Autor, Anarchist, Alkoholiker: Vor 100 Jahren starb „Schwejk“-Erfinder Jaroslav Hasek

Dem Schriftsteller Jaroslav Hasek ist die Figur des „braven Soldaten Schwejk“ zu verdanken. Bei seinem Tod am 3. Januar 1923 war er nicht mal 40 Jahre alt. 

Der Schauspieler Fritz Muliar in der Rolle des „braven Soldaten Schwejk“
Der Schauspieler Fritz Muliar in der Rolle des „braven Soldaten Schwejk“dpa/Istvan Bajzat

„In Prag war ein Schriftsteller, aus der Schulgasse in der Neustadt. Hašek hieß er, was sich so schön reimt auf Šašek. Und ein Clown is er wirklich gewesen, hat mit allen und jedem seine Späße getrieben. War immer besoffen. Hat eine Partei gegründet, Tiere erfunden und ist Kommissar in der Roten Armee in Russland gewesen. Mich hat er auch gemacht, und sich darüber am Ende zu Tode gesoffen. 35 Pivo soll er am Tag getrunken ham.“

So oder so ähnlich hätte der brave Soldat Schwejk über seinen „Vater“, den tschechischen Autoren Jaroslav Hašek sprechen können. So, wie Schwejk über Gott und die Welt parlierte: Naiv staunend über das, was so alles an Mensch in seiner kleinbürgerlichen böhmischen Welt herumlief, eingangs immer einen Ort und einen Namen nennend, um seinen unzähligen abstrusen Anekdoten dokumentarische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Vor 100 Jahren, am 3. Januar 1923, ist Jaroslav Hašek gestorben. Er wurde nicht einmal 40 Jahre alt, aber seine Schöpfung Josef Schwejk ist noch immer quicklebendig.

Fritz Muliar als Josef Schwejk in „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, Regie: Wolfgang Liebeneiner 
Fritz Muliar als Josef Schwejk in „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, Regie: Wolfgang Liebeneiner imago/United Archives

Hašek wurde am 30. April 1883 in Prag geboren, hinein in die Endzeit der k.u.k.-Monarchie, in die „Volkstumskämpfe“ innerhalb des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn. In Prag kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Deutschen und Tschechen, und der jugendliche Jaroslav war mittendrin. Er wurde beim Herabreißen und Verbrennen amtlicher Bekanntmachungen und beim Steinewerfen erwischt und musste das Gymnasium verlassen. Daraufhin begann er eine Lehre als Drogist, aber auch hier kam es zu einem vorzeitigen Ende. Über die Gründe für seinen Rauswurf heißt es, Hašek habe einen Protestzug streikender Bäcker unterstützt, indem er einen roten Unterrock der Hausmagd als Zeichen der Solidarität aus dem Fenster hängte. Später besuchte Hašek die gerade eröffnete Tschechoslowakische Handelsakademie in Prag und arbeitete eine Weile in einer Bank. Aber das alles war nicht seine Bestimmung. Die lag im Schreiben.

Er begann unter Dutzenden von Pseudonymen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften zu publizieren: Humoresken, Reiseberichte, Feuilletons. Etwa 1200 Beiträge sind überliefert. Berühmt wurde die Episode seiner Festanstellung als Redakteur bei der Zeitschrift „Die Welt der Tiere“. In diesem Blatt für Hundeliebhaber und Kleintierzüchter brachte er auch Texte über von ihm frei erfundene Tiere oder bizarre Eigenschaften real existierender Tiere unter. Er schrieb über Elefanten, dass sie Grammophon-Musik liebten, während dies auf Tiger nicht zutreffe. Einmal gab er praktische Tipps für die „einträgliche häusliche Aufzucht von Werwölfen“. Er erschloss damit dem Magazin durchaus neue Leser, aber andere wandten sich ab, weil sie ein seriöses Tiermagazin lesen wollten. Professoren, Zoologen, Förster und andere Autoritäten unter den Lesern beschwerten sich, und es kam, wie es kommen musste: Hašek wurde gefeuert.

Dem Aufbau einer bürgerlichen Existenz – Hašek heiratete und wurde Vater eines Sohnes – war dies ebenso wenig zuträglich wie die anderen Betätigungen, denen er  nachging: als Kabarettist, Mitglied der anarchistischen Bewegung Böhmens und als Begründer einer eigenen politischen Formation, der „Partei des gemäßigten Fortschritts in den Schranken der Gesetze“. Trotz eines engagierten Wahlkampfes, bei dem Bier und Schnaps in Strömen flossen, gelang ihm nicht der Einzug ins Parlament. Dafür gelang ihm wiederholt der Einzug in den Polizeiarrest: Der Hintergrund war nicht immer politisch, sondern oft schlicht alkoholbedingter Radau: Man muss ihn sich als Vollchaoten vorstellen.

Im Juni 1911 kam Hašek die Idee zur Figur Josef Schwejk. Eines Abends war er mal wieder angetrunken nach Hause gekommen, schaffte es aber noch, sich eine kleine Notiz zu machen: „Ein Trottel bei der Kompanie. Er ließ sich selbst überprüfen, ob er die Befähigung zu einem richtigen Soldaten habe.“ Noch im selben Jahr erschienen in einer Zeitschrift die ersten Episoden, bereits 1912 in Buchform „Der brave Soldat Schwejk und andere sonderbare Geschichten“. Doch für „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, wie sie noch heute übersetzt, gedruckt und weltweit gelesen werden, bedurfte es der Erfahrung des Ersten Weltkriegs.

