Vor einigen Monaten hörte ich einen Podcast von Deutschlandfunk Kultur, in dem Natalie Amiri zu Gast war und über ihre journalistische Arbeit im Iran sprach. Von 2015 bis 2020 hatte sie das ARD-Studio dort geleitet. An dem Tag, an dem der Podcast hochgeladen wurde, wurde auch ihr neues Buch „Zwischen zwei Welten“ veröffentlicht. Ich bestellte es und suchte sie in den sozialen Medien. Dann fasste ich tatsächlich den Mut, sie auf Instagram anzuschreiben, um mit ihr persönlich ins Gespräch zu kommen. Bei ihrer Reichweite von etwa zwanzigtausend Followern hatte ich keine Antwort erwartet, aber kurze Zeit später gab sie mir ihre E-Mail-Adresse. Wir trafen uns über Teams in einem virtuellen Raum. Sie wurde 1978 in München geboren, ich etwas mehr als 20 Jahre später.

„Bratwurst mit Sauerkraut oder Ghorme Sabzi?“(traditioneller persischer Eintopf mit vielen Kräutern, Bohnen und Fleisch), fragte ich Natalie Amiri neugierig. „Ghorme Sabzi, natürlich!“, sagte sie. Ihre Antwort auf die Frage, ob sie eher pünktlich oder zu spät komme, war: „Da bin ich tatsächlich ziemlich deutsch. Ich bin eigentlich immer pünktlich.“ Und ist sie eher spontan oder liebt es, zu planen? „Ich würde sagen, dass ich gut organisiert bin, aber ich kann auch spontan werden, in dieser Hinsicht bin ich dann eher persisch.“

Ich selbst wurde oft nicht als „deutsch“ angesehen

Natalie Amiri findet es sehr bereichernd, mit zwei Kulturen aufgewachsen zu sein: „Ich bin stolz auf meine persische Seite.“ Früher ging sie mit ihrem Freundeskreis persisch essen oder ihre deutschen Freunde bekamen bei ihr zu Hause „nicht Schweinebraten und Kohlrouladen, sondern Ghorme Sabzi und Khoreshte Karafs“ (geschmortes Rindfleisch mit Sellerie). Ich selbst bin nicht mit meinen Freunden persisch essen gegangen (das muss ich nachholen), aber zumindest meine Mutter, die auch Deutsche ist wie Frau Amiris Mutter, hat uns viele persische Gerichte aufgetischt.

Allerdings war ich mal mehr und mal weniger stolz auf meine persischen Wurzeln. Es fiel mir schwer, mich zu entscheiden, ob ich mich eher deutsch oder persisch fühle. Aber warum sollte man das auch abwägen? Ich bin einfach beides. Deutsche oder Ausländerin? „Als Kind habe ich so etwas wie Beleidigungen und Ausgrenzungen überhaupt nicht erlebt“, erzählt Natalie Amiri. Bei mir war das anders. Ich würde nicht sagen, dass es drastisch rassistische Bemerkungen gab, aber ich wurde wegen meiner dunklen Haare und Augen oft nicht als „deutsch“ angesehen. Es stört mich auch immer, wenn Leute fragen, woher ich eigentlich komme oder ob ich vielleicht Türkin wäre. Natalie Amiri hingegen sagt: „In Deutschland werde ich immer als Deutsche wahrgenommen, auch wenn ich einen ausländischen Nachnamen habe.“

Aber wenn es darum geht, wie sie im Iran wahrgenommen wird, hängt es ihrer Erfahrung nach davon ab, wo sie ist. In den Provinzen vermuteten viele, dass sie aus Teheran kommt, weil viele Menschen von dort anders aussehen und moderner gekleidet sind. Und in Teheran fiel sie als „Ausländerin“ auf, weil ihr braunes Haar und ihre braunen Augen heller sind als bei den meisten Menschen dort, und ihr Persisch bei zunehmender Ermüdung fehlerhaft wird.

„Ich wollte immer persischer sein, als ich war“

Natalie Amiri ist nicht persischsprachig aufgewachsen, was sie bedauerte: „Ich fand es schade, weil ich immer persischer sein wollte, als ich war, und die Sprache ist ein Teil davon.“ Erst im Studium lernte sie Persisch. Sie erzählte mir, dass ihr Vater ihr immer noch nicht zutraue, seine Muttersprache zu verstehen. Aus Gewohnheit sprechen sie Deutsch miteinander. Mein eigener Vater hat von klein auf zunächst auf Farsi mit mir gesprochen, aber das wurde nach und nach weniger. Immerhin fing ich mit fünf Jahren an, die persische Schrift zu lernen. Ich bin die Grundschulzeit hindurch einmal in der Woche nachmittags in eine persische Schule gegangen.

