Als der Spiegel vor einigen Wochen mit dem Thema der verhinderten Vaterrolle aufmachte, trat dies eine Welle der Empörung unter Feministinnen los. Mütter fühlten sich angeklagt, „Maternal Gatekeeping“, so der Fachbegriff, wurde als antifeministischer Frame ausgemacht und zur billigen Ausrede für teilnahmslose Väter erklärt. „Gluckende Übermütter, die in alten Rollenbildern verhaftet sind? – Kennen wir nicht!“, so der einhellige Konsens.

Die Realität sieht anders aus, denn das, was Frauen und Männer glauben, in der neuen Rolle als Eltern leisten zu müssen, bestimmt nicht zuletzt, wie es im Privaten zugeht. Sexismus und Gender Pay Gap tun ihr Übriges dazu. Strukturelle Bedingungen wie das Ehegattensplitting klatschen dem Familienernährermodell euphorisch Beifall. Diese unhaltbaren Zustände sind wichtige feministische Themen, aber wenn Männer öffentlichkeitswirksam beklagen, dass diese Missstände sich auch negativ auf ihre Rolle als Vater auswirken, wird reflexartig über Cover (Mutter mit Babytrage, darin der Vater ebenfalls mit Babytrage und Baby – albern, klar!) und Text gelästert wie über den unbeholfenen Liebesbrief eines Grundschülers.

Das Patriarchat ist tot, lang lebe das Patriarchat

Tradierte Geschlechtscharaktere verhindern immer noch hoch wirksam eine gerechte Aufteilung von Sorgearbeit in heteronormativen Beziehungen. Das Phänomen der aktiven Unterbindung väterlicher Teilhabe an der Versorgung des Nachwuchses wird in der Wissenschaft unter „Maternal Gatekeeping“ zusammengefasst, dabei stellt das geschlechtsspezifische Rollenbild der Mutter eine wichtige Komponente des Türsteher-Verhaltens dar.

Die Glaubenssätze der Mutter und des Vaters haben wichtigen Einfluss auf die Teilhabe des Vaters. Das vielfach verlautete: „Väter, macht einfach und jammert nicht!“, ist daher am Thema vorbei. Ein traditionelles Lebensmodell, welches sich durch eine klassische Trennung der Bereiche definiert, macht ein hohes Gatekeeping-Verhalten der Mutter wahrscheinlicher. Das Patriarchat ist tot, lang lebe das Patriarchat. Gleichberechtigung und geteilte Sorgearbeit sind noch lange nicht erreicht.

Das wird besonders deutlich, wenn Paare Eltern werden. Frauen finden die totgeglaubte Folklore klassischer Rollenteilung auf einmal quietschlebendig in Stillgruppen vor, beim Rückbildungskurs oder unter Freundinnen. Mütter, die die Kinderbetreuung abgeben und Karriere machen, die selbstbestimmten Sex haben und nicht mindestens die empfohlenen sechs Monate stillen, fühlen sich von dem umhergeisternden Archetypus noch immer als Rabenmütter diffamiert. Denn sie sind überall die Stereotypen der stolzen Löwenmütter, die Mutti-macht-das-schon-Fraktion und die „echten-Mamas“ von den rührenden Sprüchekacheln aus dem Netz.

Es sind Frauen, die theoretisch für Gleichberechtigung eintreten, aber dann doch komisch gucken, wenn SIE die Vorstandschefin ist und nur am Wochenende die Windeln wechselt. Es ist eine verlogene Diskussion, so zu tun, als gäbe es das antifeministische Gebärden nur auf der Seite der Penisträger. Männer sollen die Drinks bezahlen beim ersten Date (und eigentlich immer). Sie müssen größer sein, um als Partner infrage zu kommen und unbedingt den ersten Schritt machen. Das alles sind Ansprüche von Frauen, mit denen stereotype soziale Rollen aufrechterhalten und weitergetragen werden. Und ja, da sind Frauen jedes Mal ein bisschen mit schuld, wenn sie das in die Tinder-Profile schreiben oder über das ungleich große Paar sagen, dass sie aber jetzt keine hohen Schuhe mehr tragen kann. Höhö.

