Volksbegehren und Volksentscheide, aktuell zur Enteignung großer Immobilienkonzerne oder zur autofreien Stadt (Berlin autofrei), sind die Tanker der Bürgerbewegungen: Groß und mächtig, aber langsam und aufwändig zu steuern. Kleine wendige „Schnellboote“ in Sachen Bürgerbeteiligung sind dagegen die in Berlin aktiven Community Organizer:innen. Diese Spezialist:innen werden aktiv, wenn Bürger:innen lokal, in ihrem Umfeld, Forderungen stellen, wenn sie ihre Verkehrsverbindungen erhalten wollen, Lärmschutz fordern oder eine neue Schule im Kiez brauchen. Community Organizer:innen sind Expert:innen im Lobbying, in der Kommunikation und im Netzwerken für die gute Sache – und oft erfolgreich. Mit dem Berliner Community Organizer Murat Künar haben wir über seine Projekte und seine Arbeitsweise gesprochen und darüber, wie er Nimbys („Not in my Backyard“) aus dem Weg geht.

Herr Künar, wie sind Sie zum Community Organizing gekommen?

Murat Künar: Ich war in meiner muslimischen Gemeinde in Berlin-Neukölln sehr aktiv, etwa in der Öffentlichkeitsarbeit. Deshalb hatte ich mich auch engagiert, als es darum ging, den muslimischen Friedhof in der Neuköllner Lilienthalstraße aufzubauen. Der muslimische Friedhof ist übrigens ein gutes Beispiel für ein erfolgreiches Community Organizing. Dabei ging um das legitime Bedürfnis einer gesellschaftlichen Gruppe, nämlich der Muslime in Neukölln, nach einer nahegelegenen Ruhestätte.

Über diese Aktion sind Sie dann beruflich und hauptamtlich ins Community Organizing eingestiegen?

Die für Neukölln zuständige Community Organizerin, Susanne Sander, und der Leiter des Deutschen Instituts für Community Organizing, Leo Penta, hatten mich nach der Aktion gefragt, ob ich es mir nicht auch vorstellen könne, aus diesem Ehrenamt ein Hauptamt zu machen. Ich habe dann meine beiden Jobs, eine Anstellung im Bezirksamt und einen Dozenten- und Workshop-Leiter-Job aufgegeben, um hauptamtlicher Community Organizer zu werden.

Foto: Volkmar Otto
Zur Person

Murat Künar ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur hat er Politikwissenschaften, Soziologie und European Studies in Berlin und London studiert. Seit 2017 ist er beim Deutschen Institut für Community Organizing (Dico) angestellt, das ist ein Institut der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Was fesselt Sie an dem Job?

Mich interessiert am Community Organizing, dass Menschen dabei ihre Belange in die eigenen Hände nehmen, Demokratie leben und dass sie das alles in einem solidarischen Umfeld tun. Am Beispiel des muslimischen Friedhofs bedeutete das, dass dort Christen und Muslime gemeinsam solidarisch aktiv waren und die christliche Gemeinde das sehr stark unterstützt hatte. Als Community Organizer spricht man an einem Tag morgens vielleicht mit einem Vertreter eines Wirtschaftsverbandes, mittags mit einem Bürgermeister und später dann noch mit jemandem aus einer ganz anderen sozialen Schicht. Trotzdem kann man alle drei im Rahmen eines Projektes vernetzen.

Welche Themen haben Sie als Community Organizer noch auf der Agenda?

Wir bauen Bürgerplattformen in bestimmten Regionen oder Bezirken auf. In denen bringen wir Gruppen zusammen, seien es Kirchengemeinden, Moscheegemeinden, Kleingartenanlagen, Schulen oder Kitas. Im weitesten Sinne ist das immer „Zivilgesellschaft vor Ort“, also es sind Menschen mit einem bestimmten Interesse. Die Bürgerplattformen sind frei, sich ihre Themen auszusuchen. Wir, als die Community Organizer des Dico, sind sozusagen ein Kompetenzzentrum für diese Bürgerplattformen. Wir stellen ihnen hauptamtliche Expert:innen zur Verfügung, die sie dann, durch ihre Beiträge an die Dico, auch selbst bezahlen müssen.

Wieviele Bürgerplattformen haben Sie in Berlin?

Wir haben hier vier Plattformen: in Treptow-Köpenick, im Wedding bzw. in Moabit, in Spandau und in Neukölln, seit Kurzem gibt es auch erste Gruppen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Diese Plattformen haben in den letzten Jahren ganz verschiedene Schwerpunkte bearbeitet. In Treptow-Köpenick, der Plattform Südost, ging es zum Beispiel um Wirtschaftsansiedlung und Verkehrsprojekte, im Wedding und in Neukölln eher um Bildungsprojekte, konkret um die Gründung einer freien Schule und um den Erzieher:innenmangel. Die Plattformen agieren aber unabhängig von Themen, jede könnte jedes beliebige Thema wählen. Aber oft geht es um Infrastruktur- und Verkehrsprobleme. Dann kümmern wir uns auch um die gute Erreichbarkeit der Wohnstätte und des Arbeitsplatzes. So waren wir mit der Südost bei zwei Fähren-Themen, bei den Fähren F 11 und F 12, aktiv.

Zum Thema Community Organizing

Community Organizing (CO) ist ein praktischer Handlungsansatz der politischen Stadtteilarbeit. Community Organizer*innen bauen sogenannte Bürgerplattformen auf. Sie knüpfen Beziehungen und vernetzen Gruppen. Dadurch können sich Gruppen zusammen aktiv für ihre Themen einsetzen und ihr Umfeld mitgestalten. CO findet in Deutschland bereits in Berlin, Köln und Duisburg statt. Der bekannteste Community Organizer ist Barack Obama, der in den 80ern als CO in Chicago gearbeitet hat.