Natalie Amiri fühlte sich schon immer zum Iran hingezogen und studierte Iranistik. Nach ihrem Studium arbeitete sie ab 2005 in der deutschen Botschaft in Teheran. Der Job wurde in ihrer iranischen Familie hoch angesehen. Doch ihr Vater hatte jedes Mal Angst um sie, wenn sie das Land verließ. Erst recht, als sie als Journalistin im Iran für die ARD arbeitete. Es war ein „Katz-und-Maus-Spiel“, wie sie sagt, weil sie permanent vom Staat überwacht und an ihrer Arbeit gehindert wurde. „Es ist eigentlich ein Kunstwerk, am Ende einen Beitrag herauszubekommen, der in der ‚Tagesschau‘ gezeigt werden kann. Bei einem TV-Bericht von 1:30 Minuten hat man das Gefühl, dass man unbedingt mit Preisen überschüttet werden muss, aber für den Zuschauer ist das ein ganz normaler Beitrag.“

Wie hat sie es eigentlich geschafft, durchzuhalten, wenn es so viel Gegenwind vom Regime gab? „Du bist so wichtig! Deine Berichterstattung ist so wichtig!“, hätten viele Leute zu ihr gesagt. „Nicht ich als Person, sondern das, was ich für sie tue“, erklärte sie. „Ich hatte die Chance, in einem Unrechtsstaat zu sagen, was der Bevölkerung angetan wurde, und ich setzte nur das um, was ich mir als Teenager fest versprochen hatte – nicht zu schweigen.“ Das war, als sie das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen hatte.

Intensive Befragung am israelischen Flughafen

Natalie Amiri wurde im Iran verhaftet, vom Geheimdienst verhört, durfte das Land nicht verlassen und ihr Pass wurde weggenommen – am 1. Mai 2020 postete sie dann auf Twitter die Nachricht, dass sie ihren Posten als Leiterin des ARD-Studios aufgeben würde. Das Auswärtige Amt hatte dies angeordnet, weil es für sie sonst zu gefährlich geworden wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Iran sie als politische Geisel nehmen würde, war sehr groß. Ob sie jemals wieder einreisen kann, ist unklar. Weil sie einen iranischen und deutschen Pass hat, könnte sie nach iranischem Recht sehr leicht hinter Gitter gebracht werden: „In den Augen des Systems bin ich eine iranische Staatsbürgerin.“

Der iranische Hintergrund kann auch zum Verhängnis werden, wenn man in ein Land wie Israel einreisen will, um dort Urlaub zu machen. So ist es mir ergangen. Als ich auschecken wollte, sah eine Security-Frau meinen persischen Nachnamen auf meinem deutschen Pass und fragte mich sofort, ob mein Vater Perser sei. Nach ein paar weiteren Fragen wurde mir befohlen, zu warten, bis ich zur weiteren Befragung aufgerufen werde, was  eine gefühlte Ewigkeit lang dauerte. Ich war so in Panik! Dann kamen Fragen über Fragen: Wie lange lebt mein Vater schon in Deutschland? Was macht er beruflich? Habe ich noch Verwandte im Iran? War ich selbst im Iran? Als ich schließlich gehen durfte, konnte ich es kaum glauben.

Ob ich wohl selbst nach dem Studium aus der iranischen Hauptstadt berichten werde? Die journalistische Arbeit scheint unter dem neuen ultrakonservativen Präsidenten Raisi noch schwieriger geworden zu sein. Wie wird er, der zusammen mit Khomeini für die Massenhinrichtungen von politischen Gegnern im Jahr 1988 verantwortlich war, sich einmischen, wenn die internationale Presse nicht nach seinen Vorstellungen berichtet? In Deutschland indessen stehen die Chancen als Journalist*in mit Migrationshintergrund sehr gut, denn die Medien streben zunehmend nach interkultureller Kompetenz.

Was ich aus der Begegnung mit Natalie Amiri für die Zukunft mitnehmen kann, ist, dass man als Journalist*in im Iran ein dickes Fell und ein großes Herz für das Land haben muss. In Zukunft würde sie gerne als Korrespondentin in Tel Aviv arbeiten: „Tel Aviv erinnert mich so an Teheran. Die Mentalität der Israel*innen ist der der Iraner*innen sehr ähnlich.“

Madeleine Masoudi studiert Journalismus an der Hochschule Macromedia in Berlin.

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