Sexuelle Belästigung im Internet: Wie sich eine junge Frau gegen Dickpics wehrt

Fast jede zweite Frau zwischen 18 und 36 Jahren war schon Opfer von sexueller Belästigung im Netz. Eine Berliner Künstlerin hat eine kreative Antwort auf das Problem.

Lady Dickpic – sexuelle Belästigung im Internet: Wie sich eine Künstlerin wehrt.
Lady Dickpic – sexuelle Belästigung im Internet: Wie sich eine Künstlerin wehrt.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Sie sind übergriffig, ungefragt und illegal: Dickpics – zu Deutsch Penisbilder. Und dennoch landen sie täglich in den digitalen Postfächern vieler Frauen. In Berlin hat eine Künstlerin ihre eigene Art, damit umzugehen, und verwandelt ungefragte Penisbilder in nachgefragte Accessoires. Wir begegnen uns zum ersten Mal an einem Sonntag im Mauerpark, dem Hotspot für Berliner:innen, Reisende und Flohmarktfans. Den Klangteppich aus Musik, Lachen und angeregten Gesprächen durchdringt eine Stimme, die lautstark Dickpics anbietet. Was bei vielen Frauen wohl eher Unbehagen als Neugier hervorruft, entpuppt sich als kreatives Projekt der Künstlerin Lady Dickpic.

In einer Art Bauchladen, der gewöhnlich bei Jungesell:innenabschieden zum Einsatz kommt, bietet sie ihre persönlichen „Beweisstücke sexueller Belästigung“ in Form von Buttons, Magneten, Flaschenöffnern, Kosmetikspiegeln und Puzzles an. Was keinen Platz in ihrem mobilen Pop-up-Store findet, trägt sie an ihrer Kleidung und demonstriert potenziellen Kund:innen, wie so ein Genitalbild abseits von hochaufgelösten Bildschirmen wirkt.

Auch bei näherem Hinsehen ist nicht jedes Motiv auf den ersten Blick auch als Dickpic zu erkennen. Neben Bildern, die eher anatomischen Wert haben, bietet sie kunstvolle Inszenierungen an. Der unangefochtene Bestseller sei das „English Breakfast“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Statt einer Wurst wird hier das männliche Genital zu „Toast and Beans“ serviert. Für Vegetarier:innen gibt es eine fruchtige Alternative mit Wassermelone.

Wenn sie nicht in belebten Berliner Parks unterwegs ist, trifft man sie in der U-Bahn oder beim Warten in der Schlange vor Berliner Clubs wie dem KitKat oder Berghain. Auch am Strand von Tel Aviv hat die aus Israel stammende Künstlerin ihre Buttons schon verkauft. Dabei achtet sie immer darauf, Orte zu meiden, an denen sich Kinder und Familien aufhalten könnten. Die Reaktionen auf ihre ungewöhnliche Geschäftsidee seien gemischt. Besonders bei Tourist:innen, die Deutschlands Epizentrum von Verrücktheit in Berlin vermuten, seien die ausgefallenen Souvenirs ein Verkaufsschlager.

Dickpics sind kein neues Phänomen

Wir verabreden uns für ein Interview und ich erfahre mehr über das Geschäft mit den Dickpics. Die Idee kam Soledad, so ihr bürgerlicher Name, 2017, als sie beim Durchscrollen der empfangenen Fotos auf ihrem Handy mehr männliche Genitalien als Gesichter aus ihrem Bekanntenkreis anschauten. Sie dachte über die dekorative Verwertung in einer Collage nach, verwarf die Idee und produzierte die Buttons zunächst nur für Freund:innen, bis dann ein Geschäft daraus wurde.

Die Häufung der Bilder fiel ihr jedoch schon früher auf. „Ich sammle Dickpics, seit ich ein Smartphone habe“, erzählt sie. Auch an ihr erstes erinnert sie sich noch – das erreichte sie 2005 noch per MMS. Mit der raschen technischen Entwicklung und der Möglichkeit, digital Liebe und Abenteuer zu finden, wuchs auch ihre Sammlung. Wenn Soledad von „Vintage-Bildern“ spricht, ist das kein Verkaufsargument, das den Preis verdreifacht, sondern verdeutlicht eher die zeitliche Dimension ihres Sortiments. Bis zum 200. Bild spricht sie von „vintage“, aktuell zählt sie mehr als 800 Bilder, die sie in Excel-Tabellen akribisch dokumentiert und archiviert.

„#RealDickPic 106“ – Soledad Tohav
„#RealDickPic 106“ – Soledad TohavSoledad Tohav

Fast jedes Bild erzählt eine persönliche Geschichte, denn für die Motive ihrer Accessoires standen keine Models vor der Kamera. Die Bilder stammen von Männern, die sie datete oder zumindest darüber nachdachte. Dabei schafft es nicht jedes Bild auch in ihren Bauchladen. Verschwommene Bilder fliegen gleich raus und von denen gebe es reichlich. Soledad ist sich sogar sicher, dass viele der Absender ihre eigenen Geschlechtsteile nicht einmal erkennen würden, wenn ihnen damit eine Flasche geöffnet würde.

