Husten und lernen: Wie sich ein Berliner Erstklässler durch die Grippewelle kämpft

Seit der Sohn unserer Autorin in die Schule kam, ist entweder seine Lehrerin krank oder er selbst. Damit er trotzdem etwas lernt, wird seine Mutter erfinderisch.

Schüler auf dem Weg in die Schule.
Schüler auf dem Weg in die Schule.dpa/Gregor Fischer

Da sitzen wir auf dem Sofa, eingewickelt in Decken. Eigentlich müsste das Kind in der Schule sein, aber es ist schon wieder krank. Zum zweiten Mal kurz hintereinander. Es ist mehr als eine Erkältung – Fieber, Übelkeit, Husten und Schwäche.

Vor zwei Wochen war es schon einmal so. Nach drei Tagen gingen wir an einem Nachmittag zur Kinderärztin, um eine Bescheinigung für die Fehlzeit in der Schule zu besorgen. Was dort vor sich ging, habe ich bisher noch nicht erlebt. Schon vor der Praxis stand eine lange Schlange mit hustenden Kindern in Begleitung jeweils eines Erwachsenen, in diesem Fall waren es ausschließlich Mütter. In das winzige Wartezimmer schob man sich mit den kranken Kindern, die sich trotz der Symptome eifrig über das Spielzeugangebot hermachten. „Fass nichts an“, bat ich den Jungen.

Die Schlange wollte nicht abreißen. Einige Kinder guckten aus fiebrigen Augen dem Spielgeschehen zu, ein paar Jugendliche sahen müde auf ihr Telefon. Am Ende wartete die Kinderärztin, die freundliche Frau mit dem Pferdeschwanz. „Sie tun mir leid“, sagte ich. „Sollen wir ein bisschen hierbleiben und Sie trinken mal einen Kaffee?“ Sie lachte. „Das geht seit Wochen so. Es reißt nicht ab“, erzählte sie. Erschöpft sei sie, aber was soll man machen. Man müsse da durch. „Ist eine Pause in Sicht?“ Weihnachten, die eigene Familie, dann geht’s weiter. Sie hörte in den Jungen. „Ihr habt alle diesen festen Husten.“ Mehr passierte nicht. Das Kind zog sich wieder an, griff in das Gummibärengefäß.

„Halt, sie hat doch noch gar nichts gesagt“, stoppte ich ihn. „Doch, doch, hab ich“, sagte sie. Sie wusste vor lauter hustenden Kindern kaum noch, was sie zu wem gesagt hatte. „Schnell raus hier, sonst kommt gleich die nächste Krankheit“, warnte die Ärztin. „Halten Sie durch“, sagte ich. Wir bekamen die Entschuldigung. Sie kostete einen Euro. Ein Euro für die Bestätigung, dass da eine Erkältung ist, ein Euro für die nächste Virusinfektion.

Nach drei Tagen Schule hört sich der Husten anders an

Nach drei Tagen Schule hörte sich der Rest-Husten, den er morgens mit in die Schule genommen hatte, am Nachmittag anders an. „Das ist doch nicht etwa eine neue Sache?“ Es war eine neue. Also wieder Pause, Unterbrechung, kein Lernen. Seit Wochen ist der Wurm drin. Bedauerlicherweise ist die Lehrerin schon seit dem Beginn des Schuljahres häufig krank, derzeit meistens dann, wenn der Junge wieder in der Schule ist. Er hat sie also lange nicht gesehen. Immer wieder gibt es Unterbrechungen, Improvisation, Vertretung. Ich weiß, man tut, was man kann, dass der Laden läuft, aber man kann eben nur aus dem schöpfen, was da ist und da fehlt es an jeder Ecke. Der Junge erzählt mir, dass die anderen Klassen schon mehr Buchstaben gelernt haben, was ihn ein bisschen ärgert.

Ich sorge mich etwas, so wie sicher die anderen Eltern der Klasse auch. Die verschiedenen Vertretungen und Improvisationen sind ein Problem. Die Voraussetzungen der Kinder sind unterschiedlich. Das ist eine große Aufgabe. Während manche noch Probleme mit dem Stillsitzen, mit Konzentration und dem Aufnehmen von Dingen haben, gibt es die Sprachschwierigkeiten der Kinder mit Migrationshintergrund und dazu die Schüler, die so schnell lernen, dass sie ausgebremst, die vorhandene Lust am Lernen wieder verlieren.

Der aufgenommene Faden wird immer wieder abgerissen. Das trifft vielleicht gar nicht mal meinen Jungen so sehr. Er hat ein Zahlenverständnis wie ein Drittklässler, was auch problematisch ist. Während in der ersten Klasse nur bis 20 gerechnet wird, ist er längst viel weiter. Für ihn sind die Aufgaben eine kleine Qual. „Das ist Babykram“, jammert er, wenn er Äpfel und Birnen zusammenzählen soll. Gibt es dafür die Möglichkeit einer Förderung? Ich befürchte nicht.

Lesen zu können, ist für Kolja wie ein notwendiger Teil der Menschwerdung, habe ich das Gefühl. Er hat einen starken Willen, alles herauszufinden. „Was schreibst du“, fragt er, wenn ich arbeite. „Ach, lass mich doch mal“, bitte ich. Dann liest er selbst. „Du schreibst ja über die Schule“, stellt er fest.

