Jüdischer Widerstand im Zweiten Weltkrieg: Marianne Cohns kurzes, mutiges Leben

Selbst gerade volljährig, begleitete Cohn Konvois mit jüdischen Kindern aus Frankreich an die Schweizer Grenze. Am 17. September wäre sie 100 Jahre alt geworden.

Die junge Marianne Cohn
Die junge Marianne CohnYad Vashem

Schätzungsweise 200 Kindern soll Marianne Cohn das Leben gerettet haben. Die jüdische Widerstandskämpferin wäre an diesem Samstag 100 Jahre alt geworden – doch ihr Leben endete schon kurz vor ihrem 22. Geburtstag.

Es begann in Mannheim, dorthin waren ihre Eltern kurz nach der Hochzeit gezogen. Grete Radt und Alfred Cohn kamen aus jüdischen Familien, zu ihren Freunden gehörte der Schriftsteller Walter Benjamin. Ihre Wohnung in Mannheim bezogen sie gerade noch rechtzeitig, bevor am 17. September 1922, gesund und kräftig, ihre Tochter Marianne zur Welt kam. Gut anderthalb Jahre später, am 19. April 1924, wurde Mariannes Schwester Lisa geboren. Alfred und Grete Cohns Briefe aus dieser Zeit zeugen von der Aufmerksamkeit, die sie ihren Kindern widmen, und der Freude, die sie mit ihnen haben. Später zieht die Familie wieder nach Berlin, doch die glückliche Zeit währt nicht lange.

Unter dem Eindruck der Verschleppung seines Kompagnons ins KZ Oranienburg bemühte sich Alfred Cohn 1933 unverzüglich, aber erfolglos um Verdienstmöglichkeiten im Ausland, und im April 1934 emigrierte die Familie nach Barcelona. In den folgenden Jahren wechselte die Familie mehrmals den Wohnort, bis im Sommer 1939 Jeanne Reichenbach, die Freundin und spätere Ehefrau Léon Blums, die Kinder in ihrem großen Haus (der heutigen Maison Léon Blum) in Jouy-en-Josas aufnahm.

Die schöne Zeit, die die Kinder in Jouy-en-Josas verlebten, endete unmittelbar nach Kriegsbeginn. Mithilfe der Jüdischen Pfadfinder Frankreichs (Éclaireurs Israélites de France, EIF), die sich insbesondere der zahlreichen ausländischen jüdischen Kinder annahmen, wurden Marianne und Lisa Cohn am 11. September 1939 zunächst ins Heim der EIF im – eiskalten – Château de Bouillac im Arrondissement Villefranche-la-Rouerge (Aveyron) und von dort im Februar 1940 nach Moissac evakuiert.

In diesem an der Straße nach Bordeaux gelegenen Städtchen begann Marianne Cohns Weg in den Widerstand. Das von den jüdischen Pfadfindern dort eröffnete größere Kinderheim gewann sehr bald doppelte Bedeutung: als Heimstatt für Hunderte von bedrohten jüdischen Kindern und als einer der lokalen organisatorischen Knotenpunkte der jüdischen Résistance.

1940–1942: Der Weg in den Widerstand

Anfang Juni 1940, wenige Tage vor der Besetzung von Paris, verlegte der Generalsekretär der jüdischen Pfadfinder, Simon Lévitte, das Generalsekretariat der EIF nach Moissac. Im Spätherbst 1940 begannen Simon Lévitte und seine Frau Denise dort mit dem Aufbau eines geheimen jüdischen Dokumentationszentrums, und bald wurden in Moissac auch falsche Papiere hergestellt. Denn seit dem Judenstatut vom Oktober 1940 verschärften sich die Maßnahmen der Verfolgung in atemberaubendem Tempo.

Ein Gruppenfoto von Kindern, die von Marianne Cohn gerettet wurden.
Ein Gruppenfoto von Kindern, die von Marianne Cohn gerettet wurden.Yad Vashem

Das Netz der Razzien und Verhaftungen zog sich immer enger zu, und im März 1942 begannen die Deportationen aus Frankreich „nach dem Osten“, denen bis zum Kriegende mehr als 75.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder zum Opfer fallen sollten. Damit wurde für die jüdische Résistance die Rettung – insbesondere der Kinder – zur vorherrschenden Aufgabe.

Ganz in diesem Geist konstituierte sich, auf Initiative Simon Lévittes, im Mai 1942 in Montpellier der Mouvement de la Jeunesse Sioniste (MJS), zunächst als geheime Kaderorganisation. Ein Vierteljahr später schuf sich der MJS eine legale Fassade im Rahmen des – von der Regierung in Vichy installierten – Judenrats, der UGIF (Union Générale des Juifs de France): den Service Social des Jeunes (SSJ).

