Eine Antwort auf „Checkpoint Charlie: Wie taub kann man sich stellen?“

Ist und war das Verfahren um die Neugestaltung des Checkpoint Charlie wirklich nicht transparent genug? Eine Replik.

Checkpoint Charlie? Der Streitplatz Berlins.
Checkpoint Charlie? Der Streitplatz Berlins.Berliner Zeitung. Verwendete Bilder: Dennis Eichmann (links) und Rainer Quambusch, Imago (rechts)

Dieser Text ist eine Reaktion auf den Beitrag „Checkpoint Charlie: Wie taub kann man sich stellen?“ von Holger Friedrich, erschienen in der Berliner Zeitung am 5./6. November 2022.

Auch ein persönlich gezeichneter Meinungsartikel sollte in einer Zeitung mit journalistischem Anspruch einen Mindeststandard an Objektivität und Wahrhaftigkeit wahren. Das gelingt Herrn Friedrich in seinem „Weckruf“ zur Baustelle Checkpoint Charlie nicht.

Stattdessen ignoriert Friedrich die tatsächliche Entwicklung der stadtpolitischen Auseinandersetzung um die Neugestaltung des Areals. Angeblich hätten Politiker aus SPD und Linke Machinationen veranstaltet, um ein vermeintlich gutes Vorhaben der Firma Trockland Management GmbH zu Fall zu bringen. Ganz abgesehen davon, dass den von Trockland in der Stadt bereits realisierten Vorhaben gute architektonische und städtebauliche Qualität eher selten zugesprochen wird, war die Entwicklung in Sachen Checkpoint Charlie völlig anders, als von Herrn Friedrich gemutmaßt.

Diskussion um Bebauungsplan war öffentlich

Richtig ist, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zunächst den Vorstellungen von Trockland zur Entwicklung des Areals am Checkpoint Charlie sehr aufgeschlossen gegenüberstand und man im Jahre 2017 einen LOI (eine Absichtserklärung) unterzeichnete. Eröffnete sich doch hier eine Chance, den aus der Insolvenz des ursprünglichen Käufers resultierenden städtebaulichen Missstand an diesem historisch bedeutsamen Ort endlich zu überwinden. Gemeinsam mit Trockland veranstaltete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im Jahre 2018 zur Konkretisierung der Planungsziele für den Bebauungsplan 1-98 ein offenes Partizipations- und ein städtebauliches Workshopverfahren.

Die öffentliche Präsentation und Diskussion der Ergebnisse offenbarten allerdings, dass das von Trockland verfolgte Gesamtkonzept auch mit den besten Architekten nicht zu einer angemessenen Gestaltung dieses Stadtraumes führen würde. Vielmehr drohte ein weiterer Ort, der nicht nur für die Teilung der Stadt, sondern auch für die Spaltung Europas, die Ost-West-Konfrontation und den Kalten Krieg von großer geschichtlicher Symbolkraft ist, aus dem Stadtbild zu verschwinden, unsichtbar gemacht zu werden.

Es bahnte sich ein abermaliges Trauerspiel des geschichtsvergessenen Umgangs Berlins mit der historischen Teilung der Stadt an. So, wie Berlin an die Stelle der Grenzabfertigungsanlagen an der Bornholmer Straße, dem weltbekannten Ort, wo die Mauer geöffnet wurde, einen Discountmarkt mit Kundenparkplatz setzen ließ, so sollte nun an die Stelle der DDR-Grenzübergansstelle Friedrichstraße/Zimmerstraße, an der sich vor 61 Jahren sowjetische und US-Panzer direkt gegenüberstanden, ein Hard-Rock-Hotel gebaut werden, wenn es nach Trockland ginge.

Letztlich haben die Abgeordneten – nicht nur der Regierungsfraktionen – in Auswertung des Verfahrens festgestellt, dass es eines neuen städtebaulichen Planungsansatzes bedarf, der der historischen Bedeutung des Ortes gerecht wird und dessen Geschichte für die vielen Berlinbesucher erlebbar macht. Der geplante Gedenk- und Bildungsort für die Geschichte des Kalten Krieges solle als solitäres Bauwerk auf der Fläche der ehemaligen Grenzabfertigungsanlage entstehen und es solle vor dem Museum und dem ehemaligen Checkpoint Charlie ein Stadtraum geschaffen werden, in dem sich die Besucher gefahrlos aufhalten und mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen können.

Die Ziele des Bebauungsplans 1-98 wurden dementsprechend im Frühjahr 2019 konkretisiert, mit einem Stadtplatz und einem eigenständigen Bildungs- und Erinnerungsort auf den sich gegenüberliegenden Straßenseiten der Friedrichstraße an der Ecke zur Zimmerstraße. Im Oktober 2022 hat nun der Senator für Finanzen mitgeteilt, dass Berlin die beiden für die Umsetzung der Planung erforderlichen Grundstücke erwerben konnte.

Pflege des kulturellen Erbes muss an erster Stelle stehen

Warum Herr Friedrich meint, die Umsetzung eines öffentlich und demokratisch entwickelten Planungsziels als Intrige denunzieren zu können, bleibt sein Geheimnis. Die von ihm gestreuten Verdächtigungen befördern allerdings das von ihm beklagte Misstrauen in die demokratischen Institutionen dieser Stadt.

Warum die Manager der Firma Trockland sich das städtebauliche Konzept für die Entwicklung des geschichtsträchtigen Ortes nicht zu eigen machten, sondern stattdessen unter Androhung von juristischen Schritten auf der Realisierung ihrer Planung bestanden, blieb allseits unverständlich. Der vom Insolvenzverwalter nach Angaben von Herrn Friedrich nunmehr favorisierte Investor meint offenbar, zur Umsetzung dieses Konzepts in der Lage zu sein. Er wird zeigen müssen, dass er die architektonischen und städtebaulichen Herausforderungen auf seinen Vorhabenflächen zu bewältigen weiß.

Ambitionen hatte Trockland zweifellos, nur waren diese unvereinbar mit den von der Stadtgesellschaft eingeforderten städtebaulichen Qualitäten an diesem „international exponierten Ort“. Die Transparenz des offenen und öffentlichen Partizipations- und Werkstattverfahrens hat dies zutage gefördert. Dem Wunsch von Herrn Friedrich nach Fortführung der Transparenz bei der Entwicklung dieses Ortes ist uneingeschränkt beizupflichten. Verwertungsinteressen von Investoren sollten überall in der Stadt der Pflege des stadt- und baugeschichtlichen sowie kulturellen Erbes untergeordnet werden.

Der Autor Michail Nelken war von 2017 bis 2021 MdA, Mitglied des Stadtentwicklungsausschusses, Die Linke.

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