Berlin - Wie alle Studierenden, die vor dem Jahr 2020 anfingen, durfte ich meine Ersti-Tage in Präsenz erleben. Ich konnte Kommilitonen und Kommilitoninnen und die Uni kennenlernen. Campustouren, Kneipenabend, das erste Mal gemeinsam „mensen“. Das war, wenn wir es nun mit den „Erstis“ vor einem, vor zwei, vor drei Semestern vergleichen, etwas Besonderes.

Unsere Erfahrung eines wahrhaften Studiums bringt eine Verantwortung mit sich. Die Verantwortung, den kommenden Studierenden und den Erstis aus der Lockdown-Zeit zu vermitteln, was ein wahres Studium bedeutet. Und vor allem: Dieses wieder zu ermöglichen und die Universität in Präsenz zu einem besseren Ort zu machen, der ihres Namens „Universitas magistrorum et scholarium“ gerecht wird.

Der Ort ist in dem Fall auch der Ausgangspunkt: Das Gegenteil von Präsenz ist nämlich nicht, wie oft angenommen wird, „digital“, sondern die Distanz. Die Online-Lehre verschiebt die Räumlichkeit der Lehre in das Private. Das Private, das zumeist ein viel zu überteuertes kleines WG-Zimmer ist. Die Online-Leere ist nicht die schöne neue Welt der Digitalität. Video-Konferenzen im Studium erschüttern die Topologie der Universität. Sie wird ihrer selbst in dieser Distanzierung und Entzerrung nicht gerecht.

Stattdessen glich die Uni in den letzten Semestern einer Art Fernausbildungsinstitution, deren Sinnhaftigkeit in der Produktionsmaschinerie des Abschluss-Erwerbs bestand. Nichts davon entspricht der Idee einer wahrhaften Universität. Sowohl individuell, das heißt für jede Person in der Universität, als auch strukturell, das heißt im Sinne der gesellschaftlichen Rolle der Universität, bedeutet die Distanz das Ende der universitären Idee.

Die ersten Semester eines Studiums sind die prägendsten. Es ist die Zeit, um mit offen Augen durch die Hallen der ehrwürdigen Gebäude zu wandeln und dabei nicht allein zu sein. Gewiss, das kann einschüchternd sein und die Fülle an Angeboten, also an Vortragseinladungen, Plenums-Einladungen, Flyern, Plakate, Newsletter-Listen und Fachschafts-Räumen, kann erschlagend wirken. Gleichzeitig ist eben genau jenes die Chance, das Studium zu ergreifen. Die anfängliche Nervosität, in einem Seminar oder in einer Vorlesung eine kritische Nachfrage zu stellen, kann dann verloren gehen, wenn man beispielsweise mit seinen Kommilitonen und Kommilitoninnen in der Mensa essen geht und selbige Diskussion aus dem Seminar fortsetzt und dann beim nächsten mal auch mit der Professorin ansprechen kann.

Die Gemeinschaft geht verloren

Auch die Teilnahme an einem Plenum, sei es von hochschulpolitischen Gruppierungen oder Initiativen oder der Fachschaft des Instituts – alles Gruppen die schwermütig die Online-Zeit überlebt haben – hilft, sich in dem universitären Räumen und Debatten zurechtzufinden und auch in der Vorlesung laut vor allen Anwesenden Fragen zu stellen. Die Spontanität und Möglichkeit, alle in der Uni ausgewiesenen Veranstaltungen zu nutzten, prägt und begleitet den Beginn eines jeden Studiums. Es gilt schließlich, dass ein gewisser Habitus des akademischen Umgangs erlernt werden muss. Das heißt natürlich nicht, diesen zwangsweise zu übernehmen und in jedem Falle beispielsweise zu „gendern“.

Es heißt allerdings, dass es wichtig ist, die Umgangsweise zu kennen, zu erkennen und damit auf eine Weise umzugehen, den Raum für sich und seine Anliegen, seine kritischen Fragen und Diskussionsfreudigkeit zu nutzen. Den akademisch universitären Habitus erlernen alle Studienanfänger:innen nur vor Ort und es ist eine schöngeredete Lebenslüge, zynisch zu behaupten, bestimmte Barrieren würden durch Online-Lehre abgebaut werden. Im Gegenteil: der Barriere-Abbau, sei es durch psychologische Beratung, barrierefreien Zugang zu Räumlichkeiten, Eltern-Kind-Zimmer in der Bibliothek, erfolgt in der Uni.

Online werden diese Barrieren gar vergessen und die gemeinsame Ausgangslage des universitären Beisammenseins entschwindet durch die Distanz, sodass manche sich gar aus dem Urlaub, aus dem Elternhaus, der Penthouse-Wohnung oder dem dunklen Souterrain-WG-Zimmer zuschalten. Die namensursprüngliche Universitas – die Gesamtheit oder Gemeinschaft – ist das, was verloren geht.

Klar, wir Studierenden sind privilegiert und nicht der Querschnitt einer Gesellschaft. Dennoch ist der Anspruch der Universitas, die Gesamtheit auch zu erreichen, indem jeder Mensch studieren darf. Dem Humboldtschen Bildungsideal entsprechend geht es dabei eben nicht darum, ausgebildet zu werden. Es geht darum, sich universal, studiengangsübergreifend, weiterzubilden und sich selbst zu entfalten. Die Quintessenz der Universitas besteht in dem Band, das Studium, Lehre und Forschung eingehen in reziproker Ergänzung.

Denn nur eine Lehrperson, die aus den Debatten mit den Studierenden selbst Forschungsschlüsse zieht und nur Studierende die nicht bloß ausgebildet werden, sondern sich als Teil eines komplexen Systems der Erkenntnisgewinnung verstehen, können der gesellschaftlichen Rolle der Universität gerecht werden. In der „unbedingten Universität“ nach Jacques Derrida sieht die Universität sich selbst als souverän: sie ist der Ort, an dem nichts außer Frage steht. Sie ist Ort der gesellschaftlichen Opposition, potenzielle Schmiede einer politischen Revolte oder einfach auch Ort des konstruktiven Debattierens. Die gesellschaftlichen Konflikte und Debatten können dort professionell weitergeführt werden und die Erkenntnisse, über Menschen und Natur, deskriptive sowie normative müssen der Öffentlichkeit auch vermittelt werden.

Eine Öffentlichkeit entfällt, wenn die Zugänge in die Debattenräume versteckte Links zu Online-Veranstaltungen bleiben. Wir müssen die Chance, jetzt wieder in die Präsenz einzusteigen, nutzen und dürfen die Fehler der letzten drei Semester nicht wiederholen. Eine Universität kann nicht in Distanz stattfinden: Die Gemeinschaft wäre distanziert, die Unbedingtheit verloren, die universale Möglichkeit der Weiterbildung verschwunden und das Humboldtsche Bildungsideal wäre jedes Mal mit Füßen getreten, wenn die Lehrperson den Zoom-„Raum“ nach neunzigminütiger eingeplanter Debatte über die festgeschriebenen zu lesenden Texte verlässt und damit den Studierenden wieder eine Woche unerreichbar bleibt. Liebe Erstsemester, liebe Kommilitonen und Kommilitoninnen, liebe Dozierenden, nutzt die Präsenz und verteidigt sie!

Der Autor studiert Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin.

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