaktionsleiterin Hanna Herbst. Beim Deutschen Fernsehpreis gewann die Show bereits mehrfach in der Kategorie „Unterhaltung“. Auch das ZDF rubriziert die Show unter „Comedy“, während das investigative Magazin „Frontal“ der „Politik“ zugeordnet ist. Doch 2021 gab es auch eine explizit journalistische Auszeichnung, den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, weil das Team „jede Woche eine fundiert recherchierte Sendung“ liefere, „die ein überraschendes Schwerpunktthema von vielen Seiten spiegelt und durch seine vielseitige Präsentation ein wichtiges Anliegen besonders jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern näherbringt“.

Tatsächlich blieben Themen wie der Mangel an Psychotherapieplätzen, die Übertragung von Krankheiten von Tier zu Mensch oder der Verdienst von Gamingfirmen am Geld der Spieler bisher oft auf jenen Zeitungsseiten oder in jenen Sendeformaten, für die sich ein spezielles Publikum interessiert. Das „ZDF Magazin Royale“ aber bereitet sie in Schnitt und Grafik so auf, dass der Zuschaueranteil vor allem in der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen wächst.

Türöffner für ein jüngeres Publikum

Wo die Faktendichte groß wird, wie jüngst bei den NSU-Akten, wird zwischendurch auf Verkleidung und andere Spielchen gesetzt. Wo andere sich kaum trauen, ein Ausrufezeichen zu setzen, da ruft Böhmermann: Skandal! Das furios wechselnde Rollenverständnis ist Teil des Erfolgsgeheimnisses. Wo andere noch Fragen stellen, appelliert er an die Moral der Zuschauer. Zum Beispiel auch, als es um erfundene Geschichten in Klatschblättern ging. Oder als er dem jungen, sich kumpelhaft gebenden Unternehmer Fynn Kliemann nachwies, dass die von ihm an Geflüchtete gespendeten Atemschutzmasken fehlerhaft waren.

Eine „T��röffnerfunktion“ erfülle das Magazin, erklärte kürzlich der Medienwissenschaftler Dennis Lichtenstein bei Deutschlandfunk Kultur. Er hat zur journalistischen Arbeit von Satiresendungen wie dieser, der „heute show“ und „Die Anstalt“ geforscht. Neu sei Satire im Journalismus nicht, schon Heinrich Heine habe sich dieses Mittels der Zuspitzung bedient, im Fernsehen kenne man das auch noch von Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“. Neu sei aber, wie vor allem Jan Böhmermann die verschiedenen medialen Möglichkeiten wie Twitter und Internetportale nutze, um sein Publikum zu erreichen.

Doch noch etwas gibt es, das die Politisierung von Böhmermanns Sendung unterstreicht. Die personell gut ausgestattete Redaktion holt sich für einzelne Themen wechselnde journalistische Partner dazu, mit denen sie gemeinsam investigativ recherchiert. So gab es Kooperationen mit den Plattformen Frag den Staat, Übermedien und netzpolitik.org, Zusammenarbeit mit den Redaktionen von „Frontal“ (ZDF), Handelsblatt, Correctiv und dem Recherchenetzwerk Policy Networks Analytics. Damit geht das „ZDF Magazin Royale“ weiter als die politisch bissige „heute show“ oder „Die Anstalt“ und hat mehr Einfluss als das seit 1976 bestehende älteste Satiremagazin im deutschen Fernsehen, „extra 3“.

Klassische Medien greifen die Themen auf

Nicht selten, wie beim Thema Hasskriminalität im Netz oder jetzt bei den NSU-Akten, greifen klassische journalistische Medien die Themen der Sendung auf und verfolgen sie weiter. Dabei passiert es aber auch, dass Böhmermanns Team auf Widerspruch stößt, der nicht von den Betroffenen oder Kritisierten kommt. Im Falle des BSI-Präsidenten wies der internetaffine Autor Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne  auf Ungenauigkeiten in Recherche und Darstellung hin. Der wegen Klärung mit Eiweiß oder Gelatine in Verruf geratene Wein erhielt auf Twitter eine Ehrenrettung durch einen Lebensmittelchemiker der Universität Halle.

Während „heute show“ und „extra 3“ in der Logik beobachtender und kommentierender, dabei vornehmlich karikierender Formate bleiben, zielt Böhmermann direkt auf Wirkung und Intervention. Er tritt da gewissermaßen aus der journalistischen Beobachtung heraus. Gegen das journalistische Hanns-Joachim-Friedrichs-Prinzip „Sich nicht mit einer Sache gemeinmachen“ verstoße das „ZDF Magazin Royale“ jede Woche lustvoll und kreativ, hieß es im vergangenen Jahr, als er den Journalistenpreis erhielt, von der Jury selbst. Jan Böhmermann sei „der diabolische Zeremonienmeister der Regelverletzung einer Sendung, die irgendwo im Neuland zwischen U und E, zwischen Satire und Journalismus auslotet, wie sich Fernsehen auf dringend benötigte Art bereichern und erneuern lässt“. Eine Aufregung nach der Sendung, selbst wenn sie juristischer Art ist, scheint ihn nur anzuspornen. Und dafür wird dann eben manchmal auch zu dick aufgetragen.