Berlin - Es war ein romantischer, ein politischer und vor allem ein sehr emotionaler Abend im April 1963 in Paris. Der Frühling hatte an der Seine schon Einzug gehalten, im Gegensatz zum kühlen Berlin. Und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt war mit viel Kultur im Gepäck auf dem Höhepunkt seiner Popularität zu einem offiziellen Besuch in die französische Hauptstadt gereist.

Gerade hatten er und seine Partei bei den Abgeordnetenhauswahlen mehr als 63 Prozent errungen und sämtliche Direktmandate in West-Berlin erobert. Die Bundes-SPD wollte ihn als Kanzlerkandidaten nominieren. Für Oktober hatte Konrad Adenauer seinen Rückzug aus der Politik angekündigt, und im Januar 1963 hatten Adenauer und de Gaulle mit dem Élysée-Vertrag das Ende der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ besiegelt. Kein Zeitpunkt wäre günstiger für die Frankreich-Visite eines mutmaßlichen Adenauer-Nachfolgers gewesen.

Offiziell ging es um die Ausstellung von Werken des französischen Rokoko-Malers Antoine Watteau, die sich in Berlin befanden, und um zwei Brahms-Konzertabende der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan. Die Watteau-Ausstellung eröffnete Frankreichs Kulturminister André Malraux, der große Schriftsteller („So lebt der Mensch“), Widerstandskämpfer, Freund und Berater von Charles de Gaulle. In Ehrfurcht wagte ich ein Interview mit ihm, obwohl seine Bedeutung in Berlin wohl schon damals nicht so recht erkannt wurde.

Willy Brandt und sein Schulfranzösisch

Im Sommer 1962 hatte Brandt bei einem Urlaub in Tunesien eigens für diesen Besuch sein Schulfranzösisch aufpoliert. Und als er nach seiner Ankunft in Paris vor der Presse eine Rede in französischer Sprache verlas, war die Reaktion der dortigen Medien laut Berliner Tagesspiegel „hymnisch“. Bei einem Treffen mit Staatspräsident de Gaulle, der „Monsieur Berlin“ mit einem Hubschrauber in die Subpräfektur Saint-Dizier abholen ließ, konnte Brandt seine neu erworbenen Kenntnisse auf besondere Weise einsetzen: Er sprach Deutsch – was de Gaulle recht gut verstand –, und de Gaulle sprach Französisch, was für den Regierenden Bürgermeister nun kein Geheimcode mehr war. Der dabeisitzende Dolmetscher war weitgehend arbeitslos.

Der erste Konzertabend mit zwei der vier Brahms-Sinfonien lieferte den festlichen Rahmen. (Der 1961 nach der Romanvorlage von Françoise Sagan gedrehte Film „Lieben Sie Brahms?“ hinterließ in Frankreich noch immer hörbare Spuren.) Als Radioreporter aus Berlin hatte ich einen komfortablen Logenplatz auf der linken Seite des Saales. Zu meinem Erstaunen hatte den plüschigen Sessel bei meiner Ankunft bereits eine jüngere Blondine eingenommen. Mit nicht allzu freundlichen französischen Worten versuchte ich eine Zeit lang ihr klarzumachen, dass sie hier fehl am Platze war. Wir redeten – mitunter recht heftig – aufeinander ein.

Bis wir beide bemerkten, dass unsere Muttersprache Deutsch war, und bis ich feststellte, dass meine Gesprächspartnerin die ungeschminkte Romy Schneider war. Ihr war das bei Konzert- und Theaterbesuchern wohlbekannte Malheur passiert: Sie hatte rechts mit links verwechselt und hatte ihren Platz in der Loge auf der anderen Seite des Saales. Pardon – kein Grund für Streitereien.

Die Berliner Delegation gab nach dem Eröffnungskonzert mit den Brahms-Sinfonien 1 und 2 einen Empfang. Romy Schneider redete unablässig auf Herbert von Karajan ein. Der Maestro hörte geduldig, aber stoisch-unbeteiligt zu. Dann die Überraschung: Marlene Dietrich, die Wahlpariserin, betrat den Raum. Es hieß, sie habe Paris als Wohnsitz gewählt, weil sie immer noch darauf hoffte, dass Jean Gabin, ihre alte Liebe, zu ihr zurückkehren würde. Wir kannten uns, seit sie vor genau drei Jahren in Berlin versuchte, Frieden mit ihrer Geburtsstadt zu machen, und von Transparenten mit der Aufschrift „Marlene go home“ bei ihrem Auftritt im Titania-Palast begrüßt wurde.

Marlene Dietrich und die jungen Männer

Damals war der 27 Jahre jüngere Burt Bacharach an ihrer Seite, der nicht nur am Klavier ihr enger Begleiter war. Marlene berichtete, sie habe sogar seine Socken gestopft, alles für ihn, den genialen Musiker, getan und sei am Boden zerstört gewesen, als er sich von ihr trennte. Marlenes Beziehungen und Affären waren natürlich kein Thema an diesem Abend in Paris. Es ging um Berlin, um gute und schlechte Erinnerungen und um ihren geplanten Besuch in Moskau, Warschau und Ost-Berlin. Im anderen Teil der Stadt werde sie wenigstens freundlich empfangen, meinte Marlene – und trat dann 1964 im Friedrichstadt-Palast auf.

1960 hatte ich als morgenfrischer Zeitungsvolontär bei Marlene alle Möglichkeiten der Berichterstattung (die wegen der US-Vertragsklauseln recht kompliziert war). Sie mochte offenkundig nicht nur Jean Gabin, sondern auch junge Männer. Mein Fotografenkollege, mit dem ich den Dietrich-Besuch für nationale und internationale Printmedien abdeckte, konnte sich von den Honoraren seinen ersten Sportwagen leisten. So plauschten wir locker über die guten Tage von Berlin im Jahr 1960. Marlenes Liebe zu der Stadt, wo sie in der Schöneberger Leberstraße das Licht der Welt erblickt hatte, war unverkennbar. Wohl mit ein Grund, dass ich sie an diesem Frühlingsabend zu ihrem Wohnhaus in der Avenue Montaigne begleiten durfte. Je ein Kuss auf die rechte und die linke Wange beendeten an der Haustür das freudige Wiedersehen.

Alle drei – Karajan, Romy Schneider und Marlene Dietrich – waren und sind eng mit Berlin verbunden. Karajan schloss 1956 einen Vertrag „auf Lebenszeit“ mit dem West-Berliner Senat als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, den er jedoch 1989 nach einem Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen kündigte. Romy Schneider lernte den Schauspieler und Regisseur Harry Meyen im April 1965 bei der Eröffnung des Europa-Centers in Berlin kennen, das ihrem Stiefvater Hans Herbert Blatzheim gehörte. 1966 heiratete sie Meyen. 1975 wurde die Ehe, aus der der Sohn David hervorging, geschieden. Harry Meyen nahm sich 1979 das Leben.

Und Marlene Dietrich starb im Mai 1992 in Paris und wurde, wie sie es wünschte, auf dem Friedhof Schöneberg beigesetzt. Ihr Grabmal ziert das Theodor-Körner-Zitat „Hier steh’ ich an der Marke meiner Tage“. Die allgemeine Erinnerung und die öffentliche Anerkennung dieser drei Lichtgestalten eines Pariser Frühlingsabends könnten kaum unterschiedlicher sein.

Der Autor arbeitete lange im Sender Freies Berlin als Reporter, Redakteur und Moderator und war danach Leiter der ARD-/ZDF-Videotextredaktion. 2019 erschien sein Buch „SFB mon amour“. 

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