„Vor den Toren des östlichen Berlin ... liegt in landschaftlich schöner Lage das städtische Gut Schöneiche. Inmitten eines gepflegten alten Parkes steht das prächtige Schloß, dessen Grundmauern bereits aus dem 16. Jahrhundert stammen.“ Das las man im „Vorwärts“, im Jahr 1932. Da hatten die Töchter von Berliner Arbeitern das Schloss erobert.

Doch zunächst zur Vorgeschichte. Am 7. Juli 1761 erwarb der Hofbankier Friedrich Wilhelm Schütze das Dorf Schöneiche. Im Jahr darauf ließ er das alte Schloss abreißen, um ein neues Barockschloss zu bauen. Nach seinem Tod im Jahre 1797 blieb das Gebäude zunächst in Familienbesitz und wechselte dann mehrfach den Besitzer. Der letzte private Schlossherr, Königlicher Amtsrat Julius Wrede, kaufte 1905 das Wirtschaftsgut mit Schloss von Otto Schröder, dem Begründer der Waldgartengemeinde Schöneiche.

Ein Jahr zuvor war es noch renoviert und später mit fließend kaltem und warmem Wasser, Heizung und elektrischem Licht versehen worden. Auch ein Telefonanschluss war mindestens seit 1898 vorhanden: „Amt Friedrichshagen Nr. 24“.

Von der Stadt Berlin gekauft - für Rieselfelder

Im November 1928 schlug der Magistrat von Berlin der Stadtverordnetenversammlung den Ankauf des Rittergutes Schöneiche zur Erweiterung der Rieselfelder Tasdorf und Münchehofe vor. Die Publikation „Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung“ berichtete über den Erwerb durch die Stadt: „Der Besitzer des Rittergutes, Amtsrats Julius Wrede, hat das rund 2720 Morgen grosse Rittergut, ausschliesslich der ‘gelben Villa‘, sonst mit sämtlichen Gebäuden und Zubehör, mit lebendem und totem Inventar, für den Preis von 3,3 Millionen Mark zum Kauf angeboten.“ Nur die Deutschnationalen protestierten gegen den Ankauf, weil bereits ein neues Verfahren zur Beseitigung der Abwässer Berlins in Vorbereitung sei. „Wollen wir denn alles Land um Berlin herum versumpfen und verstänkern?“

Doch ungeachtet dieses Einwandes gelangte das Schloss im Jahre 1929 in den Besitz der Stadt Berlin. Julius Wrede bewohnte es noch bis zu seinem Tode im Herbst 1930 zusammen mit seiner Schwester. Dann wurden die Möbel von den Erben abgeholt, die Fensterläden dichtgemacht und das Schloss stand leer – „schön und prächtig und etwas verwunschen“, wie man es der damaligen Presse entnehmen kann. Die Stadt Berlin tat sich zunächst schwer mit der Nutzung ihres Neuerwerbs. Erst 1931 bekam die Aufbauschule für Mädchen in Berlin-Friedrichshain, Frankfurter Allee 37, das Schloss für den Schulbetrieb zur Verfügung gestellt.

Aufbauschulen wurden im Frühjahr 1922 zusammen mit der Deutschen Oberschule in Preußen eingeführt. Sie sollten neben den bestehenden Gymnasien und Oberrealschulen einen weiteren Weg zur Reifeprüfung öffnen. Besonders befähigte Kinder konnten so in einer sechsjährigen Ausbildung – anstelle der neunjährigen höheren Schule - die zum Studium berechtigende Reifeprüfung ablegen. Die Sozialdemokraten waren an Aufbauschulen interessiert, da sie Arbeiterkindern den Zugang zu höherer Bildung erleichterten.

