Die Inflation beherrscht die aktuellen Schlagzeilen in Europa. Mit ihr rücken auch die Geldpolitik und die Zentralbanker notwendig ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Um zu verstehen, wo wir heute stehen, vor allem in der Eurozone, lohnt es sich, den bisher eingeschlagenen Weg, die zugrunde liegenden Annahmen und deren Folgen zu betrachten.

Vor zehn Jahren hielten zwei Zentralbanker jeweils auf ihre Weise bahnbrechende Reden. Der damalige EZB-Präsident Mario Draghi, der erste Italiener in diesem Amt, sprach am 26. Juli 2012 auf der Global Investment Conference in London, das bekanntlich außerhalb der Eurozone liegt. In englischer Sprache wandte er sich an sein Publikum, die internationalen Finanzmärkte. Etwas später hielt Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, am 18. September die Begrüßungsrede beim 18. Kolloquium des Instituts für bankhistorische Forschung in Frankfurt – und im historischen Herzen Deutschlands sprach er natürlich auf Deutsch.

Der Titel seiner Rede lautete: „Papiergeld – Staatsfinanzierung – Inflation. Traf Goethe ein Kernproblem der Geldpolitik?“ Hintergrund für beide Reden war ein gravierender Vertrauensverlust in den Euro. Die im Januar 2002 mit Pauken und Trompeten eingeführte neue Währung sollte, so wurde behauptet, eine Ära beispiellosen Wachstums, von Vollbeschäftigung und Stabilität einläuten. Ein Jahrzehnt später ist dieses Versprechen immer noch nicht eingelöst.

Mario Draghi und Jens Weidmann: zwei historische Reden

Zu erleben war eher das Gegenteil. Eine Serie von Staatsinsolvenzen, Arbeitslosigkeit in nie gesehenem Ausmaß und ein deutlicher Rückgang des realen Lebensstandards in weiten Teilen Westeuropas erschütterten den Euro und seine Glaubwürdigkeit bis ins Mark. Es stellte sich heraus, dass die einzelnen Länder und ihre Wirtschaftssysteme nicht ohne Weiteres in ein einheitliches Währungssystem gepresst werden konnten. Der Druck wuchs beständig. Es musste etwas passieren.

Doch was, das blieb offen. Denn die beiden Reden wiesen in geradezu entgegengesetzte Richtungen. Nur eine von ihnen konnte die Grundlage für die offizielle Geldpolitik der Eurozone werden. Die andere musste ihren Platz auf dem Friedhof der Alternativen einnehmen. Nicht nur im Inhalt, auch nach Stil und Vortragsweise unterschieden sich die Vorträge Weidmanns und Draghis grundsätzlich. Der eine hielt eine Rede aus dem Stegreif, der andere sprach mit Bedacht. Beide sprachen auf ihre eigene Weise zu ihrer Gemeinde.

Der einzige Weg aus der gegenwärtigen Krise ist mehr Europa, nicht weniger Europa

Mario Draghi im Juli 2012

Draghis Beitrag war, was angesichts der Umstände vielleicht verständlich ist, von der Not getrieben und in Trotz verpackt. Der Zweck, das Überleben des Euro, rechtfertigte jeden auch nur erdenklichen Schritt. Das Blickfeld des Zentralbankers verengte sich auf dieses einzige Ziel. Alles andere musste sich in dieses eine Gebot einfügen oder beiseitegeschoben werden. Angriff schien ihm die beste Verteidigung zu sein.

Das befreite ihn von den Zwängen, in denen öffentliche Bedienstete für gewöhnlich wirken. Er musste die Finanzmärkte davon überzeugen, dass er der größere Fisch im Teich der Währungsspekulation war, der zumindest nicht selbst geschluckt wurde. Sparsam mit Details, aber großzügig mit Slogans, begab er sich wagemutig auf das Minenfeld der Politik. „Der einzige Weg aus der gegenwärtigen Krise ist mehr Europa, nicht weniger Europa“, verkündete er. Die Krise solle genutzt werden, um ein geeintes Europa durchzusetzen, das auf vier Grundsteinen ruhen sollte: Fiskalunion, Finanzunion, Wirtschaftsunion und politische Union.

Der Euro: eine Hummel, die zur Biene werden sollte

Alle Vereinbarungen, Verträge und mühsam erarbeiteten Kompromisse der Vergangenheit wurden unversehens über den Haufen geworfen. Das Regelwerk der EZB wurde in Echtzeit aus dem Fenster gestürzt. Befugnisse, so sagte Draghi, würden (nicht etwa: sollten) den Nationalstaaten entzogen und auf supranationale Institutionen übertragen werden – etwa auf diejenige Institution, der er damals vorstand.

Aber Draghi ging noch einen Schritt weiter. Seiner Meinung nach wurde „das politische Kapital, das in den Euro investiert wurde“, noch immer unterschätzt. Ja, der Euro war und ist ein politisches Projekt, kein wirtschaftliches. Allerdings war der Euro, wie Draghi mit einiger Fantasie vorschlug, „eine Hummel“, die sich erst noch „zu einer richtigen Biene“ entwickeln müsse. Während der Präsident der EZB sprach, verschwand für einen kurzen Augenblick das reale, stotternde Europa, und an seiner Stelle erschien ein traumartiger Avatar.

