In der unerschöpflichen YouTube-Welt gibt es ein Video, in dem der amerikanische Folkmusiker Todd Snider eine sehr lange Anmoderation zu einem Song macht. Es geht darin um Jerry Jeff Walker, den Country-Sänger. Vor längerer Zeit sei dieser einmal, so berichtet Snider, mit ihm um die Häuser gezogen, als nachts in aller Stille und ohne Publikum ein Straßenmusiker den Song „Mr. Bojangles“ gespielt habe. Jerry Jeff Walker sei daraufhin stehen geblieben und habe andächtig zugehört, dem Musikanten aber nicht verraten, dass er es gewesen sei, der das Lied irgendwann Mitte der 60er-Jahre nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt geschrieben habe.

Ausgelassen im Tanz

Sniders Geschichte ist bereits Teil der Legende des Liedes, das hundertfach gecovert wurde, u. a. von Bob Dylan, Sammy Davis Jr. und Harry Belefonte. „Mr. Bojangles“ handelt von einem alternden Tänzer, der seinen Lebensunterhalt in Minstrelshows verdient hat, ein amerikanisches Unterhaltungsformat aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem schwarz angemalte Weiße afroamerikanische Musiker parodierten.

In Jerry Jeff Walkers Stück wird von einem heruntergekommenen weißen Tänzer berichtet, der die Last seines beschädigten Lebens in jenen Momenten abzustreifen scheint, in denen er ausgelassen tanzt. Unter der Emphase des künstlerischen Vortrags verwandeln sich die Gefängnisgitter zur Kulisse einer Bühne, durch die Bojangles beinahe schwerelos hindurchzugehen vermag.

Unter Hinzuziehung des kühlen Intellekts könnte man die Szene, die Jerry Jeff Walker zu einem beliebten Folk- und Countrysong verarbeitet hat, als sozialromantischen Kitsch bezeichnen. Die Außenseiterrolle des Tänzers scheint zusätzliche Authentizität durch den Knastaufenthalt Jerry Jeff Walkers zu gewinnen. Zum vielfach gecoverten Hit konnte „Mr. Bojangles“ aber wohl auch aufgrund seiner einfachen Liedstruktur werden, die auf die mehrfache Wiederholung des Refrains zuläuft. Man betrachtet das Video nicht ohne Rührung, wenn nach der langen Ansage von Todd Snider Jerry Jeff Walker die Bühne betritt, um lässig sein eigenes Stück zu intonieren. Die Aufnahme stammt von 2012, Jerry Jeff Walker ist 2020 im Alter von 78 Jahren gestorben.

Die Geschichte einer Diskriminierung im US-Showgeschäft

Der Name „Mr. Bojangles“ ist das Ergebnis einer kulturellen Entwendung. Der Bojangles aus dem Knast hatte sich seinen Namen wohl von Bill „Bojangles“ Robinson geborgt, der 1878 in Richmond/Virginia geboren wurde und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zu einem großen Star des Stepptanzes avancierte. Als er 1949 in New York starb, erwiesen ihm Musiker wie Duke Ellington und Cole Porter sowie Sportler wie Joe Louis und Jo Di Maggio die letzte Ehre. Zwar greift der nun anlaufende französische Film „Warten auf Bojangles“ von Régis Roinsard den beinahe mythischen Namen auf, aber die Geschichte von Bill Robinson, die vor allem auch die eines Durchsetzungskampfes in einem von Rassismus geprägten amerikanischen Schaugeschäft ist, bleibt außen vor. Der Film benutzt den Namen Bojangles lediglich als Metapher für unerfüllte Sehnsüchte.

Der Durchbruch am Broadway war Bill Robinson erst mit 50 gelungen, in Hollywood reüssierte er an der Seite von Kinderstar Shirley Temple. Noch als angesehener Showstar musste er in getrennt von seinen weißen Kollegen in billigen Absteigen übernachten. Trotz der Zuneigung eines Massenpublikums blieb er ein gesellschaftlicher Außenseiter.

Der Country-Outlaw Jerry Jeff Walker ist zum Ende seiner Karriere wiederholt mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung konfrontiert worden. Er beschwor die Existenz jenes Bojangles, den er kennengelernt hatte. Der Name stand in jener Zeit für die befreiende Kraft des Tanzes. Erst durch die Version von Sammy Davis Jr., der sich erst zierte, dann aber mit dem Alter Ego des Protagonisten identifizierte, sei Mr. Bojangles wieder zu einem Schwarzen geworden, hieß es später. Kulturelle Aneignung, so könnte man daraus vielleicht lernen, handelt von vielfältigen Geschichten, die erzählt werden müssen. Die von Bill Robinson gehört unbedingt dazu.