Lesen lernen? Beim Sonntagsdinner!

Ich habe mir allerdings auch einiges einfallen lassen, um seine Lust am Lesen zu fördern. Neben dem Buch, das ich am Abend vorlese, baue ich kleine Spiele ein, die seine Freude am Lesen verstärken. So schreiben wir uns Briefe. Und ich habe vor ein paar Wochen eine neue Sonntagstradition eingeführt. Ich lade ihn zum Essen ein, genauer zu einem perfekten Dinner mit sieben Gängen.

Man kann so einiges lernen bei solch einem Festessen, übrigens auch ich, die ich nicht besonders gerne koche. Wir haben uns mithilfe eines YouTube-Videos beigebracht, wie man Servietten faltet. Ich habe ihm erklärt, dass man zu einer Essenseinladung etwas mitbringen sollte, also überlegt er sich immer etwas. Ich schreibe eine Menükarte mit sieben Speisen in klaren Druckbuchstaben. Die Gänge haben hübsche Namen, wie „Der kleinste Salat der Welt“, „Baguettchen“, „Tanz der fröhlichen Früchte“ oder „Minisuppe – kleiner Faden“. Er liest vor jedem Gang gespannt, was auf der Karte steht.

Er liebt diesen Restaurantbesuch an unserem kleinen Holztisch, den ich zu diesem Zweck in die Küche schiebe und über dem die bunte Lichterkette festlich leuchtet. Nebenbei gesagt hat sich durch dieses Spiel seine Freude am Testen unbekannter Speisen sehr vergrößert. Dinge, die er sonst nicht anrührt, kriegen hier eine Chance und sollen dann meistens noch mal auf dem Speisezettel stehen.

Da es noch keine Hausaufgaben gibt, kennt man den Stand des Kindes nur, wenn man sich gemeinsam den Inhalt der Schultasche ansieht. Zum Wochenende werden die Bücher mit nach Hause gegeben. Nach der ersten Krankheitswoche brachte ein Mädchen aus Koljas Klasse ein paar Kopien mit Aufgaben. Da sah ich mal zu, wie er die Buchstaben schreibt, rechnet.

Seit drei Wochen gibt es einen Leseteppich, ein Blatt mit Silben und Worten aus den schon gelernten Buchstaben. Zehn Minuten pro Tag soll man mit dem Kind die Worte in jede Richtung lesen üben und das Datum darunter notieren. Ich glaube, das ist eine Maßnahme, weil die Sorge inzwischen groß ist, dass die Kinder aufgrund der ungünstigen Situation nicht auf dem richtigen Stand sind.

Der erste Ausflug nach der Corona-Pandemie

Auch im Hort ist das Personal knapp. Man machte noch einen großen Ausflug zum Friedrichstadtpalast. Das war ein Geschenk. Der Hort übernahm sogar die Kosten. Alles war bis ins Detail durchgeplant. Über 200 Kinder machten sich auf den Weg in die Friedrichstraße. Die Eltern hatten vorab einen Lageplan erhalten, wo das Kind abzuholen ist. Als ich das Auto in der Friedrichstraße parkte und auf das leuchtende Haus zulief, überkam mich eine solche Dankbarkeit, dass ich sogar ein paar Tränen im Auge hatte.

Endlich funktionierte mal was, endlich nach all diesen Corona-Entbehrungen konnten Kinder ins Theater, wurde etwas auf die Beine gestellt, etwas, was nicht kurz vorher ins Wasser fiel. In der Kita hatte in den letzten beiden Jahren kein einziger Ausflug stattgefunden. Es tut mir im Nachhinein so unendlich leid für jedes Kind. Erfüllt und begeistert liefen die kleinen Theatergänger Hand in Hand zur Ecke, wo laut Lageplan die Abholstation war. Mein Kolja hätte am liebsten die Show gleich noch einmal gesehen und erzählte bis zu Hause jedes Detail.

Danach war auch im Hort ein Engpass an Personal. Arbeitsgemeinschaften mussten ausfallen. Man bemühte sich, mit den wenigen Erziehern das Beste für die Kinder herauszuholen, aber man sieht allen die Erschöpfung an. Wer da bleibt, trägt die Last derer mit, die zu Hause bleiben, und geht damit ans eigene Limit, raucht sich auf.

Die dunkle Zeit ist sicher für alle etwas qualvoll. Morgens, wenn ich den Jungen im Dunkeln wecken muss, hat er es schwer, aus dem Bett zu kommen. „Schule“, stöhnt er verärgert. Ich habe ihn mal gefragt, ab wann es für ihn dann wieder ein guter Gedanke wird, zur Schule zu gehen. „Ab dem Moment, wo ich die Schuhe anziehe“, hat er sehr schnell geantwortet. „Ab 9 Uhr fühle ich mich dann richtig wohl in der Schule. Da bin ich angekommen und die Hortnerin kommt auch um diese Zeit.“ Ich bin froh, dass es ihm gut geht mit dem Leben als Schulkind. Das ist mein Geschenk des Jahres.

Es bleibt zu hoffen, dass es im neuen Jahr besser wird mit der Personalsituation und überhaupt mit dem Gesundheitszustand von Lehrern und Schülern, realistisch ist dieser Gedanke wahrscheinlich eher nicht.

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