„Das Mutterideal ist unerreichbar und voller Widersprüche.“

Auch Frauen forcieren antifeministische Klischees. Ein Feminismus, der sich von einer ganzheitlichen Betrachtung der Ungleichheit abkehrt und nur die weiblichen Lebensrealitäten akzeptiert, verrät seine eigenen Positionen, denn auch unter Frauen sind die Auswirkungen patriarchischer Prägungen zu benennen und anzuerkennen. Mütter fühlen sich zerrissen, weil der Anspruch an ein modernes, selbstbestimmtes Leben von alten Klischees gegeißelt wird. Diesen Zustand des andauernden Defizits beschreibt die Autorin Mareice Kaiser in ihrem Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ treffend mit dem Satz: „Ich will nicht überall nur halb sein, sondern ganz ... Das Mutterideal ist unerreichbar und voller Widersprüche“, so die Autorin.

Und doch ist der Aufschrei groß, wenn von Vätern beklagt wird, dass ebendieses prägende Ideal einer guten Mutter auch am Wickeltisch seinen Raum fordert und einer gerechten Aufteilung von Care-Arbeit im Wege steht. Frauen haben die klassischen Rollenbilder von Mutter und Vater ebenfalls so internalisiert, dass sie sie bis heute reproduzieren. Wie kann es also sein, dass wir die irrwitzigen Ansprüche an Mütter aus dem strukturell etablierten Patriarchat einerseits anprangern, aber gleichzeitig negieren, dass sie auch auf die Väter Auswirkungen haben. Was für ein Feminismus proklamiert die Ungerechtigkeit bloß für sich allein?

Löwenmutter, die Natürlichkeit der Mutter-Kind-Bindung oder das Bild von der Heiligkeit der Mutter sind Narrative, die im protestantischen Europa geboren sind und bis heute hartnäckig nachwirken. Als heimelige Antagonisten stehen sie einer vollständigen Emanzipation entgegen. Glaubt die Mutter also den Mythos, dass das Wohl des Kindes einzig und allein von ihrer Fürsorge abhängt, fügt sie sich, wenn auch oft unbewusst, eher in das alte Versorger-Modell.

Die  Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist offenbar Priorität für Mütter

Das zeigt sich deutlich bei der Erwerbsstatistik: Eine Vollblut-Mama kann keine Vollzeit-Arbeitnehmerin sein. Im Jahr 2019 waren unter den erwerbstätigen Eltern mit Kindern unter sechs Jahren 72,6Prozent der Mütter in Teilzeit beschäftigt, aber nur 6,9 Prozent der Väter. Die viel beschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist offenbar Priorität für Mütter. Auch die Pandemie brachte diesen Zustand hervor.

Die Professorin für Soziologie, Heike Ohlbrecht, zeigte im Rahmen einer Studie zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das subjektive Wohlbefinden und die Alltagsbewältigung, dass die Krise wie ein Brennglas für Ungleichheiten wirkte. Mütter waren eher bereit zurückzustecken und mit der mehrheitlichen Übernahmen von Kinderbetreuung und Homeschooling stärker belastet, weil die kulturelle Verankerung klassischer Aufgabenteilung noch immer präsent ist. Die Kinder sind gemäß der Mär „Das Kind gehört zur Mutter“ größtenteils ihre Aufgabe geblieben.

Die Zahlen der Alleinerziehenden-Statistik bestätigt das. Alleinerziehen betrifft mehrheitlich Frauen. Im Jahr 2019 waren 1,3 Millionen Mütter und nur 185.000 Väter alleinerziehend. Die 88 Prozent alleinerziehende Mütter können nicht alle durchweg mit einem Luftikus ein Kind bekommen haben. Es muss auch an den Müttern liegen, dass das ewig gleiche Rollenverständnis der Mutterschaft wie ein Bollwerk gegen die Gleichberechtigung steht.

