Weimarer Republik: Wie ein Berliner Hochstapler den Okkultismus ausnutzte

Horoskope, Geister, Hellsehen: In der Weimarer Republik war Okkultismus sehr beliebt. Der Hochstapler Friedrich Weber-Robine machte sich den Trend zu Nutzen.

Berliner Gesellschaft um 1920
Berliner Gesellschaft um 1920imago/serienlicht

Berlin vor 100 Jahren. Bereits der Sommer 1922 ist für die Berliner zur Belastungsprobe geworden, die Inflation scharrt ungeduldig mit den Hufen, 1923 wird sie zur Höchstform auflaufen. Und da sind Strategien gefragt, um mit den vielfältigen Belastungen dieser schweren Zeit und den Traumata des Krieges umzugehen. Der eine tröstet sich zum Beispiel exzessiv mit Wein, Weib und Gesang, der andere rutscht in die Depression oder Kriminalität ab.

Doch in der großen Stadt gibt es noch ein ganz anderes Phänomen, das die seelischen Wunden vermeintlich zu heilen scheint, und das heißt Okkultismus. Einer der in Berlin bekanntesten Okkultisten dieser Zeit heißt Friedrich Weber-Robine. Der Name ist nicht ganz korrekt, denn eigentlich lautet sein Geburtsname Friedrich Weber, was aber niemand zu wissen braucht. Gerne erzählt er nämlich die Mär, dass seine Vorfahren ja eigentlich Juden seien und aus Frankreich stammten. Er stellt sich als interessanter Schöngeist dar, will etwas ganz Besonderes sein, denn Weber-Robine hat einen ausgeprägten Geltungsdrang.

Schon früh sucht der 1871 in München als Sohn eines Galanteriewarenhändlers geborene künstlerisch begabte Mann daher auch das Rampenlicht, studiert von 1892 bis 1895 in Regensburg bei Rudolph Anders Musik und anschließend Gesang am „Stern’schen Konservatorium der Musik zu Berlin“. Als Heldentenor und Schriftsteller bestreitet er seinen Lebensunterhalt, doch das reicht ihm immer noch nicht. Am Ende des 19. Jahrhunderts beginnt er ein Studium der Philosophie und Staatswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin.

Dort kommt er zum ersten Mal mit dem Thema Okkultismus in Berührung, weil der Berliner Psychologe und Philosoph Max Dessoir (1867–1947) im Sommersemester 1900 einer seiner Lehrenden ist. Dessoir ist derjenige, der zum ersten Mal die Bezeichnung „Parapsychologie“ verwendet hat, womit die Lehre von seltsamen und unerklärlichen Phänomenen gemeint war. Zu dieser Zeit stehen die Berliner bereits unter vielfältigem okkulten Einfluss, vor allem Spiritisten sind sehr gefragt, so etwa (Trance-)Medien wie Anna Rothe aus Sachsen, die in Laienzirkeln auftreten und die Bevölkerung mit angeblichen Botschaften aus dem Jenseits versorgen. Zumeist werden sie jedoch als Schwindler enttarnt.

Es ist ein vielfältiges Spektrum, dieses okkulte Treiben: Spuk, Geister, Hellsehen, alles ist möglich, was irgendwie düster oder unklar ist, womit man „okkult“, ein Wort aus der lateinischen Sprache, eben auch übersetzen kann. Und es spaltet enorm, weil es eben auf einer Ungewissheit, einer Theorie beruht, dass es ein Leben nach dem Tod gebe. Es gibt nur fanatische Gläubige à la Dr. Egbert Müller, ein bekannter Berliner Spiritist, oder spöttische Nichtgläubige, so zum Beispiel auch bald die gesamte Berliner Presse.

