Berlin - Ich war entsetzt und sprachlos, als ich nach einer einwöchigen Reise am 10. Oktober in die Ernst-Ludwig-Heim-Straße einbog, wo ich seit 1973 wohne. Die Straße war plötzlich baumlos und kahl. Alle 17 Bäume, darunter Schwarzpappel, Winterlinde, Bergahorn, Spitzahorn, Eschenblättriger Ahorn, Vogelbeerbaum, Schwarzkiefer, Fichte, Tanne und zahlreiche Büsche – Holunder, Weißdorn und Schlehe –, die die Ernst-Ludwig-Heim-Straße säumten und teilweise ein Alter von über 40 Jahren hatten, waren gefällt worden.

Einige Bäume waren haushoch. Die Schwarzpappel allein hatte einen Stammumfang von 2,90 Meter und stand damit eigentlich unter besonderem Schutz. Diese Bäume und Büsche waren Brutstätten für Ringeltaube, Amsel und Elster sowie Ruheplätze, Lebensräume und Nahrungsquelle für Blaumeise, Kohlmeise, Nachtigall, Singdrossel, Star, Hausrotschwanz, Eichelhäher, Nebelkrähe, Buntspecht, Grünspecht, Rotes Eichhörnchen. Nicht zu erwähnen die unzähligen, vielen kleinen wirbellosen Tiere wie Gliedertiere und Schnecken.

Eine Oase für Mensch und Tier

Der Zusammenhang war schnell klar: Es wurde nebenan gebaut, eine neue Grundschule entsteht. Das ist begrüßenswert. Ich kann aber absolut nicht verstehen, dass hier von verantwortlicher Stelle Entscheidungen getroffen wurden, die im krassen Widerspruch zu einem gewissenhaften Handeln im Umgang mit der Natur stehen.

Die Ernst-Ludwig-Heim-Straße liegt in Buch, kurz vor der Stadtgrenze im Norden von Pankow. Der Grünstreifen war eine kleine Oase für Mensch, Pflanze und Tier. Er wird geopfert von Personen, die hier bestimmt nicht wohnen und sich auch keine Mühe geben, über andere, vielleicht unbequemere Lösungen nachzudenken.

Sollte hier billige Baufreiheit geschaffen werden? Abholzen und das Problem ist erledigt! Fehlten zwei Meter für den Schulbau? Dann muss man die Bauplanung ändern und die Natur in die Lösung mit einbeziehen. Natur zum Selbstkostenpreis gibt es allerdings nicht mehr.

Privat
Die Ernst-Ludwig-Heim-Straße, bevor die Bäume gefällt wurden.

Das besonders Unverständliche an dieser Fällaktion war, dass die Büsche und Bäume noch nicht einmal Bestandteil des Baugeländes waren, sondern nebenan auf der Ernst-Ludwig-Heim-Straße wuchsen. Für die Anwohner fällt nun auch ein Sichtschutz sowie ein gewisser Lärmschutz weg, nicht weit entfernt liegen die viel befahrene Karower Chaussee und die Autobahn.

Manche meiner Nachbarn sprachen von „Baummord“, andere weinten nur. Nach längerer Recherche gelang es mir, zwei mit diesem Fall beschäftigte Personen zu erreichen. Einmal Herrn Feske vom Bezirksamt Pankow, verantwortlich für Baumschutz in Buch, und Herrn Ewald von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Projektmanagement Freianlagen.

Herr Feske verneinte eine Zuständigkeit für die Fällaktion, da er nicht für Straßenbäume zuständig sei, sondern nur für die Bäume, die auf dem Schulgelände selbst stehen.

Herr Ewald wiederum meinte, dass die Bäume der Ernst-Ludwig-Heim-Straße keine Straßenbäume seien, da das Schulgelände erst an der Bordsteinkante der Straße ende und nicht am Zaun, der dort jahrzehntelang das Schulgelände zur Straße hin abgrenzte. Die Bäume wären somit nach seiner Darstellung Bestandteil des Schulhofs, also wären es gar keine „Straßenbäume“ und würden auch nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fallen. Herr Ewald sagte allerdings auch, dass er die Fällungsaktion befürwortet und genehmigt habe. Wo die Bäume standen, soll ein drei bis vier Meter breiter Gehweg angelegt werden.

Ein Denken, das nicht in unsere Zeit passt

Während unseres längeren Gesprächs merkte ich bald, dass wir zwei völlig verschiedene Sprachen sprechen. Ich versuchte für die Bedeutung und den Erhalt der jahrzehntealten Baumpassage zu argumentieren; er bestand relativ stur darauf, an dieser Stelle dem Bau eines Gehweges zustimmen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass man bei einer flexibleren Herangehensweise eine umweltfreundliche Lösung hätte finden können. Warum man die Baumreihe nicht in die Planung mit einbezogen hat, ist immer noch unklar. Man hätte das gesamte Projekt auch ein Stück weiter nach Süden verschieben können, genügend Platz wäre vorhanden gewesen.

Dem Namen Umwelt und Klimaschutz wird man so in dieser Verwaltung jedenfalls keineswegs gerecht. Er ist eher ein Hohn. Dieses Denken finde ich vergleichbar damit, heute noch auf einer Speisekarte Entenstopfleber anzubieten. Es passt nicht mehr in unsere Zeit und gehört sanktioniert.

Das Tragische an dem Vorgang in der Ernst-Ludwig-Heim-Straße ist leider: Man kann das Geschehene nicht mehr rückgängig machen, wir Anwohner stehen vor einem Scherbenhaufen. Die Verantwortlichen sollten aber nicht so weitermachen dürfen wie bisher.

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