Der 2. Juni ist ein historischer Tag – für Berlin Ost und West, für Deutschland und für die Demokratie. In der Nachbetrachtung lauteten die Schlagzeilen: „Ein Tod verändert die Bundesrepublik“ oder „Eine Wunde, die nicht verheilt“. Ein Schuss am Abend des 2. Juni 1967, der bis heute – 55 Jahre später – nachhallt.

Es war eine Polit-Tragödie, in der etliche schillernde Persönlichkeiten und verworrene Umstände mitspielten: ein Polizist als Todesschütze und Stasi-Spitzel, ein Regierender Bürgermeister ohne Fortune, ein Polizeipräsident als Verfechter der „Leberwurst-Taktik“, ein Innensenator als nutzloses Bauernopfer, die Huldigung für einen Potentaten, der seinen eigenen Geheimdienst für Prügelorgien mitbringen durfte, Juristen, die mit allen Tricks verteidigten oder erfolglos bis zur Traumatisierung anklagten, ein Zeitungsfotograf, der als Stasi-IM Pressechef der Berliner SPD wurde, ein Landgerichtsdirektor mit grenzenlosem Karrierestreben, eine durch die Medien aufgeheizte Öffentlichkeit.

Und schließlich das Opfer: ein 26-jähriger Student aus der Arbeit der evangelischen Kirche, der Sartre und Beckett verinnerlicht hatte.

Ab und an fliegt ein Ei auf den Fahrdamm

Der 2. Juni 1967 war ein lauer Sommertag in Berlin, der Tag des Besuchs von Persiens Schah Reza Pahlevi und seiner glamourösen Gattin Farah Diba. Bereits um die Mittagsstunde, als Seine Majestät sich ins Goldene Buch von West-Berlin eintrug, hatten Knüppelgarden des Savak, des persischen Geheimdienstes, vor dem Rathaus Schöneberg unbehelligt von der Polizei mit Holzlatten auf unliebsame Demonstranten eingeprügelt.

Am Abend standen protestierende Studentengruppen hinter Absperrungen vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Mozarts „Zauberflöte“ („In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht“) stand für die kaiserlichen Gäste auf dem Besuchsprogramm. Der Schah, Bundespräsident Lübke und der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz wurden mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Ab und an flog ein Ei auf den Fahrdamm.

Der Kommandeur der Schutzpolizei, Ulrich Werner, hatte den Einsatzkräften befohlen, sich zurückzuhalten und auch vom Schlagstock keinen Gebrauch zu machen. Als die Staatsgäste und ihre Entourage das Opernhaus betreten hatten, kehrte in der Bismarckstraße Ruhe ein. Alles schien zufriedenstellend gelaufen zu sein.

Ich verließ als Reporter den Ort des Geschehens. Erst das Sirenengeheul von Polizei und Feuerwehr schreckte mich daheim – wenige Kilometer von der Oper entfernt – auf. Denn Polizeipräsident Erich Duensing, erprobt bei Wehrmachteinsätzen im Russland-Feldzug, hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen. Sein Kommando „Knüppel frei !“ sorgte dafür, dass die Polizei sinnlos auf die Demonstranten einprügelte und sie unter dem Einsatz von Wasserwerfern durch die umliegenden Straßen hetzte.

Aus kürzester Distanz in den Hinterkopf getroffen

Auf dem Innenhof eines Hauses in der Krummen Straße umringten Polizisten einen Studenten im roten Hemd und schlugen auf ihn ein. Dann ein Schuss. Der Student, Benno Ohnesorg, brach – aus kürzester Distanz in den Hinterkopf getroffen – zusammen. Ein Polizist brüllte, an den Schützen, Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras, gewandt: „Bist du wahnsinnig, hier zu schießen?“ Kurras antwortete: „Die ist mir losgegangen.“ Ein Vorgesetzter gab die auf einer Tonbandaufnahme zu hörende Anweisung: „Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!“

Die Fotos vom erschossenen Ohnesorg machte als Erster der Pressefotograf Heinrich Burger. Er wurde wenig später der Pressesprecher der Berliner SPD und in dieser Funktion durch eine Aussage seiner in Scheidung lebenden Ehefrau als Stasi-Spion enttarnt. Kontakt zu Kurras will er zu keinem Zeitpunkt gehabt haben. Er kam aus den Reihen des Republikanischen Klubs, in dem zu damaliger Zeit Ulrike Meinhof, Horst Mahler, Magnus Enzensberger und die Rias-Journalisten Marianne Regensburger und Manfred Rexin über künftige Lebensformen debattierten.

