Der 27. Mai 1942, Mittwoch nach Pfingsten, war kein schöner Frühlingstag in Berlin. Der Himmel war bewölkt und es gab leichte Regenschauer. Was sich an diesem Abend in vielen Wohnungen jüdischer Familien abspielte, war der Beginn eines im Nazideutschland einzigartigen Verbrechens. Berichte über das, was an diesem Abend passierte, liegen uns vor.

Edith Braun aus Lichterfelde etwa schrieb am 3. Juni, eine Woche nach der Verhaftung ihres Mannes, an ihre in der Emigration lebenden Söhne: „Wie aus der Erde gewachsen standen plötzlich am Abend kurz vor 9 Uhr zwei Beamte vor uns, und mit dem entsetzlichen Befehl ‚Kommen Sie mit uns‘ war alles erledigt. Über das Schicksal meines heißgeliebten Weggenossen ist mir nichts bekannt.“

Und Margarete Bagainski gab im Jahr 1955 bei ihrem Notar eine eidesstattliche Erklärung ab: „Abends gegen 8 Uhr erschienen in unserer Wohnung Greifswalder Straße 202 einige Polizeibeamte, die erklärten, dass sie meinen Mann abholen müssen. Als ich sie fragte, warum nur mein Mann und nicht die ganze Familie abgeholt würde, erhielt ich zur Antwort, eine Auskunft könne mir nicht gegeben werden, ich bekäme eine solche im Sammellager Levetzowstraße.“

Ähnliches spielte sich an diesem Abend in mehreren Hundert Wohnungen in Berlin ab.

Jahrzehnte später belegten Analysen die Taten

Sofort machten Gerüchte die Runde. „In unseren, d. h. jüdischen Kreisen wurde zu dieser Zeit bekannt, dass 500 Juden in Lichterfelde erschossen worden sind, weil auf Heydrich ein Attentat verübt worden sei“, schrieb später Klara Gerson über das Schicksal ihres Schwagers. Und Jakob Markus, dessen Vater Max Markus zu den Verhafteten gehörte, meinte im Entschädigungsverfahren, dass sein „Vater … zwischen dem 22. und 29. 5. 42 von der Leibstandarte SS Adolf Hitler in Berlin-Lichterfelde als Geisel für die Heydrich-Ermordung in Prag und die Demonstration im Berliner Lustgarten mit angeblich 250 anderen Juden erschossen“ worden sei.

Jahrzehnte später lieferte der Beitrag des Historikers Wolfgang Scheffler im „Jahrbuch des Landesarchivs Berlin 1984“ eine mit historischen Fakten belegte, quellenkritische Darstellung der Ereignisse vom Mai 1942.

Eine Ausstellung, um die Kriegsbegeisterung anzufeuern

Nur zehn Tage zuvor, am 18. Mai, war mit großem Pomp im Berliner Lustgarten eine als antibolschewistische Demonstration gedachte Ausstellung, „Das Sowjetparadies“, eröffnet worden. Die Nationalsozialisten wollten – so schrieb es der Völkische Beobachter – die „Fratze des Bolschewismus und das teuflische Gesicht des Juden“ entlarven und so die schwindende Kriegsbegeisterung erneuern. Schon in der ersten Woche besuchten mehr als 250.000 Menschen die Ausstellung.

Es überrascht nicht, dass die Ausstellung in kommunistischen Widerstandsgruppen Aktivitäten auslöste. Am Abend des 17. Mai 1942 verteilten Mitglieder der Roten Kapelle, der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen, Klebezettel mit dem Text: „Ständige Ausstellung / Das NAZI-PARADIES / Krieg Hunger Lüge Gestapo / Wie lange noch?“

Am 18. Mai gab es einen Brandanschlag auf die Ausstellung. Mitglieder zweier miteinander in Beziehung stehender Gruppen hatten den Anschlag verübt, der als „Anschlag der Gruppe Baum“ bekannt geworden ist. Die beiden Brandsätze konnten nach kurzer Zeit gelöscht werden, der Schaden hielt sich in Grenzen. Am nächsten Tag war die Ausstellung wieder normal geöffnet. Die Gestapo ermittelte in kürzester Zeit die Täter und ihre Mitverschwörer. Herbert Baum sowie die meisten Mitglieder der beiden Gruppen bezahlten den Anschlag mit dem Tod. Noch 1942 wurden zahlreiche Todesurteile gegen sie vollstreckt.

Willi Creutzenberger
Zwölf Stolpersteine erinnern an zwölf der Menschen, die in der Nacht vom 28. Mai 1942 in Berlin den Nationalsozialisten zum Opfer fielen.

