Corona-Debatte: Viele Wissenschaftler haben es verlernt, ihre Position kritisch zu reflektieren

Die Universitäten sollen eigentlich kritische Begleiter eines gesellschaftlichen Alltags sein. Doch diesem Anspruch werden sie oft nicht gerecht. Ein Gastbeitrag.

Eine Lungenfunktionskontrolle bei einer Patientin.
Eine Lungenfunktionskontrolle bei einer Patientin.Sebastian Gollnow/dpa

Dieser Text ist Teil der Serie „Corona-Debatte“. Alle Texte dazu finden Sie hier.

„Die Technische Universität Graz bemüht sich aktiv um Vielfalt und Chancengleichheit. Bei der Personalauswahl dürfen Personen aufgrund des Geschlechts, der ethischen Zugehörigkeit, der Religion oder der Weltanschauung, des Alters oder der sexuellen Orientierung nicht benachteiligt werden (Antidiskriminierung).“

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„Als Universität ist uns der Schutz der Gesundheit unserer Studierenden und Mitarbeitenden sehr wichtig. Aus diesem Grund wird Bewerberinnen und Bewerbern mit Nachweis einer vollständigen Covid-19-Schutzimpfung bei gleicher fachlicher Eignung der Vorzug gegeben.“ Technische Universität Graz, Online-Bewerbungsportal.

Wissenschaftsgläubigkeit

Ein Aspekt, der meines Erachtens auch in der sehr wichtigen Corona-Debatte in der Berliner Zeitung zu kurz gekommen ist, ist folgender: Grundsätzlich fehlt in Deutschland ebenso wie in Österreich eine fundierte Reflexion darüber, wie wir ÜBER Wissenschaft reden, was für ein naives Bild wir in der Öffentlichkeit oftmals von Wissenschaft haben und wie sich Forschung vor allem zur Sphäre der Politik und der Macht verhält. Und was in unseren Universitäten und anderen akademischen Institutionen so passiert. Oder eben nicht (mehr) passiert.

Während insbesondere die 1960er- bis 1980er-Jahre in öffentlichen Diskussionen vielfach von einer fundierten Wissenschaftsskepsis und Technikkritik geprägt waren – was mit den dunklen Machenschaften verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun hatte –, wurde seitdem mehr und mehr eine Ideologie reaktiviert, die man als Szientismus bezeichnen kann.

Es ist die Absolutsetzung von Wissenschaft und Technik, der Glaube an „die“ Wissenschaft, die Behauptung ihrer Objektivität, ganz so, als müsste man Zahlen und Daten gar nicht interpretieren, als gäbe es einen absoluten Punkt, von dem aus die Wissenschaft operiert. Ein naiver Fortschrittsglaube, wie er sich schon in der Zeit der Erfindungen und der aufkommenden Industrialisierung etabliert hatte; er war wieder zurück und hat sich stets erweitert und verfestigt. Durch den Materialismus, durch einen „Law-and-Order-Rationalismus“ und durch den breiten Einsatz der Maschinen- und Computermetaphern für das Leben, den Körper und das Wirken des Menschen.

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Foto: privat
Zum Autor
Jan David Zimmermann, geboren 1988, ist Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftsforscher. Er studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien sowie Germanistik, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie an der Universität Wien. Zimmermann ist seit ca. 10 Jahren (mit Unterbrechungen) literarisch, künstlerisch und wissenschaftlich tätig. 2022 erschien seine Novelle „Den Schatten im Rücken“ (Sisyphus-Verlag) und der Gedichtband „Das Licht vermehrt die Finsternis“ (Verlag ars vobiscum). Seit 2021/22 gibt es regelmäßige journalistische Beiträge auf seinem Blog „Megamaschine“ sowie Radiobeiträge bei Kontrafunk – Die Stimme der Vernunft. Zimmermann ist außerdem Autor und Redakteur bei dem neu gegründeten Stichpunkt-Magazin. www.jandavidzimmermann.com

Wer bestimmt, wer sich auskennt?

Mit Corona kam es zu einem Steigerungspunkt dieses Denkens. In der Gegenwart gab es plötzlich keinen Lobbyismus, keine Experimente, keine Frankensteinforschung mehr. Das lag alles weit hinter uns, in der Vergangenheit. „Trust Science“, „Follow the Science“ waren nur zwei von vielen Schlagworten, die klarmachten, wir sollten den „Experten“ vertrauen, aber ja nicht zu viel über alles nachdenken. „Die werden es schon wissen“, ja, „die werden nach bestem Wissen und Gewissen handeln“. Und abweichende Meinungen sind ohnehin Verschwörungstheorien, damit soll man sich gar nicht erst beschäftigen. Ein regelrecht antiaufklärerischer Ansatz, der die Expertokratie vor die Demokratie stellt. Wer sich „nicht auskennt“, soll die Schnauze halten. Die Frage ist: Wer bestimmt, wer sich auskennt? Jan Böhmermann? Sascha Lobo?