Der schwer verletzte Benno Ohnesorg wurde längere Zeit in einem Krankentransport durch Berlin gefahren, an mehreren Stellen abgewiesen, bis der Chefarzt eines Krankenhauses, das für den Notfall eines Attentats auf den Schah eingerichtet war, als Todesursache feststellte: „Schädelverletzung durch Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand.“

Eine Rede ist für Albertz der Anfang vom Ende

Ein Arzt diagnostizierte am nächsten Morgen, dass die tödliche Kugel im Gehirn verblieben war. Allerdings war das Schädelstück mit dem Einschussloch herausgesägt und die Haut darüber zugenäht worden. Die Suche nach dem Schädelstück blieb erfolglos. Dass der Todesschütze zur Besichtigung der Leiche von Ohnesorg noch am Abend des 2. Juni in das Krankenhaus eingelassen wurde, blieb damals unerwähnt.

In der Berliner Abendschau gab der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz tags darauf eine Erklärung ab, in der er den protestierenden Studenten die Schuld am Tod von Ohnesorg zuschob. Diese Fernsehrede war für Albertz der Anfang vom Ende. Kurz danach hielt Gustav Heinemann, seit 1966 mit der Bildung der Großen Koalition SPD-Justizminister in Bonn, eine Rede, ebenfalls im Fernsehen, in der er – gezielt auf Albertz und den 2. Juni – den legendären Satz prägte „Wer auf andere mit dem ausgestreckten Zeigefinger zeigt, der deutet mit drei Fingern seiner Hand auf sich selbst.“

Mit einiger Übertreibung ließe sich behaupten: Jetzt ging alles Schlag auf Schlag. Mehr als 10.000 Studenten zogen in einem Trauermarsch über die Interzonen-Autobahn zur Beisetzung von Ohnesorg nach Hannover. Die DDR leistete unter Verzicht auf bürokratische Hemmnisse Hilfestellung. Selbst die Stasi schien entsetzt zu sein, wie ihr GM eine solche Tat begehen konnte, „da sie doch ein Verbrechen darstellt“.

Die Strafverfahren bleiben ergebnislos

Die Verbindung zu Otto Bohl – so der Deckname von Kurras, der 1964 gleichzeitig in die SED und in die SPD eingetreten war – wurde abgebrochen. Kurras sollte sämtliche Unterlagen über seine Spitzeltätigkeit bei der Abteilung I der Westberliner Polizei vernichten. Nach der Wende stieß ein Sachbearbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde auf den Fall, stempelte ihn ab und legte den Vorgang ahnungslos und achtlos beiseite, bis 2009 dann doch alles ans Tageslicht kam. Die gegen Kurras daraufhin eingeleiteten Strafverfahren blieben bis zu seinem Tod im Dezember 2014 ergebnislos.

Im brodelnden West-Berlin von 1967 hagelte die Kritik von rechts und links auf Albertz ein. Zunächst klammerte er sich noch sein Amt, erklärte aber 26. September gegenüber dem Parlamentspräsidenten seinen Rücktritt. Brandt hatte bereits seinen Staatssekretär Klaus Schütz als Albertz-Nachfolger in Stellung gebracht.

Die folgenden Ereignisse – gekennzeichnet von Vertuschungen und Verdrehungen – trieben späteren für die innere Sicherheit Verantwortlichen und selbst dem auf Duensing folgenden Polizeipräsidenten Klaus Hübner, die Schamesröte ins Gesicht. Höhepunkt des Satyrspiels war der Prozess gegen Kurras wegen fahrlässiger Tötung unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Friedrich Geus, der am 17. November 1967 in Moabit begann. Geus galt als sachlicher und zuverlässiger Jurist, war jedoch gegenüber den Absichten des Westberliner Senats aufgeschlossen und absolut loyal. Etliche seiner wichtigen Urteile wurden vom Bundesgerichtshof kassiert.

