An diesem sonnigen Septembertag in der Wilhelmstraße in Kreuzberg habe ich den Wintergarten gründlich geputzt, was bedeutete, die rund 70 Blumentöpfe auf den Balkon oder ins Wohnzimmer zu stellen. Ich wollte rundum, von innen die Verglasung des „Aquariums“, wie mein Papa es genannt hatte, putzen. Außen, also die Wohnzimmerseite, würde extra gemacht werden.

Weil das Ausräumen der Pflanzen auch immer mit deren Aus- und Sauberputzen zu tun hatte, war das insgesamt ein langwieriges Unterfangen. Ich hatte so gegen 9.30 Uhr begonnen. Es war morgens noch ein bisschen frisch gewesen, und so habe ich die Balkontür wieder geschlossen. Gegen Mittag wurde es wärmer, auch, weil die Sonne so herrlich schien. Ich öffnete die Balkontür.

In der Wilhelmstraße war es wie immer, fließender Verkehr und reger Betrieb auf den Gehwegen. Auf dem langen, schmalen Hof, der eigentlich nur ein Wirtschaftsweg mit wenigen Stellplätzen war, ließen sich die Mitarbeiter des hausansässigen Sanitärbetriebes vernehmen. Sie gingen in unseren Hauskeller, in dem sie ein Materiallager eingerichtet hatten. Das Radio lief, und gegen Mittag hatte ich von Klassik-Radio auf einen der Berliner Sender umgeschaltet.

Dann kam die Meldung, in New York wäre ein Flugzeug in einen der Twin Tower geflogen. Zunächst dachte ich an ein eine kleine, private Maschine und was dem Piloten wohl zugestoßen sein müsse, dass die Maschine in ein so großes Gebäude fliegt. Wenige Minuten später kam die Meldung, ein zweites Flugzeug wäre in die Twins geflogen.

Daraufhin schaltete ich unseren kleinen Fernseher ein. Da wir Kabelfernsehen hatten, hatte ich sofort auf NBC geschaltet. Ich sah diese Bilder der qualmenden Tower – aus einem entfernten Zimmer/Büro heraus gefilmt. Ich unterbrach sofort meine Putzarbeit, setzte mich mit wackelnden Knien auf die Couch.

Man sah etwas an der Fassade herunterfallen. Und dann stürzte der erste Turm ein. Wie ein Kartenhaus fiel der in sich zusammen, so leicht, so locker. Das war unfassbar. Mir rannen die Tränen übers Gesicht. Ich dachte noch, ist doch noch so früh in NYC. Aber ich wusste auch, die New Yorker gehen teilweise sehr früh in ihre Büros, um überfüllten Straßen und Bussen und Bahnen auszuweichen.

Der zweite Turm stürzte ein. Ich überflog gedanklich die Zahl der Etagen, meinte mich an mehr als 3000 Büros in den Türmen zu erinnern und errechnete mir eine mögliche Todeszahl von rund 10.000 Menschen, so denn alles schon besetzt wäre. Ich weinte lautlos weiter.

Jetzt begannen auch die deutschen Sender zu berichten. Es war inzwischen klar, dass es noch eine dritte Maschine gab, die ins Pentagon in Washington gestürzt war. Alle drei voll besetzte Passagiermaschinen, ein Terroranschlag. Mein Kater hatte sich zu mir gesellt und ich erklärte ihm unter Tränen, dass das Krieg bedeuten könnte. Die USA werden das nicht ungestraft hinnehmen. Ich hätte Andreas anrufen sollen, aber ich konnte das nicht, ich war wie gelähmt und zu keinem vernünftigen Gedanken fähig.

Ich zitterte am ganzen Körper, die Knie wackelten, die Tränen liefen unentwegt. Die armen Menschen in den Büros. Inzwischen kamen unentwegt neue Bilder aus den verschiedensten Blickwinkeln. Ungeheuerliche Bilder mit Staubwolken, herumfliegendem Papier. Und ich erinnerte mich, dass wir im September ’97 an NYC vorbeigefahren sind, Richtung Boston, aus der Ferne die Twins gesehen haben, und sagten: NYC wird mal eine eigene Reise werden. Wir kamen aus Virginia, Washington DC. Es klingelte an der Wohnungstür und eine Nachbarstochter wollte sich das von mir angebotene Aquarium-Equipment abholen. Sie hatte das noch gar nicht mitbekommen, was in USA passiert war, und konnte sich deshalb mein verweintes Gesicht gar nicht erklären. Ich habe sie dann aufgeklärt, und ich bin tatsächlich mit ihr in den Keller runter und habe ihr den Karton gegeben.

Als ich wieder nach oben kam, lief der Fernseher mit den schrecklichen Bildern immer noch. Ich habe Andreas nicht angerufen, weil ich dachte, er weiß es sicherlich schon längst. Als er, früher als sonst, nach Hause kam, wusste er es zwar, aber er hatte die Bilder dazu noch nicht gesehen. Auch ihm kamen die Tränen. Wir beratschlagten nun zu zweit, ob es Krieg geben würde. Wir waren uns einig, amerikanischen Militärs war alles zuzutrauen.

Die USA hatte den gesamten Luftraum geschlossen, alle Verkehrsflugzeuge blieben am Boden, die Flughäfen geschlossen. Mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass alle drei Maschinen in Boston gestartet waren, und kurz nach dem Start entführt wurden.

Noch heute kann ich die Situation auf der Couch in der Wilhelmstraße vor dem kleinen Fernseher nachfühlen, und diese unsägliche Angst vor einem Krieg spüren. Ich habe gedacht, wie gut dass Mama und Papa das nicht mehr erleben müssen.

Wir wollten am 26. September für eine Woche nach Boston fliegen, die Tickets konnten nicht getauscht oder zurückgegeben werden können. Wir flogen tatsächlich nach Boston. Was uns da damals erwartete, ist eine ganz andere Geschichte.

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