Die Rache der Nationalsozialisten

Tatsächlich hatte der Anschlag Folgen für die Berliner Juden, die über die unmittelbar Beteiligten hinausgingen. Josef Goebbels, Reichspropagandaminister und Gauleiter von Groß-Berlin, beschäftigte sich im April und Mai 1942 mit den Fragen, welche „Gefahr“ die Juden in Berlin angesichts ihrer „aussichtslosen“ Situation darstellten und wie möglichst schnell ein „judenfreies Berlin“ erreicht werden könnte. Da Juden in den „Anschlag“ verwickelt waren, sah er dies sofort als Chance, den Druck auf die Berliner Juden weiter zu erhöhen. Am 24. Mai schrieb er in sein „Tagebuch“:

„Bezeichnenderweise sind von den Verhafteten fünf Juden, drei Halbjuden und vier Arier. (...) Man sieht an dieser Zusammenstellung, wie richtig unsere Judenpolitik ist und wie notwendig es erscheint, weiter auf das radikalste hier den alten Kurs fortzusetzen und dafür zu sorgen, dass die noch in Berlin vorhandenen 40.000 Juden, die in Wirklichkeit freigelassene Schwerverbrecher darstellen, die nichts mehr zu verlieren haben, auf das schnellste entweder konzentriert oder evakuiert werden. Am besten wäre selbstverständlich die Liquidierung.“

Er nutzte den Anschlag, um eine besonders grausame Aktion in Gang zu setzen. Am 27. Mai 1942 ließ er im Einvernehmen mit Hitler und Himmler über 400 jüdische Männer in Berlin verhaften.

Von den Verhafteten wurden am folgenden Tag im KZ Sachsenhausen 154 Männer in der neuen Genickschussanlage ermordet. Am 29. Mai wurden weitere 96 jüdische Männer, die sich schon länger im Lager befanden, ebenfalls auf diese Weise ermordet, sodass insgesamt 250 jüdische Männer in der Folge des Anschlags ermordet wurden. Die weiteren in Berlin verhafteten 250 Männer wurden als Schutzhäftlinge in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. In den folgenden Monaten wurden sie nach und nach zu Tode geschunden oder ebenfalls ermordet. Die letzten noch lebenden Männer wurden im Oktober 1942, als das Lager „judenfrei“ gemacht wurde, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Einbeziehung der „Reichsvertretung der Juden“

Bereits zum 29. Mai waren die Vorstände der drei im „Großdeutschen Reich“ eingerichteten Vertretungen der Juden, in Wien für Österreich, in Prag für Böhmen und in Berlin für Deutschland, in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin einbestellt worden.

Dort mussten sie vier Stunden stehend mit dem Gesicht zur Wand warten. Dann wurde ihnen von Gestapo-Chef Müller im Auftrag Himmlers und im Beisein von Eichmann der Mord an den 250 Männern mitgeteilt. Im Hinblick auf zukünftige Anschläge wurde mit ähnlichen Maßnahmen gedroht. Den drei Vorständen wurde befohlen, dies „unter den Juden in geeigneter Weise bekannt zu machen“, diese Anordnung wurde am nächsten Tag aber wieder zurückgenommen. Auch sollten sie die Angehörigen der Opfer über den Tod der Männer informieren, dabei aber die Todesursache verheimlichen.

Als Wochen später die Ehefrau von Berthold Eisner, eines der Opfer aus dem Lager, nach Erhalt der Todesmitteilung sich die Urne mit der Asche ihres Mannes zuschicken lassen wollte, hieß es, dass Rückfragen jeder Art unerwünscht seien.

Willi Creutzenberger/ITS Arolsen Digital Archive
Ein Dokument, das in dieser Form für alle 96 Opfer aus dem Lager Sachsenhausen existiert. Als Todesursache wurde festgehalten: „Auf Befehl erschossen“. Für die 154 am 27. Mai festgenommenen Berliner Juden gibt es solche Sterbenachweise nicht.

Das Schicksal der Angehörigen

Von den 250 erschossenen Männern stammten etwa 200 aus Berlin, 50 aus dem Reich. Während die Angehörigen der Opfer aus dem Reich offensichtlich keine besondere Behandlung erfahren sollten, war der Umgang mit den Angehörigen in Berlin Thema mehrerer – auch telefonischer – Besprechungen zwischen der Reichsvereinigung der Juden und dem von Eichmann geleiteten Referat IV B 4 beim RSHA. Auf Weisung des RSHA sollten die Angehörigen umgehend nach Theresienstadt deportiert werden.