Kopernikanisches System (heliozentrisch) mit den Planeten und der Sphäre des Tierkreises.
Kopernikanisches System (heliozentrisch) mit den Planeten und der Sphäre des Tierkreises.imago/United Archives International

Die vielen Schwindelfirmen des Weber-Robine

1907 heiratet Weber-Robine die Tochter eines Fabrikbesitzers, und ab dem darauf folgenden Jahr soll sich Weber-Robine, über den es zum Beispiel im Landesarchiv Berlin eine Akte gibt, mit dem Thema Okkultismus beschäftigt haben. Die Leidenschaft wird schnell zur Obsession. Der Dünkel auch. Zu dieser Zeit nennt er sich nämlich hochtrabend „Direktor“ der „Deutschen Nationalbühne“. Der ein oder andere Leser mag an dieser Stelle Visionen von einem klassizistischen Prachtbau haben, in dem sich die Bühnenstars der Zeit die Klinke in die Hand geben und das unter wohlwollender Aufsicht des flamboyanten „Herrn Direktor“. Doch die vermeintliche „Bühne“ ist nur eine „Gesellschaft für musikalische und dramatische Kunst“, und die findet man in der Privatwohnung Weber-Robines in der Barbarossastraße.

Weber-Robine ist bereits zu dieser Zeit ein fortgeschrittener Blender vor dem Herrn, immer kurz davor, völlig in die Kriminalität in Form des Hochstapelns abzurutschen. Doch immer fehlt das entscheidende Quentchen Kaltblütigkeit, um diesen Weg zu gehen, der zumeist in das Verderben führt. Etwas in seinem Inneren hält ihn immer noch zurück. Und auch die Rastlosigkeit, die Weber-Robine an den Tag legt, ist charakteristisch für Hochstapler. Im Ersten Weltkrieg wird er als „unehrenhaft“ entlassen, mal tingelt er dann als Vortragsredner durch das Land, dann mal wieder als Heldentenor.

Es scheint, als habe er um 1918 dann den Halt verloren. Die Zeit seiner merkwürdigen Geschäftsgründungen beginnt, Annoncen in diversen deutschen Zeitungen erscheinen, die dubiose Geschäftsmodelle anpreisen, immer misstrauisch beäugt von der „Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindelfirmen“, die ihren Sitz in Lübeck hat. Vor allem seine angebliche Kriegsinvalidenfürsorge namens „Grünes Kreuz“ gerät in den Fokus der Ermittlungen, auch seitens der Berliner Kriminalpolizei.

Doch Weber-Robine, dem die Zentralstelle bescheinigt, „ein außerordentlich gefährlicher Organisator“ zu sein, dem es vor allem um den „daraus entspringenden Lebensunterhalt“ geht, kommt immer wieder mit ganz milden Strafen davon. Als er dann auch noch anfängt, den Okkultismus geschäftsmäßig zu betreiben, wird das zunächst seine absolute Glanzzeit. Die „Okkultistische Volkshochschule“ gehört ebenfalls zu seinen zahlreichen Gründungen, er schreibt Bücher zum Thema, in denen er jedoch überhaupt keinen Spaß versteht.

Er ist dogmatischer als der Papst: Der Okkultismus sei seiner Meinung nach die Lösung aller Probleme! Sie erfülle den Menschen, sodass keine Religion mehr vonnöten sei. Und tatsächlich strömen die „Gläubigen“ in Scharen in Weber-Robines „Volkshochschule“, wo er unter anderem auch Dienstleistungen wie Horoskope verkauft. Ein begnadeter und charismatischer Redner soll er gewesen sein, vor allem Frauen hängen gebannt an den Lippen ihres Gurus namens Weber-Robine, der auch nicht dem ein oder anderen Techtelmechtel mit den Schülerinnen der „Volkshochschule“ abgeneigt gewesen sein soll. Das bricht ihm letzten Endes das Genick.

Tarotkarten ursprünglich 1889 von dem Symbolisten Oswald Wirth entworfen und 1926 in leicht veränderter Form in einer limitierten lithografischen Auflage veröffentlicht.
Tarotkarten ursprünglich 1889 von dem Symbolisten Oswald Wirth entworfen und 1926 in leicht veränderter Form in einer limitierten lithografischen Auflage veröffentlicht.imago/United Archives International

Tod einer Schülerin bricht Weber-Robine das Genick

Zu seinen Schülern zählt auch Gertrude Müller, eine, wenn man der damaligen Presse glauben mag, einsame Frau, die in ärmlichen Verhältnissen bei ihrem Stiefvater aufgewachsen ist. Auch sie wird sich laut Statuten der Schule dazu verpflichtet haben, ihr Vermögen nach ihrem Ableben der Schule zu vermachen. Das mutet sektenhaft an, auf jeden Fall ist es dubios. Dann passiert das tödliche Drama.