Welche Probleme gab es im Zusammenhang mit den Fähren?

Im Köpenicker Ortsteil Wendenschloss haben wir, durch Verhandlungen mit der Politik, der BVG und der Weißen Flotte, dafür gesorgt, dass morgens die zweite Fähre F12 eingesetzt wurde, um die Schüler:innen aus Grünau über die Dahme pünktlich zu ihren Schulen in Wendenschloss zu bringen. Zuvor war die einzige Fähre dort in der Stoßzeit überlastet gewesen und viele Kinder kamen immer wieder zu spät zum Unterricht. Und als 2018 die Spreefähre F11 in Treptow abgeschafft werden sollte, weil die Minna-Todenhagen-Brücke über die Spree gebaut worden war, wurden wir ebenfalls aktiv. Zum Hintergrund: Diese Fähre ist wichtig, weil sie die Erreichbarkeit der Kleingärten auf der Schöneweider Uferseite sicherstellt. Historisch hat sie auch einen Wert, weil sie die erste öffentliche Fähre in Berlin war.

Wie genau sind Sie da vorgegangen?

Wir haben zunächst mit einem Team eine Zählung durchgeführt, um herauszubekommen, wie stark frequentiert die Fähre wirklich ist. Solche Zahlen hatte die BVG jahrelang nicht erhoben, weil es für die Politik ja klar war, dass die Fähre wegkäme, sobald die Brücke fertig sein würde. Nachdem wir zu zählen begonnen hatten und das über die Medien bekannt wurde, setzte dann plötzlich auch die BVG wieder eine Zählung an – die brachte aber keine wesentlich anderen Zahlen als unsere Zählung. Daraufhin gab es dann eine große Aktion mit Pressebeteiligung vor Ort und ein Gespräch mit dem damaligen Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner. Der war zwar kein Freund des Anliegens, ließ sich aber überzeugen und ist heute ein echter Fan einer Nutzung der Wasserwege. Der Fährbetrieb wurde dann zunächst für ein Jahr verlängert und danach in den Nahverkehrsplan aufgenommen. So ist er jetzt bis 2023 gesichert.

Bezahlbares Wohnen ist ein Megathema in Berlin. Gibt es da ein Beispiel aus Ihrer Arbeit?

Ja. Unsere größte Kampagne der letzten Jahre lief im Köpenicker Ortsteil Grünau. Dort kümmern wir uns seit mehr als fünf Jahren um ein großes Wohnungsbauprojekt auf dem Gelände eines ehemaligen Betonwerks. Das soll ein Modell für bezahlbaren sozialen Wohnungsbau in Berlin werden. Das 300.000 qm große Gelände gehört einem privaten Eigentümer, der sich vorstellen kann, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten, um sozial gerecht zu finanzierenden Wohnraum zu schaffen. Wir haben eine Kooperationsvereinbarung mit dem Eigentümer unterschrieben und werben bei allen politischen Gremien, beim Bezirk, bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, beim Regierenden Bürgermeister, bei den Abgeordneten darum, dieses Gelände umzuwidmen: von einem reinen Gewerbegebiet zu einer gemischten Gewerbe- und Wohnnutzung. Mit dem Ziel, dort bezahlbaren Wohnraum für Familien zu schaffen. Ob wir das nochmal angehen werden, entscheiden wir aber erst nach den Wahlen.

Auf Ihrer Website fällt die Diversität Ihres Teams auf. Drei von fünf Kolleg:innen stammen, zumindest dem Namen nach, aus Einwandererfamilien. Sind solche Menschen besonders aktiv im Community Organizing? Es gibt ja das Klischee, dass Migrant:innen nicht genug tun, um ihre Interessen in der Mehrheitsgesellschaft effektiv zu vertreten.

In den Communities, etwa den türkischen und arabischen, gibt es durchaus den Anspruch, den Wunsch und das Bedürfnis, sich zu organisieren und zu engagieren. Genau das ist ja unser Auftrag als CO: Diesen Gruppen einen Zugang zur sogenannten „Mehrheitsgesellschaft“ und zu deren Entscheidungsträger:innen zu öffnen und ihnen dabei zu helfen, ihre Belange und Bedürfnisse dort einzubringen. Und ihnen auch zu zeigen, wie man seine Interessen öffentlichkeitswirksam vertreten und wie man öffentlich wirksam handeln kann. 

Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Wir finanzieren uns aus Mitgliedsbeiträgen der Bürgerplattform-Gruppen, aus Spenden von Unternehmen und Einzelpersonen sowie aus Stiftungs- und Projektgeldern.

In welchen Bundesländern und Städten sind CO bisher aktiv?

Bisher in Berlin und in NRW, dort in Duisburg und in Köln.

Es gibt den Kampfbegriff der Nimbys , der „Not In My BackYard“-Bürger:innen. Nimbys sind, fast egal um was es geht, grundsätzlich gegen alle Infrastrukturmaßnahmen in ihrem Wohnumfeld, seien sie auch noch so sinnvoll. Wie groß ist die Gefahr, als CO von Nimbys instrumentalisiert zu werden?

Wir arbeiten anders. Wir würden als Community Organizer:innen immer darauf hinweisen, wenn uns eine Kampagne oder Aktion unrealistisch erscheint. Und darauf, dass es mehr Sinn macht, sich zunächst mal mit einem Infrastrukturprojekt inhaltlich auseinanderzusetzen oder mit einem Investor zu sprechen, bevor man aktiv wird. Wir pflegen im CO eine grundsätzlich konstruktive Herangehensweise. „Gehe niemals zur Macht ohne eine Lösung!“ Nimbys brauchen immer nur „Nein“ zu sagen, wir sagen stattdessen, wie es anders sein sollte.

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