Die Qualität vieler Bilder lege eher die Vermutung nahe, dass sie nicht nur keinen kritischen, sondern nicht einmal einen zweiten Blick erfahren haben, bevor sie abgesendet wurden. „Sie könnten wenigstens bessere Bilder schicken, die Spaß machen, sich anzuschauen“, scherzt sie. Qualitativ verlässlicher hingegen seien Aufnahmen, die sie mittlerweile als Beitrag zu ihrem Projekt aus ihrem Bekanntenkreis erreichen.

Warum verschicken Männer unaufgefordert Penisbilder? Dafür hat Soledad eine einfache Erklärung: Dickpics seien eine Art Vorauszahlung in der Hoffnung, dass die Empfängerinnen mit einem Bild reagierten – eine verzerrte Form des Fair Trade. Und genau darin liegt der Kern des Problems: Es spricht nichts dagegen, mit Konsens zwischen den Beteiligten intime Bilder auszutauschen. Frauen jedoch eine solche Empfangsbereitschaft zu unterstellen, ohne deren Einverständnis vorab einzuholen, erfüllt den Tatbestand der sexuellen Belästigung.

Soledads Vermutung bestätigt auch eine Studie der wissenschaftlichen Zeitschrift The Journal of Sex Research aus dem Jahr 2018. Bereits der Titel „I’ll Show You Mine so You’ll Show Me Yours: Motivations and Personality Variables in Photographic Exhibitionism“ verrät, zu welchem Ergebnis die Auswertung der Online-Befragung von 1087 Männern gelangte. Die am häufigsten angegebene Motivationskategorie für das Versenden von Genitalbildern ist die Hoffnung, im Gegenzug Bilder zu erhalten, während die am häufigsten gewünschte Reaktion der Empfängerinnen deren sexuelle Erregung war.

„Gesichtsloser Exhibitionismus“: Ungewollte Intimbilder sind strafbar

Warum erstatten nicht mehr Frauen Anzeige? Rein rechtlich gesehen ist diese Form des gesichtslosen Exhibitionismus strafbar. Ein digital verbreitetes Genitalbild gilt ohne die Zustimmung der Empfänger:innen als Form der sexuellen Belästigung und wird nach Paragraf 184 als „Verbreitung pornografischer Inhalte“ mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet. Beim Versenden an Minderjährige droht auch bei Zustimmung der Empfänger:innen eine Strafe.

Obwohl Frauen der Rechtsweg offen steht und eine Reihe von Organisationen Betroffene dabei unterstützen, schnell und unkompliziert Strafanzeige zu erstatten, nehmen viele Opfer diese Möglichkeit nicht wahr. Stattdessen verbannen sie die Beweisstücke an einen Ort, an dem sie sich nicht weiter mit ihnen auseinandersetzen müssen und blockieren die Täter. Auch Soledad wird in Gesprächen mit Kund:innen immer wieder gefragt, warum sie die Absender nicht einfach blockiere. Meist antwortet sie dann mit der Gegenfrage: Wie soll ich das präventiv tun?

Auch die Plattformbetreiber:innen seien dabei keine große Hilfe. Nach ihrer Erfahrung höre sie öfter von Menschen, die aufgrund einer kontroversen Meinungsäußerung gesperrt würden als für das Versenden von Dickpics. Dass nicht mehr Frauen den Rechtsweg wählen, erklärt sie sich mit dem Mehraufwand: „Ich glaube, Menschen versuchen, zusätzliche Arbeit zu vermeiden, wenn sie dafür nicht belohnt werden.“

Perspektivenwechsel: Männer müssen die Folgen ihrer Taten spüren. In der Rolle von Lady Dickpic verfolgt sie daher ihren eigenen Ansatz der „Bestrafung“. Es sei sinnlos, die Männer mit Mitteln zu bestrafen, die nicht zu ihrem Verständnis beitragen. „Der einzige Weg, es ihnen begreiflich zu machen, ist, sie in unsere Lage zu zwingen und sie dazu zu bringen, sich Dinge anzusehen, die sie nicht sehen wollen“, argumentiert sie. In ihrem konkreten Fall bedeutet das eine knallharte Konfrontationstherapie. „Männer werden nicht aufhören, Dickpics zu versenden, bis sie gezwungen sind, sie anzuschauen“, bekräftigt sie ihren proaktiven Umgang mit den Bildern.

Ein Weg, die Täter in diesen Perspektivenwechsel zu zwingen, sei das Tragen ihrer Buttons. Wer wegschaut, ist Teil des Problems. Ihre Kritik richtet sich dabei nicht nur an die Urheber der Bilder, sondern auch an diejenigen, die es zulassen, an Menschen, die glauben, es sei nicht ihre Aufgabe zu handeln. „Die größte Beteiligung besteht darin, zu sagen, dass es mich nicht betrifft“, kritisiert sie die passive Haltung vieler Menschen.

„#RealDickPic 74“, Soledad Tohav
„#RealDickPic 74“, Soledad TohavSoledad Tohav

Soledads Anspruch ist es nicht, alle Männer aufzuklären. Es geht um Sichtbarkeit und darum, die Deutungshoheit über ein Handeln, dessen Opfer Frauen unfreiwillig werden, zurückzugewinnen. Neben dem Verkauf der Dickpics führt sie viele Gespräche und versucht, das Thema in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. Ihren Lebensunterhalt kann sie damit nicht finanzieren, aber zumindest den Drink, den ihr die Männer, die sie beabsichtigte zu daten, vor dem Versenden eines Dickpics versprachen.

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