Am Nachmittag des 11. September 2001, eine halbe Stunde bevor das erste Flugzeug in das World Trade Center raste, saß ich als Redakteur der Berliner Zeitung in einem Konferenzraum des Bundesnachrichtendienstes. August Hanning, der damalige BND-Präsident, hatte einige Hauptstadtjournalisten zu einem Hintergrundgespräch in seinen Berliner Dienstsitz, einen Anbau des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude an der Breiten Straße in Mitte, eingeladen. Thema war die Bedrohung des Westens durch den internationalen Terrorismus.

Mit am Tisch saß der zuständige Abteilungsleiter des Dienstes. Er referierte gerade über die sogenannten soft targets, die Terrorgruppen wie El-Kaida für ihre Anschläge auswählen würden. Unter solchen „weichen Zielen“ seien Einkaufszentren, aber auch Kommunikations- und Verwaltungszentralen sowie Energieverbundsysteme zu verstehen, erläuterte der Beamte. Es war kurz vor 15 Uhr, als es an der Tür klopfte und der BND-Präsident aus dem Sitzungsraum gerufen wurde.

Etwa zehn Minuten später kehrte Hanning zurück mit der Nachricht, dass zwei Flugzeuge in kurzen Abständen in das New Yorker World Trade Center gerast seien. Er schien ein wenig verwirrt und sagte nur, man wisse noch nicht, was dahinter stecke. Möglicherweise ein Unfall, aber die Informationen müssten noch verdichtet werden, sagte er. Dann nickte er seinem Abteilungsleiter zu, dass er seine Ausführungen fortsetzen solle.

Berliner Verlag
Der Podcast „Wo warst Du?“

Anja Reich und Alexander Osang leben am 11. September 2001 mit ihren Kindern in New York. Der Tag beginnt wie jeder andere. Dann schlagen die Flugzeuge ins Word Trade Center. Osang, Reporter beim Spiegel, rennt zu den brennenden Türmen, Reich bleibt bei den Kindern. Bald brechen alle Verbindungen ab …

Erst Jahre später erzählen sie einander, was sie am Tag des Terrors erlebt haben. Daraus wird ein Buch, das es nun als Hörbuch gibt, gelesen von den Autoren: 9/11 - Ein Paar, zwei Erzählungen. Sechs Folgen – ab 6. September 2021 auf allen Podcast-Portalen und auf www.berliner-zeitung.de

Eine Produktion von Berliner Zeitung, 
Der Spiegel und Radioeins.

Meine Kollegen und ich schauten uns etwas nervös an. Was geschah da gerade in New York? Wir sitzen hier mit dem Chef des deutschen Auslandsgeheimdienstes zusammen und bekommen nicht mit, was da draußen passiert. Die Handys hatten wir am Diensteingang abgeben müssen, wie das so üblich ist in einem Hochsicherheitsgebäude wie diesem. Wir waren sozusagen abgeschnitten von der Außenwelt. Keiner von uns hörte nun noch so richtig dem Beamten und seinen Ausführungen über El-Kaida und soft targets zu. Jeder von uns wollte nur noch raus und zurück in die Redaktion.

Eine gute halbe Stunde verging, da klopfte es wieder an der Tür. Es war 15.45 Uhr. Ein Mann kam herein, ging zu Hanning, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm etwas zu. Hannings Miene wurde ernst, er nickte und schickte den Mann wieder hinaus. Dann wandte er sich an uns: „Gerade eben ist ein Flugzeug in das Gebäude des Pentagon gestürzt“, sagte er. „Ich denke, es ist das Beste, wir brechen das Gespräch hier ab. Wir haben jetzt zu tun.“

Wir Journalisten sprangen auf, verabschiedeten uns und eilten zum Eingang. Ich weiß noch, wie aufgeregt wir waren und sofort, nachdem wir unsere Handys am Ausgang zurückbekommen hatten, in der Redaktion anriefen. Ich rannte fast zurück in die Redaktion. Als ich in den Großraum kam, standen viele Kollegen um den Fernseher herum und schüttelten fassungslos den Kopf. Ich ging zu ihnen, schaute auf den Bildschirm und sah, wie der erste Turm des World Trade Centers in New York in sich zusammenstürzte.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.