Ich war in Südkorea, genauer gesagt in Itaewon, einem Bezirk in Seoul. Die Amerikaner haben hier eine Militärbasis. Bekannt ist Itaewon aber für seine vielen Schneider, den westlichen Bars und vor allem für sein Ausgeh- und Prostituiertenviertel namens „Hooker Hill“, eine Art Herbertstraße auf Koreanisch.

An dem Tag war ich allein im Gecko’s, einem Restaurant mit Bar, eingerichtet im britischen Kolonialstil am Fuße des Hooker Hill. Hier trafen sich Koreaner, die dem westlichen Lebensstil frönten, Expats, die von deutschen Unternehmen, wie etwa Bosch, Allianz, BMW, Tüv Rheinland oder Knorr-Bremse, nach Korea versetzt worden waren, junge Engländer oder Iren, die durch Englischunterricht ihren Aufenthalt verdienten und amerikanische GIs. Die Nationalitäten blieben am Ende meistens unter sich.

Bei Bier und lauter Musik tauschten sich die Deutschen Expats untereinander aus, klärten, woher sie genau aus Deutschland kamen, welche Funktion sie in ihrem Unternehmen innehatten oder wo und wie sie in Seoul lebten. Häufig langweilige Typen, denen man in jeder Bar in Deutschland nur wenig Aufmerksamkeit schenken würde. Schon bald jedoch gab ich meine kritische Haltung auf und das Gecko’s, eine halbe Stunde von meiner Unterkunft entfernt, wurde zu meinem zweiten Wohnzimmer.

Es war noch am Nachmittag, glaube ich, die Lautstärke der Musik war noch nicht ganz hochgezogen. Der Fernseher hinterm DJ Pult mit einem 2 mal 2 Meter großen Bildschirm war angeschaltet, blieb aber stumm. Da sich kein Gesprächspartner fand, schaute ich hin und wieder auf den großen Fernseher.

Ein amerikanischer Sender zeigte in unveränderter Einstellung die Twin Towers. Ich sah Rauchschwaden aus den oberen Stockwerken ziehen. Ein großes Feuer? Aus der Textnachricht der Eilmeldung entnahm ich, dass ein Flugzeug in eines der Türme geflogen war. Ein Unfall? So oder so, schrecklich, dachte ich, ein Wolkenkratzer mit unzähligen Menschen und derartig beschädigt. Doch kaum ein Gast nahm Notiz von dem lautenlosen Geschehen auf dem Bildschirm.

Nur der koreanische DJ, der ab und an auf den Fernseher schaute, machte den Eindruck, als ob er ebenfalls versuchte, sich einen Reim auf das Abgebildete zu machen. Mehr geschah zunächst nicht. Der Fernseher blieb stumm. Die Gäste tranken ihr Bier an der großen Holztheke und verzehrten Burger an den Tischen. Nach vielleicht 20 Minuten wurde der Ton angeschaltet. Die Leute begannen nun auch, auf die unverändert gleich gebliebene Bildeinstellung zu starren.

Dann flog ein weiteres Flugzeug in eines der Tower. Die Lage blieb nach wie vor unklar, nur die Entsetzlichkeit des Geschehens stellte sich zunehmend ein. Dann brach ein Tower in sich zusammen. Ein GI begann laut auszurufen: „Okay boys, let’s go“ und alle US Soldaten machten sich auf den Weg und verließen das Gecko’s. Ich verweilte danach noch kurze Zeit. Ich wusste weiterhin nicht, wie das Geschehene konkret einzuordnen war. Letztlich war dies ja auch einerlei.

Tatsache war, dass in dem Moment der stillen Beobachtung Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen starben. War es einerseits leicht, diese Erkenntnis zu erzielen, viel es mir andererseits schwer, mit dieser Erkenntnis umzugehen. Kein Getränk mehr, sicher. Vielleicht ein Telefonat mit einer vertrauten Person, auch gut. Die Geschehnisse auf dem Bildschirm blieben surreal. In der restlichen Zeit meines Aufenthaltes in Seoul kehrten die amerikanische Soldaten nicht mehr ins Gecko’s zurück. Für die Soldaten, die zigtausend Kilometer von New York entfernt stationiert waren, hatte sich offensichtlich etwas verändert.

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