Zugleich entstand hinter der Fassade des SSJ dasjenige der klandestinen operativen Netzwerke zur Rettung der Kinder, in dem Marianne Cohn später Funktionen übernahm: die Sixième. Solche riskanten, aber zu einem großen Teil gut funktionierenden Verstrebungen legaler und illegaler Strukturen ermöglichten es der jüdischen Résistance, internationale Hilfsgelder für die eigene Arbeit zu nutzen.

Im August 1942 war, wie viele andere, auch das Heim in Moissac von einer Razzia betroffen. Zwar erfuhr die Heimleitung rechtzeitig davon und konnte die gesamte Bewohnerschaft für einige Tage nach Bourganeuf im Department Creuse evakuieren. Aber von diesem Zeitpunkt an standen auch in Moissac die Zeichen auf Auflösung der Heime. Die Kinder mussten verteilt werden, auf nichtjüdische Heime und Familien, die bereit waren, sie aufzunehmen.

Bereits in Moissac hatte Marianne am Aufbau des Dokumentationszentrums mitgearbeitet, und als Simon Lévitte es im Herbst 1942 nach Grenoble verlegte, folgte sie ihm dorthin. Dort wurde sie Mitglied in der Grenobler Gruppe des MJS. Sie erhielt den Decknamen Marianne Colin und entsprechende Papiere, und sie arbeitete dort zunächst sowohl im Archiv als auch in der Fälscherwerkstatt. Bald betreute sie außerdem auf zahlreichen Reisen durch Südfrankreich die in nichtjüdischen Heimen und bei Familien untergebrachten beziehungsweise versteckten Kinder.

Bei einer ihrer Reisen wurde Marianne Cohn im Sommer 1943 zusammen mit einem Kameraden in Nizza verhaftet und dort eine Zeit lang in Haft gehalten; das war ihre erste Begegnung mit der Folter. Das Gedicht „Je trahirai demain, pas aujourd’hui“ (Ich verrate morgen, nicht heute), das trotz immer noch unsicherer Urheberschaft heute so fest mit ihrem Namen verbunden ist, soll dort entstanden sein.

Unterdessen hatten ihre Kameradinnen und Kameraden damit begonnen, Kinder über die Schweizer Grenze in Sicherheit zu bringen. Am 8. September 1943 verließen die Italiener, die die Judenpolitik der Deutschen eher halbherzig mitgetragen hatten, die bis dahin von ihnen besetzte Haute-Savoie, und die Deutschen besetzten das Gebiet.

1943–1944: Verfolgung und Verhaftung

Verschärfte Kontrollen veränderten die Bedingungen der Arbeit für die Rettung der Kinder. Am 22. Oktober 1943 wurde ein Konvoi mit Kindern auf dem Weg zur Schweizer Grenze abgefangen. Seine Begleiterin, Mila Racine, wurde verhaftet, sofort nach Drancy verbracht und bald darauf deportiert. Sie kam in Mauthausen bei einem Luftangriff ums Leben.

Die Passagen in die Schweiz waren nun ganz neu zu organisieren. Erst im Januar 1944 wurden wieder Konvois zusammengestellt. Zu diesem Zeitpunkt trat Marianne Cohn als Begleiterin solcher Konvois an die Stelle Mila Racines. Als sie am 31. Mai 1944 die 28 Kinder ihres letzten Konvois übernahm, hatte Marianne schon viele dieser in dichter Folge an die Schweizer Grenze gebrachten Transporte begleitet. Die Zahl der Kinder, denen sie das Leben gerettet hat, wird auf 200 geschätzt.

Der Transport vom 31. Mai war in Limoges zusammengestellt worden, und die Gruppe hatte 500 Kilometer Zugfahrt hinter sich, als Marianne Cohn sie am Nachmittag des 31. Mai in Annecy übernahm und zu dem wartenden Lastwagen führte. Während einer Fahrtpause auf dem Weg zur Schweizer Grenze, als die Kinder sich draußen die Beine vertraten, hielten Wagen des deutschen Zollgrenzschutzes neben dem Lastwagen an.

Marianne Cohn stellte den beiden „Offizieren mit Mütze“ ihre Gruppe als eine Gruppe ausgebombter Kinder aus Lyon vor, die sich auf dem Weg zu einer Ferienkolonie befinde; und tatsächlich ließen sich die Grenzschützer darauf ein, sich diese Kolonie zeigen zu lassen. Die Leiterin des Kinderheimes für Eisenbahner, das sie daraufhin ansteuerten, war geistesgegenwärtig genug, Marianne Cohns Angaben zu bestätigen. Die Deutschen fuhren ab, und die Gefahr schien vorüber. Nachts um ein Uhr aber erschien die deutsche Polizei und sie befahl – und begleitete dann – den Abtransport ins Gefängnis „Pax“ in Annemasse.