Gertrude Müller, die an ihrem Arbeitsplatz im Kaufhaus Gerson sehr beliebt ist, will ihrem Leben ein Ende setzen, liegt in einem roten Kleid röchelnd im Bett, hat versucht, sich zu vergiften. War es vielleicht aus Liebeskummer? In letzter Minute rettet man sie, aber nach drei Tagen im Krankenhaus erliegt sie am 27. Dezember 1921 ihren wie auch immer gearteten Qualen. Und sofort wird der Presse, die Weber-Robine schon lange misstrauisch beäugt, zugespielt, dass kurz nach dem Ableben von Gertrude Müller eben jener Weber-Robine in der Wohnung erschienen sei, um das Erbe für die „Volkshochschule“ abzuholen.

Ein Aufschrei der Empörung geht durch die Presse, die nicht nur Weber-Robine gilt. Der Hass auf die Okkultisten ist sowieso sehr groß, auf den vermeintlichen Erbschleicher noch viel größer. Denn der Name Weber-Robine ist symbolhaft für das Phänomen des Okkultismus, der schon länger überhaupt nicht ernst genommen wird. Der die Berliner Bevölkerung wie ein Tsunami erfasst hat, der in verschiedenen Formen sogar in die Kultur eingegangen ist. Bücher über Spiritisten erscheinen, auch die Spiritisten zählen zu dem Formenkreis des Okkultismus. Filme à la „Das Kabinett des Dr. Caligari“ lehren das Publikum das Gruseln, Theaterstücke, Werbung und so weiter und so fort. Sorgen machen sich manche Berliner schon länger.

Im selben Jahr, in dem Gertrude Müller ihrem Leben ein Ende setzt, schreibt der Berliner Redakteur Hanns Looser über seinen Freundeskreis: „Spiritismus, Telekinese und eine Menge anderer Worte von ähnlich mysteriösem Charakter treffen mein Ohr, wenn ich im Klub bin.“ Und auch der Journalist Leo Heller vom 8-Uhr-Abendblatt hat ähnliches feststellen müssen, was er in einem seiner Bücher beschrieb: „… daß man sich auch im Norden und Osten Berlins stark mit okkultistischen Dingen befasst, daß man auch am Wedding, in der Mulack- und Weißenburger Straße Geisterrapporte abhält und nicht nur sinnliche, sondern auch übersinnliche Dinge treibt.“

Schließlich kulminiert die ganze Angelegenheit sogar und drängt aus dem Dunkel der Nacht ans Tageslicht, als die (Trance-)Medien „in Scharen auf dem Kudamm herumlaufen“, so angeprangert in einem mahnenden Presseartikel. Weber-Robine ist nun in Berlin Persona non grata, dem auch das Jenseits nicht mehr helfen kann. Er versucht noch, sich zu wehren, sich zu rechtfertigen, wendet sich sogar am 25. Juli 1923 mit einem weinerlichen Brief an das Ministerium für Volkswohlfahrt. Seit der Affäre um die tote Verkäuferin sei er einer gnadenlosen Pressehetze ausgeliefert gewesen, die ihn vor den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch gebracht habe, heißt es darin.

Dass sein guter Ruf schon zerstört ist, er sich den Schaden im Grunde selber zugefügt hat, sieht er nicht. Dennoch schafft er es immer wieder, sich seiner gerechten Strafe zu entziehen oder sie nur milde ausfallen zu lassen. So wird er 1924 wegen Konkursverschleppung lediglich zu einer moderaten Gefängnisstrafe von zehn Tagen verurteilt. Es wird still um Friedrich Weber-Robine.

Diverse Artikel in Zeitungen und Zeitschriften zeugen davon, dass er wieder zu seiner ursprünglichen Tätigkeit als Schriftsteller zurückgekehrt ist, Berlin hat er schon lange verlassen. Seine letzten Lebensjahre hat er vermutlich in Ostpreußen verbracht. Weber-Robines Sterbeurkunde aus dem Flensburger Stadtarchiv beweist zumindest, dass er Anfang 1945 von dort aus auf die Flucht vor der anrückenden Sowjetarmee gegangen sein muss. Er schafft es noch bis Flensburg. Dort stirbt Friedrich Weber-Robine am 16. Februar 1945 an den Folgen der Strapazen der Flucht, doch weder als Heldentenor, Schriftsteller noch Okkultist, sondern als „Kirchenprediger“.

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