In dieser Vision war die Eurozone dynamischer als die Vereinigten Staaten, verfügte über eine stärkere Kohäsion als Japan und war finanziell stärker als beide zusammen. Durch den Abbau demokratischer Zwänge und eine stärkere Lenkung mittels einer entschiedenen Zentrale sollten alle Probleme gelöst werden. Es hieß also doppelt oder gar nichts für die EZB, Einknicken ausgeschlossen, nicht unter Draghis Augen: „Der Euro ist unumkehrbar.“

Draghi sprach, wie es Tageshändler an den Börsen tun, auch mit einer ähnlichen Aufmerksamkeitsspanne. Er mischte Wagemut mit Leichtsinn, äußerte selbstbewusste Auffassungen, ohne jedoch Details zu verraten. Sein Wille und seine Entschlossenheit waren mit Händen zu greifen, dagegen fehlten Vorsicht und Zurückhaltung. Seine Zuhörer, das wusste er, waren ohnehin nicht an derlei interessiert. Sie verlangten nach Führung und nach einem großen Anführer, der für sie entschied. Diese Herausforderung nahm Draghi an.

Die Komplexität Europas mit seinen verschiedenen Nationen und miteinander im Streit liegenden Völkern war, zumindest für einen Moment, vergessen. „Die EZB ist bereit, alles zu tun, was nötig ist, um den Euroraum zu erhalten“, sagte er mit unerschütterlicher, unverzagter und ungetrübter Überzeugung und fügte, gleichsam in die Rolle Marlon Brandos als Don Corleone schlüpfend, hinzu: „Und glauben Sie mir, es wird reichen.“ Die Märkte reagierten hocherfreut angesichts einer Welle aus frisch gedruckten Euros, die bald das Währungssystem fluten sollten.

Nicht mehr Mario Draghi, sondern Super Mario

Ein Jahrzehnt später, im Mai 2022, belief sich das „quantitative Lockerungsprogramm“ der EZB, das 2015 einen eiligen Start hingelegt hatte, bereits auf insgesamt 3419 Milliarden Euro – das entspricht atemberaubenden 70 Prozent vom Wert der wichtigsten aggregierten Aktienindizes in der Eurozone. Für ein Publikum, das an behäbige Technokraten gewöhnt ist, wirkten eher der Ton und die Absicht als der eigentliche Inhalt der Rede elektrisierend. Haften blieb vor allem die Dreistigkeit, die anschließende Aufregung erinnerte an einen lateinamerikanischen Putsch in den 1980er-Jahren. So sprach ein echter Anführer. Nicht mehr Mario Draghi, sondern Super Mario.

Jens Weidmann schlug einen vollkommen anderen Pfad ein: Wo sein Gegenpart sich als eine Art neuer Le Corbusier darum bemühte, ein komplexes „Ökosystem“ zu rationalisieren und die EZB in eine stromlinienförmige Zukunft zu führen, da glich Weidmann durch die intellektuelle Tiefe und Sorgfalt seiner Rede eher dem mittelalterlichen Philosophen und Heiligen Thomas von Aquin.

Goethe hat bereits vor rund 180 Jahren das Kernproblem der auf Papiergeld fußenden Geldpolitik analysiert

Jens Weidmann im Oktober 2012

Seine Themen waren – keineswegs zufällig – Papiergeld und Inflation. Sein Aufhänger war der 1749 in Frankfurt geborene Johann Wolfgang von Goethe. Im Kern ging es um den „Faust“, ein Stück, das von vielen als das Meisterwerk des Dichters und als größtes literarisches Werk in deutscher Sprache angesehen wird, dessen „zweiter Teil“ 1832 posthum veröffentlicht wurde. Weidmann redete nicht lange um sein Thema herum.

Nach kurzer Begrüßung sagte er: „Goethe hat bereits vor rund 180 Jahren das Kernproblem der heutigen, auf Papiergeld fußenden Geldpolitik analysiert und in unnachahmlicher Weise literarisch festgehalten“ – und damit zugleich Milton Friedmans Ansicht vorweggenommen, dass Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist. Weidmann nahm seine Zuhörer mit auf eine gedankenreiche Reise durch die Geschichte des Geldes, die Jahrtausende zurückreicht – von Muscheln als Währung bis zum Zusammenbruch des Bretton-Woods-Abkommens im Jahr 1971, als „die Goldbindung des US-Dollar aufgehoben wurde“ und damit ein globales Fiat-Währungssystem entstand.

Faust und Mephistopheles betreten die Bühne

Vertrauen sei von zentraler Bedeutung für die „Geldeigenschaft“, ergänzte Weidmann, das habe bereits Aristoteles im vierten Jahrhundert vor unserer Zeit in seiner Politik und Nikomachischen Ethik herausgearbeitet. Weidmann stimmte Draghi in Bezug auf die immense Macht der Zentralbanken zu, die Geld „im Prinzip aus dem Nichts“ erschaffen könnten. „Im Prinzip“ – das war ein zwar diskreter, aber doch gewichtiger Vorbehalt.

