Als ich wach wurde, lag Max nicht mehr neben mir. Er saß im Pyjama vor dem Fernseher und sah diese immergleichen Bilder. Zunächst flog ein Flugzeug in den nördlichen Tower des World Trade Center, dann ein zweites in den südlichen. Den Ton hatte Max abgeschaltet. Nachdem ich einen Augenblick auf diese zerstörerischen Flüge und auf Max sah, dann wieder auf den Flug der beiden Maschinen in die Tower, fragte ich Max, seit wann er sich für solche Videoclips interessiere. Max stand auf, umarmte mich, wie er mich zuvor noch nie umarmt hatte. Er sagte kein Wort. Nach einer Weile ließ er mich wieder los und machte den Ton vom Fernseher laut.

Ich starrte auf die Bilder, die inzwischen zum brennenden Pentagon gewechselt waren und dann wieder zurück zu den Twin Towers in New York. Inzwischen kreisten Militärhubschrauber auch über Max’ Haus. Wir gingen auf die Terrasse. Die Sirenen der Feuerwehren fielen ineinander und verstärkten sich auf diffuse Weise. Max hatte Radio National eingeschaltet. Die Kliniken der Stadt riefen zu Blutspenden auf. Max und ich sahen uns an. Wir nickten uns zu. Schnell zogen wir uns an, nahmen jeder einen Müsliriegel mit auf dem Weg zum Auto und fuhren zum Universitätskrankenhaus. Es war das nächstliegende.

Berliner Verlag
Der Podcast „Wo warst Du?“

Anja Reich und Alexander Osang leben am 11. September 2001 mit ihren Kindern in New York. Der Tag beginnt wie jeder andere. Dann schlagen die Flugzeuge ins Word Trade Center. Osang, Reporter beim Spiegel, rennt zu den brennenden Türmen, Reich bleibt bei den Kindern. Bald brechen alle Verbindungen ab …

Erst Jahre später erzählen sie einander, was sie am Tag des Terrors erlebt haben. Daraus wird ein Buch, das es nun als Hörbuch gibt, gelesen von den Autoren: 9/11 - Ein Paar, zwei Erzählungen. Sechs Folgen – ab 6. September 2021 auf allen Podcast-Portalen und auf www.berliner-zeitung.de

Eine Produktion von Berliner Zeitung, 
Der Spiegel und Radioeins.

Dort reihten wir uns ein in die Schlange der Wartenden. Sie war endlos. Das Gefühl, nicht allein zu sein in unserer Hilflosigkeit, tat uns gut. Nachdem wir Stunden später Blut gespendet hatten, gingen wir zu einem ökumenischen Gottesdienst, der auf dem Universitätsgelände gerade begann. Ich blieb nicht nur eine Woche, sondern noch drei in Washington D.C. Denn zunächst waren alle Flughäfen gesperrt.

Es lag eine surreale Stille auf einem der größten Flughäfen Amerikas. Noch immer kreisten über der Stadt Tag und Nacht Hubschrauber. Sie sollten den Bewohnern Sicherheit simulieren. Ich fuhr jeden Tag aus Trotz von Arlington zum Dupont Circle, wo mein Büro war und lief von der Pennsylvania Ave. runter zunächst zum Weißen Haus. Dann zum Lincoln Memorial und über die Mall bis hin zum Capitol. Jeden Tag also sah ich, wie mehr Sicherheitsbarrieren herangetragen wurden.

Zunächst waren es nur einfache weiß-rote Absperrzäune der Verkehrspolizei, die rund um das Capitol aufgestellt wurden. Dann wurde nach und nach Stacheldraht herantransportiert und Wachpersonal bezog Posten auf dem Gelände. Einige Tage später sicherten schon drei Reihen Absperrzäune sämtliche Zugänge zum Capitol. Auch die Freitreppe war für das Publikum gesperrt. Einen Tag vor meinem Abflug hatten Kräne die kleine Anhöhe unweit vom Lincoln Memorial mit Betonelementen vollgestellt. Sie erinnerten nicht nur von der Form her an die Betonteile der Grenzanlagen, die ich von den Sicherungselementen der Berliner Mauer her kannte.

Ich packte keine Notpäckchen, die das Überleben im Falle eines Angriffs auf die Stadt und ihre Zivilbevölkerung garantieren sollten. Ich kaufte keine Medikamente und Wasservorräte für den Ernstfall. Ich sah in die Gesichter der Menschen, die vor den Drugstores und den Apotheken Schlange standen. Von Fatalismus, den ich erlernt hatte im Kalten Krieg, keine Spur. Ich dachte darüber nach, wohin diese Menschen gehen wollten, die in Arlington panikartig ihre Häuser zum Verkauf anboten. Denn Washington D.C. und Umgebung schien ihnen nun zu gefährlich. Schließlich war Washington D.C. Regierungssitz, argumentierten sie. Die Schilder „Zu verkaufen“ wurden von Tag zu Tag mehr.

Beim Rückflug vom Dallas Airport nach Frankfurt am Main hat mir wohl meine Erfahrung mit Zöllnern, Polizei und Militär an Grenzübergängen im ehemaligen Ostblock geholfen, das Flugzeug wie geplant zu besteigen. Denn ich protestierte nicht, wie amerikanische Flugpassagiere neben mir, meine Schuhe ausziehen zu müssen, meinen Laptop aus Sicherheitsgründen einzuschalten oder meinen riesengroßen Koffer vollständig auszupacken. In dem Augenblick, da mich der Sicherheitsbeamte durchwinkte und mir meinen deutschen Pass zurückgab, verstand ich, dass ich unumkehrbar in einer anderen Zeit durchgewinkt worden war.

Der Weg zur Gangway war auch der Weg in eine wieder andere Epoche, in die ich nun hineinlief. Es war ein Zeitenbruch und damit der Abschied von einer Zwischenzeit, die elf Jahre nach dem Mauerfall andauerte. Eine Zeit, in der ich es genoss, leichtfüßig Staatsgrenzen zu passieren.

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