Im vergangenen Herbst sorgte die Netflix-Dokumentation „The Social Dilemma“ für Furore. Sie zeigte eindringlich, wie die großen Tech-Giganten wie Google und Facebook gezielt psychologische Manipulation betreiben, um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer zu gewinnen – und die damit einhergehenden Einnahmen. Die Folge: Wachsende Zahlen von Smartphone-Sucht, gerade bei jungen Menschen. Potential.app, ein junges Tech-Start-up aus Berlin, möchte den Spieß umdrehen mit einer Vision, die unseren Bezug zu Technologie nachhaltig verändern könnte.

Mit „iOS 15, Humane“ veröffentlichte das Potential.app-Team kürzlich ein Manifest für eine gerechte, humane Smartphone-Zukunft. Die Quintessenz? Smartphones sollen unser Verhalten verändern, aber zugunsten des Nutzers und keiner milliardenschweren Industrie.

Wie hilft uns die Technik, unsere Zeit besser zu verwenden

Legeres weißes Hemd, Birkenstock an den Füßen und eine silberne Vintage-Brille auf der Nase: So begegnet mir Welf von Hören, Mitbegründer von Potential.app. Wir unterhalten uns auf einer sonnigen Parkbank in Kreuzberg, die Vögel zwitschern und Welf von Hören erzählt von seiner Motivation für Potential.app. „Mit 18 fragte ich mich schon, warum ich es nicht schaffe, fünfmal in der Woche zum Fitnessstudio zu gehen oder früh aufzustehen, um all diese Bücher zu lesen, die sich bei mir anhäufen. Es herrschte eine Art Kluft zwischen meiner Intention und meinen Handlungen. Und genau da wurde mir die Rolle von all diesen Bildschirmen, die unser Verhalten verändern können, bewusst. Diese manipulierende Technologie arbeitet gegen unser Interesse. Ich habe den ganzen Tag auf Bildschirme geschaut – und statt mir dabei zu helfen, das zu erreichen, was ich wollte, haben sie mich abgelenkt. 2017 wusste ich dann: Da muss ich etwas verändern.“

Von Hören lernte Programmieren und Design mit Fokus auf digitale und Mensch-zentrierte Schnittschnellen. Er setzte sich damit auseinander, „wie wir Technologien entwickeln können, die uns dabei helfen, bewusste Entscheidungen zu treffen“. Es sei „hart, in Zeiten exponentieller Ablenkung, Intentionen zu setzen“.

Für soziale Netzwerke ist Sucht gut fürs Business

Konkret meint der junge Gründer soziale Netzwerke, die durch Algorithmen und ausgeklügeltes Design alles dafür tun, um die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer zu bekommen. In „iOS 15, Humane“ ist das noch überspitzter dargestellt: „Für soziale Netzwerke, deren Geschäftsmodelle auf Werbung basieren, ist Sucht gut fürs Business. Selbst wenn das auf Kosten unserer mentalen Gesundheit, Demokratie und Kapazität, die größten Probleme dieser Welt zu lösen, passiert.“

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung vom Potential.app-Manifest war kein Zufall, sondern geschah bewusst direkt nach dem Erscheinen von iOS 15, der neuesten Version des iPhone-Betriebssystems. Das englischsprachige Manifest, ein langer Blog-Artikel, beginnt zwar mit den Worten „Liebe Verrückten“, ist jedoch klar auch an Apple adressiert. Warum ausgerechnet Apple? „Facebook ist ein milliardenschwerer Brocken, der zu tief in seinem Geschäftsmodell gefangen ist. Google hat sein Geschäftsmodell zu sehr auf Werbung basiert, wohingegen Apple seine Gewinne primär durch Hardware verzeichnet.“ Trotzdem sollen auch Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android in Zukunft humaner werden.

Wie sieht also das ideale Betriebssystem aus, wenn es nach Potential.app ginge? Man stelle sich das wie folgt vor: Der Nutzer installiert Facebook auf sein Smartphone. Direkt wird ihm angezeigt, dass Facebook ein auf Werbung basierendes Geschäftsmodell hat. Ihm wird erklärt, dass man auf Facebook unendlich scrollen kann und Videos automatisch abspielen – alles Mechanismen, die gezielt eingesetzt werden, um den Nutzer an Inhalte zu fesseln und ihn länger auf der App verweilen zu lassen. In der humanen Version könnte man diese Mechanismen abschalten. So müsste man statt unendlich zu scrollen nach 30 Beiträgen bewusst zur nächsten Seite blättern – ähnlich wie bei Google-Suchergebnissen.

Der Nutzer bekommt ein wenig Macht zurück

So bekommt der Nutzer ein Gefühl für sein Nutzungsverhalten und ein Stück weit an Macht zurück. Nach 45 Minuten schließt der Nutzer Facebook – ein Fenster poppt auf und befragt ihn zu „Time Well Spent“, also ob die Zeit auf der App sinnvoll verbracht wurde. Er tippt nein. Die kumulierten und anonymisierten „Time Well Spent“-Bewertungen aller Nutzer werden zu einer Durchschnittsbewertung zusammengefasst und im App Store angezeigt.

Apps, dessen Nutzer angeben, ihre Zeit gut investiert zu haben, werden weiter oben angezeigt. „iOS 15, Humane“ geht sogar noch einen Schritt weiter und empfiehlt, eine „Bereu-Steuer“ einzuführen. Herausgeber von Apps, die eine sehr geringe Bewertung bekommen, müssten so an Apple zahlen.

Dies sind nur einige von den Ideen, an denen Welf von Hören und der Mitbegründer Oliver Klingefjord seit Dezember arbeiten. Ihre Firma, Potential.app, existiert erst seit März und verfolgt die Vision, ihrem Namen getreu, das menschliche Potenzial voll auszuschöpfen. „Für die Menschheit ist es wertvoller, wenn wir alle gut schlafen, erfüllte Leben haben und mithelfen, die größten Probleme der Menschheit zu lösen. Firmen wie Apple sind in einer noch nie dagewesenen Position als Erschaffer digitaler Räume, in denen nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen leben und sich fortbewegen. Deswegen sind diese ethischen Fragen essenziell. Was liegt im besten Interesse für das Individuum und das Kollektiv?“

Am Ende gibt es weniger Depressionen und Angststörungen

Von Hören sieht dabei den Fokus auf Apple, und ihr Geschäftsumfeld und weniger auf Facebook und Co., dessen werbebasiertes Geschäftsmodell schwer zu verändern sei. Simple Antworten auf die Frage, wie diese ethisch-gesellschaftliche Transformation aussehe, so glaubt er, gebe es nicht. Gesellschaftlicher Diskurs und das Miteinbeziehen von Politik sieht er als guten ersten Schritt. Dieser Wandel könne zu mehr Selbstverwirklichung führen, was schlussendlich auch die Zahl der Menschen mit Depressionen und Angststörungen verringern könnte.

Die Anwendung von Potential.app ist zwar noch in der frühen Beta-Version, aber konkrete Einblicke in eine mögliche humane Zukunft unserer Smartphone-Nutzung gibt das Start-up schon jetzt. Aus einem Gespräch über Technologie wurde rasch ein ungewöhnlicher Einblick in die Psyche und das Entwicklungspotenzial des Menschen. Während des gesamten Interviews greift Welf kein einziges Mal nach seinem Smartphone. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt eins dabei hat.

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