Der „Vorwärts“ berichtete am 14. August 1931 über die Schule aus Friedrichshain: „Mit dieser Aufbauschule … hat es seine eigene Bewandtnis. Sie dürfte die einzige Schule in Berlin sein, deren Elternbeirat, fünf Vertrauensleute für die einzelnen Klassen und ebenso viele Ersatzleute, sämtlich Sozialdemokraten sind … Die Eltern sind zu 15% erwerbslos, zu 49% Arbeiter, zu 14% Selbständige (Straßenhändler, Flickschuster u.ä.), zu 22% Beamte und kleine Angestellte.“

Aus der Statistik ging des weiteren hervor, dass bei 18 Prozent der Mädchen auch die Mutter arbeitete und 22 Prozent der Schülerinnen sogar selbst Geld für ihre Familien verdienten. 73 Mädchen wohnten in Hofwohnungen, bei 74 wohnten zwei bis neun Familienmitglieder in nur zwei Stuben. 60 Prozent der Schülerinnen waren ganz vom Schulgeld befreit, 33 Prozent teilweise. „Trotz dieser Notlage haben in den bisher stattgefundenen Reifeprüfungen sämtliche 59 Abiturientinnen bestanden, und zwar mit ‚gut‘ und 6 mit ‚Auszeichnung‘, ein Beweis für die besondere Energie dieser Mädel aus allen Proletariervierteln von 19 verschiedenen Bezirken“, heißt es in dem Artikel.

„Hauseltern“ aus einer Arbeiterfamilie

Da sich das Schloss trotz des zeitweiligen Leerstandes offenbar in einem guten Zustand befand, musste das Bezirksamt Friedrichshain nur verhältnismäßig geringe Mittel für die Erweiterung der sanitären Anlagen und den Umbau der Räumlichkeiten für den Schulbetrieb aufwenden. Im Frühjahr 1932 bezogen zunächst 30 und später 60 weitere Schülerinnen das Schloss. Dauerhaft wohnten zunächst die Waisen unter ihnen dort, die bis dahin privat untergebracht waren. Betreut wurden sie von zwei jüngeren Mitgliedern des Lehrerkollegiums und einem „Hausvater“ nebst „Hausmutter“ aus einer Arbeiterfamilie, die ebenfalls im Schloss lebten. Die übrigen Schülerinnen und Lehrer fuhren nur zu bestimmten Stunden zum Unterricht und zu ihrer Erholung nach Schöneiche, ansonsten blieben sie im Stadtschulhaus.

Im Artikel des „Vorwärts“, der im August 1931 vor dem Umzug erschien, wurden die Pläne erklärt. Die Mädchen würden im Weinkellergewölbe ihre Mahlzeiten einnehmen, im ebenerdigen Rundsaal gemeinsame Stunden verbringen und in den vielen kleinen Zimmern lernen, wohnen und schlafen. Kostgeld, Fahrgeld und Pacht würden von privater  Seite finanziert. „Man hofft, aus dem Nutzgarten viel materielle Hilfe zu bekommen … Sogar Lehrstoff gibt es in Menge umsonst, die historisch und literarisch interessierten Schülerinnen werden die ganz unbekannten Schätze der Kirche und ihrer uralten Bibliothek bearbeiten. Die naturwissenschaftlich interessierten Besucher werden im Park und seinen Gewässern, in den Gewächshäusern und der Orangerie genug Gelegenheit zu praktischen Studien haben. Und die letzten blaublütigen Gespenster des Schlosses werden ihre Winkel verlassen, wenn am 11. August mit einer der für die Aufbauschule Friedrichshain charakteristischen Feste die Schulgemeinde die Verfassung der Deutschen Republik und den Einzug in das Schulschloss feiern wird und die schwarzrotgoldene Fahne zum erstenmal am Mast hochgeht.“

Kurz nachdem aus dem Schloss eine Schule geworden war, folgte am 7. Juni 1932 der nächste Bericht, darin hieß es: „Fröhliche, lachende und lernbegierige Jugend tummelt sich durch die weiten, gar nicht mehr ehrfürchtig anzuschauenden Schlossräume und durch den endlos weiten Park.“ Die Schülerinnen und das Schulpersonal kümmerten sich nicht nur um den Park, sondern legten auch einen Gemüsegarten an. So konnte bereits im September 1932 ein Erntedankfest gefeiert werden. Aufbauschulen waren keine wohlhabenden Einrichtungen, bei aller Unterstützung durch die Stadt war das Geld knapp. So vermerkt der „Vorwärts“ am 27. September 1932 in seinem Bericht über das Erntefest: „Aus Spenden und Zusammengespartem wird der Betrieb aufrechterhalten, im Sommer nahm man sogar einige blasse Kinder aus dem Kinderhort in Pflege und päppelte eines davon in fünf Wochen um elf Pfund in die Höhe.“