Horst Mahler und Otto Schily treten als Anwälte der Nebenkläger auf

Das öffentliche Interesse am Kurras-Prozess war riesengroß. Vollbesetzte Zuschauer- und Pressebänke im Großen Saal von Moabit. Die Stimmung in der Bevölkerung West-Berlins war recht eindeutig gegen sämtliche studentischen Proteste gerichtet und aufseiten der Polizei, unterstützt von den Presseorganen aus dem Hause Springer.

Vor der 14. Großen Strafkammer begann nun der komprimierte Kurzstreckenlauf von sieben Verhandlungstagen. Der luzide Generalstaatsanwalt Diether Dehnicke vertrat die Anklage. Der Prominenten-Anwalt Gerd-Joachim Roos verteidigte Kurras. Horst Mahler und Otto Schily, damals Mitglieder der Charlottenburger SPD, waren die Anwälte der Nebenkläger der Familie Ohnesorg.

Der Begriff der „putativen Notwehr“ macht die Runde

Der pfiffige Roos besorgte eine ältliche Zeugin, der niemand zutraute, im Getümmel der Schlagstöcke und Wasserwerfer gewesen zu sein, die berichtete, um sie herum und in der Nähe von Kurras seien Studenten mit gezückten Messern in den Kampf gegen die Polizei gestürzt. Mehr noch: Der medizinische Gutachter Spengler äußerte, Kurras sei ein überaus sensibler Mensch. Er sei ihm mit einem Fingernagel über den Arm gefahren und sofort habe dies rote Streifen hinterlassen. Der Begriff der „putativen Notwehr“ machte als gewünschte Entlastung für Kurras die Runde.

Kurras hatte angeblich vermutet, dass er vom Tode bedroht in Notwehr handeln müsse. Keine fahrlässige Tötung, kein Totschlag, kein heimtückischer Mord. Ähnlich die begütigenden Aussagen der Kollegen von Kurras, die am Einsatz in der Krummen Straße beteiligt waren. Mahler und Schily, die Anwälte der Nebenklage, schüttelten nicht nur die Köpfe. Sie kochten vor Wut angesichts solcher Lügengespinste. Für Mahler fraglos die Grundlage für sein Abgleiten in die Terrorszene der RAF. Kurras wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Der traurigste Prozess der Westberliner Justizgeschichte

Für jeden, der dabei war, war es der traurigste Prozess der Westberliner Justizgeschichte. Der Bundesgerichtshof hob den Freispruch 1968 wegen unzureichender Beweisaufnahme auf. Ein neues Verfahren vor dem Westberliner Landgericht wurde 1969 abgebrochen, weil sich Mahler als Vertreter der Nebenklage weigerte, seine Robe anzulegen. Der nächste Prozess im Oktober 1970 brachte erneut einen Freispruch für Kurras, den Waffennarr, der sich mit dem Polizeireporter von Springers B.Z. angefreundet hatte und mit ihm gemeinsam zu Schießübungen ging.

Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten langsam im West-Berlin der Sechzigerjahre. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses befasste sich mit den Unruhen der Studenten in Dahlem und dem 2. Juni 1967. Die SPD/FDP-Mehrheit im Ausschuss lieferte einen Abschlussbericht, der nicht Fisch, nicht Fleisch war.

Zusammengefasst: Alles ist gekommen, wie es kommen musste. Der Studentenführer Rudi Dutschke wurde ebenso gehört wie ein junger hoffnungsvoller Jura-Professor aus Bayern namens Roman Herzog, der 1994 in das Amt des Bundespräsidenten gewählt wurde. Doch die „Wiedervereinigung mit Dahlem“, wie die Presse schrieb, war nicht zu erreichen. Mahler und Meinhof flüchteten sich ins politische Abseits. Mit der gewaltsamen Befreiung des Terroristen Andreas Baader am 14. Mai 1970, bei der ein Mann schwer verletzt wurde, schlug die Geburtsstunde der RAF.

Alexander Kulpok ist Journalist und Autor. Er arbeitete schon in den 50er-Jahren im Sender Freies Berlin, zunächst im Jugendfunk, dann als Reporter, Redakteur, Moderator und schließlich lange als Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion. 2019 erschien sein Buch „SFB mon amour“.

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