Das stellte auch schon Barbara Vinken in ihrem 2001 erschienenen Buch „Die deutsche Mutter“ fest, als sie die Ergebnisse einer Befragung aus dem Jahr 1987 zur Idealfamilie zitiert. Damals optierten in Deutschland 34 Prozent der Frauen für die tradierte Rollenverteilung vor dem egalitären Modell, aber nur 29 Prozent der Männer. „Die Frauen sind in diesem Prozess offensichtlich nicht einfach Opfer, sondern entschiedenere Täter als die Männer“, kommentierte sie. Die Soziologin Ohlschläger sieht neben althergebrachten Glaubenssätzen auch strukturelle Probleme als Ursache für die scheinbare Retraditionalisierung: Die Unterschiede in der Einkommenssituation von Männern und Frauen führen oft dazu, dass Frauen und Mütter im Job kürzer treten und vermehrt Sorgearbeit übernehmen. Geteilte Sorgearbeit für halbe Mütter?

Ich fühlte mich um mein natürliches Mutter-Recht beraubt

Beim Maternal Gatekeeping, so zeigen Studien, geht es letztlich auch um Bindungsverhalten der Mütter und die Einstellung zur Partnerschaft, die eine aktive Ausgrenzung väterlichen Engagements bedingen. Sie ist häufig keine bewusste Strategie. Kurz gesagt, mütterliches Gatekeeping ist eine Sammlung von Überzeugungen und Verhaltensweisen, die letztendlich eine Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen in der Familienarbeit hemmen. „Etwa dreißig Prozent der Frauen praktizieren es regelmäßig und etwa zwanzig Prozent zumindest ab und zu“, gibt die Professorin für Erziehungswissenschaften, Margrit Stamm, auf ihrer Internetseite zum Thema an. Es handelt sich also um ein Syndrom mit unterschiedlich starken Ausprägungen.

Wie sehr auch mein eigenes Mutterbild von althergebrachten Rollenklischees gezeichnet war, erkannte ich, als es nach der Trennung vom Vater meiner Tochter galt, die Erziehungs- und Sorgearbeit fair aufzuteilen. Wir stritten regelrecht um die Sorgearbeit, also darum, wer sie zum größeren Teil übernehmen darf. Er sah in meinem 40-Stunden Job und dem Wunsch nach Karriere eine egoistische Rückstellung des Kindeswohls und sprach mir damit meine Fähigkeiten als Mutter ab. Ich sah meinen Mutter-Status in jedem Arztbesuch, jedem Kuchenbasar und jedem Elternabend, den ich nicht dienstleisten konnte, infrage gestellt.

Seine vermeintlich unrechtmäßige Aneignung von Care-Arbeit drohte, mir das Wasser abzugraben. Ich fühlte mich um mein natürliches Mutter-Recht beraubt, ja, regelrecht vom Thron gestoßen. Bin ich als Teilzeit-Mutter noch eine richtige Mutter, wenn nach dem Einsturz der Kleinfamilienidylle zu allem Übel auch noch die Zeit mit dem Kind und die Sorgearbeit halbiert werden? Diese Angst machte mich zur Gatekeeperin. Dass Loslassen war schwer, heut bin ich froh darüber. Wenn Frauen weniger dem Druck ausgesetzt wären, als Mutter eine selbstaufopfernde Glucke zu sein, hätten sie nicht das Gefühl, dass Verantwortung zu teilen negativ auf sie zurückfällt. Dann gäbe es auch Kitas mit flexibleren Öffnungszeiten, mehr Frauen in Führungspositionen und schlussendlich mehr Männer, die sich gleichberechtigt kümmern.

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