Eine Gruppe von Kindern, die mit Hilfe von Marianne Cohn in die Schweiz geschmuggelt wurden.
Eine Gruppe von Kindern, die mit Hilfe von Marianne Cohn in die Schweiz geschmuggelt wurden.Yad Vashem

In Annemasse – unmittelbar an der Schweizer Grenze gelegen, wenige Kilometer von Genf entfernt – waren die deutschen Besatzer mit Teilen des 19. Polizeibataillons und einer Grenzpolizeileitstelle präsent, die mit drei Mann besetzt war: dem Chef (Friedrich) Meyer, (Josef) Pilz und dem hünenhaften (Hopke) Mansholt (man kann hoffen, dass wenigstens die Namen dieser drei Männer, die für ihre Verbrechen nie belangt wurden, inzwischen korrekt ermittelt sind).

Ihr Hauptquartier hatten sie in einem größeren Hotel aufgeschlagen, dem Hotel Pax, und ihr Gefängnis in einem Nebengebäude des Hotels eingerichtet, einem zweigeschossigen Lagerhaus, dessen große Räume sie mit Holzwänden in Zellen unterteilt hatten.

Der mutig und klug mit den Deutschen verhandelnde Bürgermeister von Annemasse, Jean Deffaugt, erwirkte, dass die inhaftierten Kinder unter elf Jahren in ein nahe gelegenes Kinderheim und Ferienlager kamen. Im Gefängnis verblieben elf Jugendliche. Sie waren im zweiten Geschoss untergebracht, wo sich auch die Verhörräume befanden. Von akustischer Isolation konnte keine Rede sein.

Sie hörten das Gebrüll der Deutschen, die Schläge, die Angst- und Schmerzensschreie der Gefangenen. „Die Deutschen (…) ließen uns singen, was die Stimmung im Gefängnis aufhellte, während sie mit den Résistance-Kämpfern brüllten“, erinnert sich Léon Herzberg, einer der Jugendlichen. „Sie ließen uns lachen, um uns dann zu rufen, damit wir die Zellen vom Blut säuberten ...“

Die Deutschen setzten die Jugendlichen zu Reinigungsarbeiten, zu Küchendiensten im Hotel und allen möglichen Hilfsdiensten ein, und sie behandelten sie mal freundlich-jovial, mal brüllten sie und schlugen zu.

1. Juli 1944: Der letzte Brief an ihren Vater

Marianne Cohn wurde immer wieder verhört, oft kehrte sie davon verletzt zurück. Sie bekannte sich zu ihrer Tat, jüdische Kinder in die Schweiz zu bringen, und übernahm dafür die alleinige Verantwortung, um den Fragen nach den Hintermännern auszuweichen. Ihre jüdische Identität gab sie so wenig preis wie ihre deutsche, beides hätte ihren sicheren Tod bedeutet.

In mehreren Kassibern an den Widerstandskämpfer Emmanuel Racine lehnt Marianne das – sehr realistische – Angebot ab, sie aus dem Gefängnis zu befreien. Sie erkundigt sich eingehend nach ihren Kameradinnen und Kameraden, nach ihren Eltern und ihrer Schwester. Sie lobt ihre jungen Mitgefangenen für ihre Tapferkeit und ihren Humor. Sie bestellt Dinge des täglichen Bedarfs, die im Gefängnis nicht zu bekommen sind. Sie bedankt sich für die Zigaretten, die sie mit einigen der Mitgefangenen teilen wird. Sie berichtet, dass sie in ihrer freien Zeit Latein lernt.

Am 27. Juni bittet sie Racine um „alles, was Du an Lehrbüchern finden kannst, insbesondere: eine Römische Geschichte, eine Griechische Grammatik, Englische Grammatik, Geschichte des Mittelalters. Und im Übrigen alle Romane, die Du finden kannst“ – welchen Lehrplan hatte sie da im Kopf? Und für wen? Zu seinem 52. Geburtstag am 1. Juli schreibt sie den letzten Brief an ihren Vater.

Es ist bis heute ungeklärt, wer die Männer waren, die Marianne Cohn in der Nacht zum 8. Juli 1944 aus ihrer Zelle holten – Männer der Grenzpolizeileitstelle von Annemasse oder Gestapo aus Lyon?

Sie brachten Marianne Cohn und fünf weitere Widerstandskämpfer und -kämpferinnen in Richtung Ville-la-Grand aus der Stadt in die Nähe eines Waldstücks namens „Le Bois de La Râpe“. Was sich dort genau abspielte, wird vielleicht nie mehr rekonstruiert werden können. Dass sie alle dort lediglich „erschossen“ worden seien, ist von allen Vermutungen, die sich um dieses Massaker ranken, die harmloseste.

Michael Kreutzer ist Soziologe, Autor und Leiter soziokultureller Projekte. Er lebt in Berlin und in Glinno (Polen). Veröffentlichungen u. a. zum jüdischen Widerstand, insbesondere zu den Widerstandsgruppen um Herbert Baum. Michael Kreutzer arbeitet derzeit an einer größeren Studie zu Marianne Cohn und ihrer Familie.

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