Das Jahr 2020 war in Europa das wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Gleichzeitig endete auch das wärmste jemals registrierte Jahrzehnt. Das teilte der europäische Copernicus-Klimawandeldienst in London mit. Die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen geht davon aus, dass der Klimawandel auch die sommerliche Aufheizung der Innenstadt weiter verstärken wird.

Das belegt die voraussichtliche Entwicklung sogenannter „klimatologischer Kenntage“ wie Hitzetage oder Tage, die mit Tropennächten verbunden sind, wie es im Umweltatlas Berlin beschrieben ist. Dadurch erhöhen sich die Risiken für die menschliche Gesundheit. Ein System unbebaut bleibender Flächen kann Abhilfe schaffen.

Denn dicht bebaute Innenstädte speichern an heißen Sommertagen Wärme und geben sie nachts nur langsam ab. Das „Städtische Wärmeinsel“ genannte Phänomen ist schon lange bekannt. In extremen Fällen können sommerliche Nachttemperaturen im Umland bis zu zehn Grad niedriger liegen als an Alexanderplatz und Kudamm.

Hitze führt gerade für Ältere zum Dauerstress 

Sehr hohe Tagestemperaturen und eine geringe Abkühlung in der Nacht – auf diesen Mix können viele Menschen bestens verzichten. Nach der Hitze des Tages ist auch nachts keine ausreichende Erholung möglich. Gerade für Ältere kann das zu Dauerstress führen. Die Folgen können Kopfschmerzen, Erschöpfung und Benommenheit sein. In besonders heißen Sommern ist sogar die Sterblichkeit erhöht.

Der Klimawandel wird diese Probleme weiter verstärken. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen geht davon aus, dass sich in der Innenstadt die Anzahl der Hitzetage (Tage mit einem Maximum von mindestens 30 °C) bis 2070 fast verdoppeln wird (Umweltatlas Berlin, Karte 04.12). Die Anzahl der Tropennächte (Nächte mit einem Minimum von mindestens 20 °C) soll sich ähnlich entwickeln.

Das Stadtklima von Metropolen ist gut erforscht. Daher sind Möglichkeiten bekannt, wie in heißen Sommernächten für Abkühlung gesorgt werden kann. Zwischen den aufgeheizten und den kühleren Flächen ist ein Temperaturausgleich möglich, wie der von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen herausgegebene Umweltatlas zeigt. Auf Freiflächen entstehende Kaltluft kann zu den aufgeheizten Flächen „fließen“ und diese abkühlen. Die Kaltluft kann vor allem über lang gestreckte unbebaute Flächen oder Gewässer in die Innenstadt gelangen. Solche Luftleitbahnen sind zum Beispiel die Havel- und die Spreeniederung, das Wuhletal und der Landwehrkanal. Auch die S- und Fernbahntrassen und einige Grünzüge können quasi als „Kaltluftautobahn“ zwischen Umland und City wirken.

Was bebaut ist, fällt als Kühlfläche für immer aus

Aber auch weniger lang gestreckte unbebaute Flächen können entlasten, indem sie die dichter bebaute direkte Umgebung abkühlen. Allerdings muss die kühle Luft auch in die Innenstadt hineingelassen werden: Abriegelnde Bebauung kann eine nicht überwindbare Barriere sein. Daher schlägt der Umweltatlas vor, dieses Kühlsystem auch künftig von Bebauung freizuhalten.

Soll das Kühlsystem dem Klimawandel gerecht werden, darf es aber nicht als Ansammlung einzelner Flächen angesehen werden. Es muss als riesiger Ventilator betrachtet werden, der aus vielen Flächen besteht, die zusammenhängend und unbebaut bleiben müssen. Dieser Anspruch muss sich aber zwischen anderen Flächenansprüchen wie Wohnen und Gewerbe behaupten können.

Da die Sommer in den nächsten Jahrzehnten immer heißer werden und einmal bebaute Flächen für die Kühlung der Innenstadt dauerhaft entfallen, ist es nötig, vorausschauend zu denken. Der politisch-planerische Bremsweg ist lang: Eine einmal eingeschlagene Entwicklung kann nicht mal eben so korrigiert werden. Nur bei langfristiger Planung kann es gelingen, hitzebedingte Risiken für die menschliche Gesundheit nicht übermäßig steigen zu lassen. Um dieses Ziel umzusetzen, ist vor allem eines erforderlich: politischer Wille. Der führt nicht zwingend zum Erfolg, aber ohne ihn wird es nicht gehen. Blickt man mit diesen Ansprüchen in die Programme der Parteien zur Wahl zum Abgeordnetenhaus, führt das unweigerlich zu Ernüchterung. Allenfalls im Programm der Linkspartei ist ein einigermaßen klar formuliertes Ziel zu finden, Flächen systematisch für die Klimaentlastung zu entwickeln. Unterm Strich aber ist dieser Anspruch in den Programmen entweder gar nicht oder nur mit unscharfen Formulierungen enthalten.

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