Bis 1933 blieb die Aufbauschule eine selbständige Einrichtung. Dann wurde sie mit der „1. Städtischen Studienanstalt“ zusammengelegt und in „Händelschule – Oberschule für Mädchen im Aufbau“ umbenannt. Aus der proletarischen Schule wurde ein Landschulheim. Ab 1934 wurde das Schloss auch als internationale Begegnungsstätte genutzt, französische und spanische Schüler waren zu Gast. Im Juli 1935 fand sogar eine eine deutsch-spanische Austausch-Ferienschule statt.

Dann geriet das Schloss in den Zugriff des nationalsozialistischen Regimes. Im Oktober 1935 eröffnete der NS-Lehrerbund von Groß-Berlin hier sein erstes Schulungslager. Die Teilnehmer wurden offenbar nicht nur ideologisch, sondern auch körperlich „geschult“. Das lässt ein Foto im „Jeverschen Wochenblatt“, das die Lehrer beim Frühsport zeigt, vermuten. Im Januar 1936 wurde im Schloss auch das erste Schulungslager für Lehrerinnen aller Altersklassen eingerichtet. In einer Pressemeldung heißt es: „Die eigentliche Schulungsarbeit besteht aus sportlichen Übungen, Aussprachen, Singstunden und Abendfeiern im national-sozialistischen Geist.“

Abriss für Baumaterialien - umsonst

Nachdem kriegsbedingt Nachrichtenhelferinnen wichtiger als Lehrerinnen geworden waren, diente das Schloss für sie als Unterkunftsstätte. Zum Ende des Krieges wurde die Schule schließlich als Lazarett genutzt. Nach dem Einzug der Roten Armee in Schöneiche zog zunächst der Stab einer Armeeeinheit ein, bevor das Gebäude wieder Lazarett und auch Quarantänestation wurde. Die offenbar letzte Nutzung erfuhr das Schloss für kurze Zeit als Flüchtlingsunterkunft.

Im April 1949 wurde das Ende des Schlosses besiegelt. Die Gemeindeverwaltung Schöneiche wies den Abriss an, um Baumaterial für den Hausneubau zu gewinnen. Diese Entscheidung wurde durch den Befehl 209 der Sowjetischen Militäradministration vom 9. September 1947 „Über die Errichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden für Neubauern“ gestützt. Dieser Befehl war Grundlage für ein großangelegtes Bauprogramm zur Förderung des Auf- und Ausbaus der Neubauernhöfe. Aus dem Abriss zerstörter Rüstungswerke, Häuser, ehemaliger Gutshöfe und Schlösser sollten dringend benötigte Baumaterialien gewonnen werden.

Auch wenn das Schloss Schöneiche schon lange kein „Adelshaus“ mehr war und sich einen Namen als „Schloss der Arbeiterkinder“ gemacht hatte, bewahrte diese proletarische Tradition es nicht vor dem Abriss. Es sei dahingestellt, ob Unwissen oder der unbedingte Wille, ein Adelssymbol zu beseitigen, dieser Entscheidung zugrunde lag. Der Plan erwies sich als Luftschloss. Das Gebäude bestand aus luftgetrockneten Lehmziegeln - und so zerbröckelte das ersehnte Baumaterial im wahrsten Sinne des Wortes.

Was das Schloss ansonsten zu bieten hatte, wurde geplündert oder zerstört. Nur die ehemalige Orangerie, zum Wohnhaus umgebaut, blieb erhalten, bis sie später abbrannte.

Schöneiche ist nicht Berlin. Und so wird es kein neues altes Schloss geben. Es bleibt nur die Erinnerung, gestützt durch Bilder, Fotos, Ansichtskarten oder einen gelegentlichen Artikel.

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