Hašek wurde im Januar 1915 eingezogen. Schon im September des gleichen Jahres geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, wobei die Umstände darauf hindeuten, dass man den Vorgang auch als Überlaufen zum Gegner interpretieren konnte. Hašek war jedenfalls alles andere als ein begeisterter Kämpfer für Kaiser und Vaterland, träumte wie viele Tschechen seiner Zeit von einem unabhängigen tschechoslowakischen Staat und fühlte sich den Russen durch pan-slawische Gefühle verbunden. Er schloss sich der Legion tschechischer und slowakischer Freiwilliger an, die gegen Österreich-Ungarn kämpften. Später wurde er in Kiew Redakteur von Frontzeitungen der Roten Armee, am Ende brachte er es gar zum stellvertretenden Chef der politischen Leitung der 5. sibirischen Armee. Ende 1920 kehrte er nach Prag zurück. Dort machte er sich an die Niederschrift der „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, seines humoristischen Antikriegsromans, der zunächst als Fortsetzungsroman in gelben Heften erschien, weil sich kein Verlag gefunden hatte.

Fritz Muliar als Josef Schwejk (li.) und Heinz Maracek in „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, Regie: Wolfgang Liebeneiner 
Fritz Muliar als Josef Schwejk (li.) und Heinz Maracek in „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, Regie: Wolfgang Liebeneiner imago/United Archives

Die Hauptfigur Josef Schwejk lebt „strahlend in seiner Einfalt“ als Verkäufer von Hunden mit gefälschten Stammbäumen in Prag. Dass er einmal „wegen Blödheit“ für dienstuntauglich erklärt wurde, stört ihn nicht im Geringsten: „Ich bin ein behördlicher Idiot“, erklärt er durchaus zufrieden. Allerdings bewahrt ihn dies nicht davor, nach Kriegsbeginn 1914 doch zum Militär eingezogen zu werden. Dort treibt er dann mit seinem übereifrigen Gehorsam alle in den Wahnsinn, seine Vorgesetzten voran. Er sei „aus Gummi, Gelatine und Watte“, befand Kurt Tucholsky – eine interessante Konsistenz in Zeiten, die nach Helden so zäh wie Leder und hart wie Stahl verlangte. Schwejk gerät in die gewaltige Kriegsmaschinerie, aber die kriegt ihn nicht klein. Schwejk verkörpert die Hoffnung des sogenannten kleinen Mannes, es denen da oben mal so richtig zu zeigen. Es ist ein Anti-Autoritäten-Buch. Schwejk redet sich zwar um Kopf und Kragen, aber letztlich gelingt es ihm immer, sich aus gefährlichen Situationen herauszuschwadronieren. Das ist mitunter urkomisch zu lesen. Manchmal möchte man aber auch die Hände verzweifelt vors Gesicht schlagen und wie „Oberlajtnant“ Lukasch, dem Schwejk als Ordonanz zugeteilt ist, rufen: „Ich befehle Ihnen, Sie solln mir nichts erzählen, ich will nichts hören!“

Mit Schwejk konnte Hašek seine Verachtung für „das alte blöde Österreich“ voll ausleben. Alle bekommen ihr Fett weg: Militär, Adel, die katholische Kirche, der Kaiser. Wir lesen die beißende Karikatur eines morschen, verlogenen, korrupten und unfähigen Staatsgebildes, das dem Untergang entgegenschwankt. Man muss den Schwejk auch heute noch lesen, wenn man sich für das alte Österreich interessiert. Er atmet den Geist dieser Epoche.

Illustration des „braven Soldaten Schwejk“ von Josef Lada. 
Illustration des „braven Soldaten Schwejk“ von Josef Lada. imago/United Archives

Als Jaroslav Hašek, vom Alkohol gezeichnet, stirbt, ist sein Hauptwerk unvollendet. Wie im Rausch arbeitete der Autor bis zuletzt daran. Sobald wieder 32 Seiten fertig waren, wurden sie als Heft auf den Markt gebracht und in Prager Kneipen und Geschäften verkauft. Das offizielle Verlagswesen und die Buchhandlungen waren sich zu fein gewesen für die oft derbe Sprache und viele der Anekdoten, in denen Schnaps, Wein und Bier eine ebenso große Rolle spielten wie im Leben ihres Verfassers.

Hašek hatte sein Leben lang in prekären Verhältnissen gelebt. Vom auch finanziellen Erfolg seines Romans profitierte er nur noch in den letzten Monaten seines Lebens. Das große Geschäft damit begann erst nach seinem Tode. Eine wichtige Rolle dabei spielte die Übersetzung ins Deutsche (1926). Es folgten englische, russische, chinesische und sogar hebräische Ausgaben. Schwejk kam auf die Bühne, wurde mehrfach verfilmt. Bertolt Brecht adaptierte ihn und versetzte ihn in eine andere Zeit: „Schweyk im zweiten Weltkrieg“.

Und so näherte sich die Realität der humoristischen, hemmungslos großspurigen Ankündigung an, mit der Schwejks Abenteuer 1921 in Prager Geschäften beworben worden war. Auf den schwarz-gelb (den Farben Österreich-Ungarns) gehaltenen Plakaten war zu lesen: „Das erste in alle Weltsprachen übersetzte tschechische Buch. Das beste humoristisch-satirische Werk der Weltliteratur. Ein Sieg des tschechischen Buches im Ausland!“

Dr. Ralf Gebel ist Historiker und lebt in Berlin


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