Es gab Fondue, und die Kinder waren da. Genauso, wie es sich Karl-Heinz Granitza gewünscht hatte. Uwe Seeler war 80 Jahre alt geworden, er selber wurde 70. Keine große Feier, alles nur im Kreis der Familie in Potsdam-Babelsberg. „Wir hatten es sehr schön“, sagt Granitza, der als Profi bei Hertha BSC ein Tor nach dem anderen schoss. Einen Kaffee. Immer mit Milch. Und die aktuelle Ausgabe des „Kicker“. Offen liegt das Fachmagazin vor ihm auf dem runden Bistro-Tisch. „Die hatten letztens noch eine große Geschichte über mich im Blatt“, erzählt er und lacht.

Karl-Heinz Granitza im Lindencafé Babelsberg. Ein gewohntes Bild. „Hier mache ich auch manchmal meine Business-Meetings“, sagt Deutschlands erfolgreichster Fußballer in Amerika immer noch im US-Sing-Sang. In den letzten Jahren hat er Bundesligisten abgeklappert und versucht, seine Regenerations-Eistonne – richtig bekannt geworden durch Per Mertesacker bei der WM in Brasilien durch sein Wut-Interview – für einen Freund aus Breslau zu vermarkten. Auch bei Hertha hat er es probiert: Nur die wollten die nicht von ihm. Bei Ingolstadt und den Bayern war er erfolgreich.

Granitza bestritt 72 Bundesligaspiele für Hertha, schoss 34 Tore

Er hat vieles versucht, hat sich nicht unterkriegen lassen in den letzten Jahren, hat immer gekämpft. Babelsberg ist für den 70-jährigen Profi-Fußballer so etwas wie sein Alters-Unruhe-Sitz. „Ich lebe in Potsdam gerne, vor allem in Babelsberg – wir haben hier alles und die Lebensqualität ist sehr, sehr gut“, sagt Granitza, der immer noch als Scout in England unterwegs ist und den einen oder anderen Profi vermittelt. „Ein Spaziergang mit meiner Frau Roswitha im Babelsberger Park jetzt im Herbst und Winter – einfach toll.“ Babelsberg macht Spaß.

Wo Fußballlegenden noch leben, davon will er nun erzählen: Im kleinen Örtchen Oneonta im Bundesstaat New York, da schlage das Herz des Fußballs, des amerikanischen allerdings. Die Hall of Fame, Ruhmeshalle jener Helden, die nicht in Bern ihre Wunder vollbrachten, sondern in Los Angeles, Miami oder Chicago, sind hier in einer runden Halle verewigt. In sieben Reihen strahlen ihre beleuchteten Bilder: Pelé, Torres, Alberto Carlos, die großen Brasilianer. Und natürlich Franz Beckenbauer, der Star von Cosmos New York.

Und Karl-Heinz Granitza aus Chicago, geboren in Lünen in Westfalen.

Zweitliga-Torschützenkönig war er, als ihn Hertha BSC 1977 aus Völklingen holte. Granitza bestritt 72 Bundesligaspiele für die Berliner, schoss 34 Tore. Nach drei Treffern im Pokal-Halbfinale gegen die Bayern nominierte ihn Helmut Schöns Assistent Jupp Derwall für ein Spiel gegen Rumänien in der B-Nationalelf. Granitzas Karriere in Deutschland ist schnell erzählt. Dabei beginnt sie gerade erst.

Granitza war und ist: Fußballer mit großem Herz, Kumpel aus dem Ruhrgebiet

Die finanziellen Schwierigkeiten, in denen Hertha BSC Ende der 70er-Jahre steckte, trieben den Stürmer in die USA. Für 440.000 D-Mark ging er zu den Chicago Sting. Während Beckenbauer in New York lediglich Fußball spielte, lebte Granitza in und mit Chicago. Seine Ehefrau Roswitha brachte dort die Kinder Kim und Nikolas zur Welt. Nadine, die Älteste, zog bereits aus Deutschland mit in die USA. Granitza sagt: „Der Franz hat in New York zwei Jahre lang guten Abend gesagt, ich dagegen habe in Amerika Fußball-Geschichte geschrieben.“

1982 wurde Granitza in Chicago zum Sportler des Jahres gewählt. Vor Box-Legende Muhammad Ali, vor Basketball-Superstar Michael Jordan. „Und vor Walter Payton“, betont Granitza. Payton war Footballer der Chicago Bears und aktueller Spieler des Jahres der National Football League (NFL): „Er war der größte Runningback aller Zeiten,“ sagt Granitza.

Wir waren die deutschen Superstars.

Karl-Heinz Granitza

Dass Granitza dennoch vor ihm landete, verdankte der Deutsche seinem großen sozialen Engagement. „Ich trat für die Aids-Organisation ein, da war Aids noch gar nicht spruchreif. Ich unterstützte das Haus der Blinden und eine Herz-Stiftung.“ Und er sammelte Geld für das Kinder-Krankenhaus. Gemeinsam mit anderen Sport-Stars brachte er es einmal im Jahr dort vorbei. Granitza war und ist: Fußballer mit großem Herz, Kumpel aus dem Ruhrgebiet.

Seine Tore machten Granitza zum erfolgreichsten deutschen Fußballer in Amerika. „Vor dem von mir so verehrten Gerd Müller, vor Beckenbauer, vor all den anderen, die damals noch so kamen“, erzählt er. „Wir waren die deutschen Superstars.“ Ein Superstar, der umgerechnet 130.000 D-Mark im Jahr verdiente - und wieder ausgab. Wäre er früher zurückgekehrt, die Bundesliga hätte ihn wohl noch reich gemacht.

In seiner Sportsbar wohnte die Herzlichkeit

Doch Granitza blieb zwölf Jahre. „Erst die erste große Liebe unserer Tochter und das Heimweh meiner Frau trieben uns zurück.“ Das war 1991. Das Geld, das er mitbrachte, reichte gerade, um in Berlin-Charlottenburg eine der ersten Sportsbars zu eröffnen, die die besten Chicken-Wings in der ganzen Stadt anbot. Er nannte sie „State Street“, nach dem Prachtboulevard Chicagos. Granitza begrüßte seine Gäste dort immer mit Kuss und einem kleinen Kaffeelikör-Mix.

In seiner Sportsbar wohnte die Herzlichkeit, darüber der Albtraum. Hausbewohner trieben Granitza mit Anzeigen wegen Lärmbelästigung zur Aufgabe. Als er 1996 das State Street schließen musste, blieben ihm die gerade errungene A-Lizenz als Trainer und ein Haufen Schulden.

Er bewohnte mit seiner Familie eine Doppelhaushälfte in Stahnsdorf. Als alle Kinder aus dem Haus waren, ging es vor Jahren nach Babelsberg. Ganz ohne Glanz und Glamour.

Seine Fußballschuhe schnürt er immer noch, jetzt bei der RSV Eintracht Stahnsdorf, in der Ü60-Trainingseinheit, jeden Mittwoch. „Unsere Truppe hält zusammen, und wir haben ganz große Talente in der Mannschaft“, sagt Granitza, der immer noch brennt, wenn der Ball rollt: „Einer spielt sogar noch mit 80.“

Und was ist mit Babelsberg 03, dem Regionalligisten? „Es gab mal Gespräche, dabei schlief aber der Präsident ein, die wollten mein Know-how und meine Kontakte nicht“, sagt Granitza. Aber vielleicht seine Regenerations-Eistonne? Er will nochmal mit dem Manager reden.

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