Dafür wurde der für den 5. Juni vorgesehene „2. Altentransport“ umfunktioniert. Statt wie geplant 100 alte jüdische Berliner/innen nach Theresienstadt zu schaffen, wurden jetzt 89 Angehörige von 53 der ermordeten Männer und nur elf alte Menschen und einige andere Personen dorthin gebracht. Dem „Transportleiter“ des „Abwanderungstransportes“ wurde ein verschlossener Briefumschlag mit den Namen der ermordeten Männer mitgegeben.

Was nach der Ankunft in Theresienstadt geschah, schildert Klara Cohn in einer eidesstattlichen Erklärung von 1954: „Einige Tage nach unserer Ankunft wurden die Frauen und Kinder unseres Transports zusammengerufen. Es wurde uns eine Liste von 250 Namen vorgelesen, die auf Befehl des Führers erschossen waren. Darunter befand sich der Name meines Mannes und die Namen der Männer der Frauen unseres Transports.“

In den folgenden Wochen wurden weitere Angehörige nach Theresienstadt geschafft, allerdings nicht mehr in so großer Zahl wie bei dem Transport vom 5. Juni. Einige der Angehörigen starben sehr schnell aufgrund der schrecklichen Lebensbedingungen im „Vorzeige- und Musterlager Theresienstadt“. Die meisten Angehörigen der ermordeten Männer lebten bis 1944 in Theresienstadt. Dann wurde ein großer Teil von ihnen weiter nach Auschwitz deportiert. Dort wurden viele direkt ermordet, einige wenige überlebten auch Auschwitz.

Illegalität als Ausweg für die Angehörigen

Tatsächlich gab es auch Angehörige, die nach der Verhaftung des Ehemannes oder Vaters verstanden hatten, dass ihre einzige Überlebenschance darin bestand, in die Illegalität abzutauchen.

So hat eine Reihe von Angehörigen dank der Hilfe von Mitmenschen, die sich ihre Menschlichkeit erhalten hatten, überleben können. Ein Beispiel ist Hildegard Isbitzky, deren Ehemann zu den 96 bereits im Lager einsitzenden Opfern gehörte. Sie ging am 10. Juni 1942, als sie die Benachrichtigung über ihre „Abwanderung“ – so der euphemistische Begriff für die Deportationen – erhielt, sofort in die Illegalität.

Während ihr einziger Bruder und ihre Eltern von den Nazis ermordet wurden, konnte sie dank der Hilfe unterschiedlicher Menschen bis zu ihrer Befreiung im April 1945 durch sowjetische Soldaten im Untergrund überleben. Noch im selben Jahr heiratete sie Hans Lipke, einen ihrer „Retter“. 1946 emigrierte das Ehepaar in die USA.

Der Umgang mit dem Massenmord heute

Von Anfang an war die Mordaktion von Ende Mai 1942 „geheimnisumwittert“. Keiner der Angehörigen, die den Holocaust überlebt hatten, wusste nach dem Krieg, was genau mit den verhafteten Männern passiert war. Selbst die Behörden und der Internationale Tracing Service (ITS), der nach Kriegsende eine Schlüsselstellung bei der Suche nach Opfern des Nationalsozialismus spielte, wussten lange Jahre nichts Genaues über diesen Massenmord.

Erst im Zusammenhang mit den Berichten der Überlebenden, die sie bei ihren Entschädigungsverfahren ablieferten, und der Kenntnis neuer Quellen wurde langsam klar, wie der Ablauf und was der Hintergrund des Massenmordes im KZ Sachsenhausen gewesen war.

Der Mord an den 250 jüdischen Männern spielte in keinem der Sachsenhausen-Prozesse eine Rolle, das Verbrechen wurde überlagert von dem noch monströseren Mord an rund 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen. So wundert es auch nicht, dass es bis heute über die 250 ermordeten jüdischen Männer keine Darstellung im Sinne eines Gedenkbuches gibt. Bis auf wenige Ausnahmen wissen wir nichts über sie und nichts über ihre deportierten Angehörigen. Sie sind vergessen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Veranstaltungshinweis: Am Freitag, den 27. Mai, wird der Autor dieses Textes einen Vortrag über den hier beschriebenen Massenmord halten. Der Vortrag findet bei der VHS Pankow in Kooperation mit dem Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Str. 4 statt. Unter folgendem Link können sich Interessierte anmelden: https://bit.ly/3E3gmAo