Indem er Goethes „Faust“ ins Spiel brachte, verknüpfte Weidmann die Geschichte des Geldes und der Inflation mit der Geschichte der Menschheit. Faust und Mephistopheles betreten die Bühne. Wir begegnen den beiden Figuren am Hofe des Kaisers. Der Herrscher, der Festlichkeiten liebt, befindet sich in einer finanziellen Bedrängnis. Sein Volk ist von hohen Steuern belastet, die Armee unterbezahlt. Die Dinge laufen nicht gut für den dandyhaften Herrscher.

Der als Possenreißer verkleidete Teufel wendet sich an den Kaiser und überredet ihn – da er ja nun einmal kein Gold hat – Papiergeld herauszugeben. Auf den Geldscheinen steht ein Spruch, dessen erste Verse lauten: „Zu wissen sei es jedem der’s begehrt: Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.“ Bald kann der Kaiser seine Schulden abzahlen. Der Druck weicht von den Bauern, auch der Sold der Armee fließt wieder. Euphorie bricht aus. Unter allgemeinem Beifall erklärt Mephistopheles: „Man braucht nicht erst zu markten noch zu tauschen, kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.“ Die Hofexperten sind beeindruckt. Über das soeben geschaffene Papiergeld sagt der Kanzler: „So hört und schaut das schicksalsschwere Blatt, das alles Weh in Wohl verwandelt hat.“

Es gibt einen kurzen Aufschwung, aber nach einer Zeit „artet das Treiben in Inflation aus und das Geldsystem wird infolge der rapiden Geldentwertung zerstört“. Die Gesellschaft bricht zusammen, das Reich verfällt in Anarchie. Ein Gegenkaiser taucht auf und will den amtierenden Kaiser stürzen. Der Bürgerkrieg wird nur dank der schwarzen Magie des Mephistopheles überwunden.

Der Sirenengesang der Gelddruckmaschinen

Im Gegensatz zu Draghi, der sich eines modernen, bürokratischen Jargons bediente, in dem der Mensch kaum vorkommt, sprach Weidmann in geradezu religiösen Begriffen von der geheimnisvollen, beklemmenden Macht, die den Zentralbankern durch ihre neuen Befugnisse erwächst. Der Mensch steht hier im Mittelpunkt des Geschehens. Und die menschliche Versuchung ist es, die den Albtraum nährt.

Nur wenige politische Entscheidungsträger, so lehrt uns die Geschichte, sind fähig, ihrem ruinösen Charme zu widerstehen. Reformen werden aufgeschoben, man scheut die Disziplin, die durch die Abstimmung von Einnahmen und Ausgaben entsteht, glaubt keine Kompromisse eingehen zu müssen. So wird alles zustimmungsfähig, auch landesweite Lockdowns. Regierungen sind seit jeher den Sirenengesängen der Gelddruckmaschinen – oder deren Äquivalent – erlegen. Ihr ständig wachsender Finanzbedarf führt unweigerlich zu einer starken Ausweitung der Geldmenge.

Aus deutscher Perspektive müssen Zentralbanker unabhängig bleiben, um die Stabilität einer Gesellschaft sicherzustellen. Die politische Steuerung der Geldpolitik ist destruktiv, um nicht zu sagen tödlich. In seiner Rede kündigte Draghi jedoch ausdrücklich an, dass er seine Aufgabe durch dieses Prisma und auf diese Weise interpretieren würde. Die Geldwertstabilität werde nicht seine Priorität sein.

Eine Währung, für immer im Übergang gefangen

Goethes „Faust“ ist eine zur Vorsicht mahnende Geschichte. Insofern nimmt auch Weidmanns Rede den Charakter einer griechischen Tragödie im Stile einer Kassandra an. Seine Botschaft wurde zwar gehört, aber ignoriert, weil es opportun schien und andernfalls ernsthaftes Nachdenken nötig geworden wäre. Die Europäer wurden auf dem Altar eines Projekts namens „Einheitswährung“ geopfert. Am Ende werden sich die Zwänge der Realität, trotz aller menschlichen Planung, immer wieder durchsetzen.

Die Kosten, die mit Draghis „Whatever it takes“-Versprechen verbunden sind, sind mit den Jahren immer größer geworden. Die Europäer in der Eurozone sind heute wesentlich ärmer als vor zwei Jahrzehnten. Zu allem Überfluss ist die Region in einer Währung gefangen, die – entgegen Draghis Wunsch – weder eine Hummel noch eine Biene ist und für immer im Übergang gefangen bleiben wird.


Alex Story ist Leiter der Geschäftsentwicklung bei einem City-Broker in Großbritannien, wo er eng mit Hedgefonds und anderen Finanzinstituten zusammenarbeitet, und Politiker der Conservative Party. Außerdem vertrat er sein Land bei den Olympischen Spielen im Rudern und gewann zweimal das Bootsrennen für Cambridge. Sein Team hält immer noch den Streckenrekord. 

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