Wenn man das erste Mal seinen Job verliert, hat man das Gefühl, als würde man einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen. Wenn man wieder zu sich kommt, befindet man sich in einer neuen Realität, in der man selbst und das soziale Umfeld sich schnell umstellen müssen. Gesellschaftlich, finanziell und zwischenmenschlich sind umgehend Veränderungen zu spüren.

In einer Gesellschaft, in der ein ausgeprägter Arbeitsfetisch vorherrscht, ist jede Alternative verpönt. Selbst wenn es mehrheitlich nicht offen ausgesprochen wird, dominiert eine Arbeitsethik und -moral, die jeden Job über ein Leben ohne Job stellt.

Dabei ist egal, ob man in diesem Job tagtäglich Excel-Tabellen erstellt, Kaffee kocht oder in sinnfreien Meetings sitzt, ob man also Arbeit verrichtet, die produktiv ist, oder nicht. Solange man morgens aufsteht und einer Beschäftigung nachgeht, ist man klar im Vorteil und verdient neben einem Einkommen auch gesellschaftliche Anerkennung. Als Arbeitsloser weht einem gesellschaftliche Ächtung ins Gesicht.

Arbeitslosigkeit: Bitte keine Ratschläge zur Tagesgestaltung!

Vor allem fehlt es einem in der Arbeitslosigkeit natürlich ganz simpel an Geld. Zwar sind in Deutschland die sozialen Sicherungssysteme stark. Aber sie sichern nur das Überleben. Das heißt, dass man sofort überlegen muss, ob man ausnahmsweise einmal essen gehen oder noch ein Hobby ausüben kann.

Ich habe in der Zeit meiner eigenen Arbeitslosigkeit mit Erschrecken feststellen müssen, wie mir materielle Dinge immer wichtiger wurden. Geld bekommt eine andere Bedeutung und selbst kleinste Dinge werden damit in Verbindung gebracht. Ein sorbisches Sprichwort sagt es treffend: Ein leerer Geldbeutel ist eine schwere Last.

Man spürt die Arbeitslosigkeit auch auf zwischenmenschlicher Ebene, was am schmerzlichsten ist. Besonders kraftraubend waren für mich die stets pseudo-aufmunternden Kommentare. Jeder versicherte mir, dass ich doch eigentlich gut sei, die Situation endlich, dass ich besseres verdient hätte. Ratschläge zur Tagesgestaltung empfand ich schlicht und ergreifend als demütigend, denn sie führten mir ständig meine Lage vor Augen. Man muss einem Menschen mit Haarausfall nicht jeden Tag erinnern, dass er sich einen Spiegel kaufen soll, um diesen Fakt zu begutachten.

Vier Monate vor meinem 27. Geburtstag war ich zum ersten Mal arbeitslos, nein, „arbeitssuchend“ geworden. Die Monate fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Jeder Tag verlief ähnlich unspektakulär. Neben dem Schreiben von Bewerbungen und dem Absolvieren von zu Teilen sinnfreien Bewerbungsgesprächen waren meine Hauptbeschäftigungen: grübeln und zweifeln.

Die Angst vor der nächsten Absage im Mail-Eingang

Nie habe ich mit so viel Anspannung mein Mail-Postfach geöffnet als in dieser Zeit. Ständig wartete ich auf Antworten zu den vielen Bewerbungsschreiben und -gesprächen. Nach der zwanzigsten Absage nimmt man es nicht mehr persönlich. Dennoch würde ich lügen, wenn ich behaupten würden, dass es nicht nachhaltig am Ego kratzt.

So wie es mir über einige Monate ging, geht es vielen Menschen alle ein oder zwei Jahre, wenn sie zwischen Zeitverträgen oder von Job zu Job wechseln. Das Gefühl der Sicherheit bricht weg, die soziale Frage wird real und bedrohlich. Existenzängste kommen hoch.

Der heutige Arbeitsmarkt ist deutlich flexibler als früher. Alle zwei Jahre eine neue Tätigkeit zu haben, kann als Freiheit empfunden werden. Neue Herausforderungen und Menschen kennenzulernen, kann motivierender sein, als auf der gleichen Stelle 40 Jahre zu verharren. Aber es ist ein Unterschied, ob man selbst Lust auf Neues hat oder systemisch befristete Verträge vorgesetzt bekommt und immer wieder die Arbeitslosigkeit riskiert.

Die Gespräche mit dem Job-Center werde ich nie vergessen. Nachdem ich vor meiner Arbeitslosigkeit zwei Jahre lang als Büroleiter im Parlament gearbeitet hatte, hatte man beschlossen, mich zu einer Fortbildung als Bürokraft zu schicken.

Die Digitalisierung wird ganze Branchen überflüssig machen

Ich wurde politisch in einer Zeit sozialisiert, in der Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsmarktreformen die öffentliche Diskussion bestimmten. In den Jahren der Hartz-IV-Reformen. Inzwischen sind diese Themen in den Hintergrund geraten, werden politisch viel seltener diskutiert. Dabei ist die soziale Unsicherheit vieler Menschen in Deutschland seit den damaligen Reformen nur größer geworden.

Arbeitslosigkeit ist keine Sache, für die man sich schämen sollte. Wir sollten uns damit auseinandersetzen, weil es jedem von uns passieren kann. Die Digitalisierung wird ganze Branchen überflüssig machen, Fragen der Arbeitslosigkeit werden die Gesellschaft herausfordern. Es sollte einen offenen Umgang damit geben, keine Stigmatisierung.

Der Autor Michael Groys arbeitet als Politikberater in Berlin.

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