Mit unseren Fahrrädern fahren wir beinahe täglich eine Strecke, die den Kurfürstendamm überkreuzt und an namenhaften Boutiquen sowie High-Society-Cafés vorbeiführt. Jedes Mal, wenn ich diese Strecke fahre, gerate ich in eine Schieflage. Ich bekomme ein ganz mulmiges Gefühl.

Ich denke: Ein neuer Fahrradweg. Super. Lange gab es hier keinen. Wenn es abschnittsweise einen gab, war er lange Zeit schwer erkennbar und baufällig. Gut. Jetzt gibt es einen. Ich freue mich. Er ist groß, grün und gut gekennzeichnet. Die Strecke läuft über die Kantstraße auf den Kurfürstendamm zu. Das erste Auto parkt auf dem Fahrradweg. Ich umfahre das Auto. Etwas weiter werden die Autos größer. Jetzt sehe ich nur noch die Riesenautos der bekannten Riesenfirmen. Interessanterweise sind es ebendiese, die standardmäßig auf dem Fahrradweg parken. Ich mag das nicht.

Bin ich eifersüchtig? Möchte ich in der anderen Blase leben?

Die Menschen, die sich in dieser Gegend bewegen, sind in der Regel elegant gekleidete Menschen, die aussehen, als würden sie gut riechen. Die Hemden sind mehr als weiß, die Frisuren mehr als windfest, der Teint mehr als ebenmäßig. Ein Aufblinken des SUV zeigt mir, wer dessen Herrin ist. Ich hinterfrage mich selbst: Bin ich eifersüchtig? Möchte ich mein eigenes Blasenleben gegen ein solches Blasenleben eintauschen? Möchte ich besser riechen und eleganter stöckeln? Ich fahre weiter.

Abbildung: Imago
Debatte willkommen –Beschimpfung nicht

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Vor mir zieht ein SUV im Army-Look rüber, ohne zu blinken, um seinen Parkplatz mitten auf dem Radweg 50 cm vor mir, in aller Ruhe einzunehmen. Solange sein Panzer kein akustisches Signal gibt, ist es ihm doch scheißegal, ob da gerade eine Mutter mit einem Kind auf dem Fahrradsitz auf dem Fahrradweg fährt. Er zieht da rein und bleibt da stehen. Das ist ihm gottgegeben. Er hat schließlich den Dickeren. Zugegebenermaßen brülle ich ihn an. Nicht besonders stilvoll. Immerhin spucke ich sein Auto nicht an, wie der Typ auf dem Fahrrad, den ich gestern beobachtet habe. Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, deren System in eine Schieflage gerät auf dieser Strecke.

Jetzt bin ich zwei Drittel der Strecke gefahren. Sechs Überholmanöver von Panzern später konzentriere ich mich noch immer darauf, dass wir lebend hier rauskommen. Verdammt, meine Laune ist schlecht. Nein, dieser Abschnitt triggert keinen Neid in mir. Ich habe andere Werte im Leben. Er hält mir vielmehr geballt vor Augen, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Die Autos werden größer, statt sparsamer. Mein Schwager arbeitet in der Autoindustrie. Er sagt, dass alle nach dem Energiespar-Fahrzeug schreien und alle gleichzeitig einen Monstertruck kaufen wollen. Also werden diese Waffen immer größer.

Schneller als man „Hyaluronsäure“ sagen kann

Warum ist es essenziell, dass die Eltern ihre Kinder mit dem SUV in die Kita bringen? Warum muss jeder Weg mit der Scheißkarre erledigt werden? Warum braucht jede Familie mindestens ein Auto? Warum muss alles zugepflastert sein, damit sich vor allem Autos hürdenlos fortbewegen können? Was ist denn los mit den Menschen? Das ist doch euer Lebensraum … Ist euch euer makelloses Image und eure Fassade so wichtig? Könnt ihr mal eure Sinne aktivieren und nicht nur eurer Einparkhilfe vertrauen? Braucht ihr den zu sauberen Maßanzug für euer Glück? Braucht ihr das blinkende Täschchen unter der Achsel? Sind das wirklich eure Ziele in einer Welt, die an uns schneller vorüberziehen kann, als wir „Hyaluronsäure“ aussprechen können? Mein System bleibt in der Schieflage.

Sonja Bisgiel ist Sängerin und lebt in Berlin.

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