Im Sinne dieses szientistischen Bildes ist es jedenfalls nur die Wissenschaft, die die Probleme auf der Welt lösen kann. Krankheiten und Pandemien, die Klimaproblematik, die Frage der fossilen Brennstoffe: Alles soll durch Wissenschaft und mittels technischer Produkte gelöst werden. Internationale Großkonzerne und das Silicon Valley standen in den Startlöchern und rieben sich die transhumanistischen Hände.

Corona-Expertokratie: Die guten Priester und die Ketzer

Die Wissenschaft tritt im Szientismus als Heilslehre auf und die Experten sind letztlich unsere Priester. Wer aber den Priester hinterfragt, der hinterfragt auch Gott. Und das darf natürlich nicht sein.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, 
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, Christophe Gateau/dpa

Das hat man auch daran gesehen, wie plötzlich alle an den Lippen von Expertinnen und Experten hingen. Der Autor dieser Zeilen wurde hellhörig, als mehr und mehr zu bemerken war, dass all jene Forschende, die sich übertrieben stark und unverhältnismäßig für Impfungen, für Lockdowns, Masken, usw. aussprachen, allesamt Menschen waren, die sich noch inmitten des wissenschaftlichen Systems, oft gar am Höhepunkt ihrer Karrieren befanden und in den Beratungsgremien der Regierung saßen. Auch hatten diese Akteure offenkundig Verbindungen zu Pharmafirmen oder waren in eigenartige wissenschaftliche Machenschaften involviert. An diesem Punkt hätten vor allem Medien der Finanzierung von Forschung nüchtern nachgehen müssen. Das ist vielfach nicht geschehen.

Die kritischen Experten-Stimmen hingegen waren fast alle emeritierte (also pensionierte) Universitätsprofessoren oder „Aussteiger“ aus dem Wissenschaftssystem und nunmehr weitgehend unabhängig von Universitäten, Pharmafirmen und wissenschaftspolitischen Graben- und Machtkämpfen. Wer ist wohl weniger befangen?, kann man naiv fragen.

Kritik an gängigen Lehrmeinungen

Wenn es aber kritische Stimmen aus dem bestehenden System selbst gab, so wurden sie vielfach unterdrückt, gecancelt, niedergemacht, verunglimpft. Auch das ist mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte leider nichts Neues; die Figuren des Häretikers, des Ketzers und der Hexe wurden durch die Jahrhunderte immer wieder neu aufgelegt.

So war es genau genommen immer, wenn orthodoxes Wissen kritisiert und angezweifelt wurde, wenn also das herrschende Wissen angezweifelt wurde. Was wir als Gesellschaft aber nicht verstehen wollen, ist, dass so, und nur so tatsächlicher wissenschaftlicher Fortschritt funktionieren kann: Durch die innovative Kritik an gängigen Lehrmeinungen (Paradigmen). Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von Außenseiterinnen und Außenseitern, die die Wissenschaften dadurch revolutioniert haben, dass sie nicht in den gängigen Mustern der institutionalisierten Wissenschaft dachten.

Wo ist die Debattenkultur auf den Universitäten?

Corona hat einmal mehr klargemacht, wie willfährig akademische Institutionen sich mit den Vorgaben des Staates, der Politik synchronisieren und wie stark auf Universitäten und Akademien Konformismus und Duckmäusertum vorherrscht. Der oftmals so beschworene offene und kritische Diskurs auf den Unis war vielleicht einmal, ist jedoch nur mehr ein Schatten seiner selbst. Das ist eigentlich ein Aspekt, über den so gut wie nie debattiert wird: Was passiert auf unseren Universitäten, was für ein Denken wird dort durch den Bologna-Prozess, durch ECTS-Punkte, durch straffe Curricula, angebliche Exzellenzcluster und manisches Drittmittel-Gehamstere forciert?

Räuchermännchen, die dem Virologen Christian Drosten ähneln, stehen in der Werkstatt "Spielwarenmacher Günther" in Seiffen. Die Figur ist erst wenige Monate alt und soll schon einen Platz im Haus der Geschichte in Bonn erhalten.  
Räuchermännchen, die dem Virologen Christian Drosten ähneln, stehen in der Werkstatt "Spielwarenmacher Günther" in Seiffen. Die Figur ist erst wenige Monate alt und soll schon einen Platz im Haus der Geschichte in Bonn erhalten. Hendrik Schmidt/dpa

Ich möchte gerne eine kurze Antwort geben: Produziert werden vielfach „triviale Maschinen“, wie es der Wissenschaftstheoretiker Heinz von Förster einmal mit Blick auf das gesamte Bildungssystem thematisierte. Triviale Maschinen sind Maschinen, wo der Output weitgehend dasselbe ist wie der Input. Soll heißen, dass Eigenständigkeit im Denken nicht gefördert wird, sondern das Nachbeten von Inhalten, formelhaftes Verfassen von Texten nach vorgefertigten Schemata und dergleichen.

Prekäre Arbeitsverhältnisse, Projekthopping, Kettenverträge

Das Problem ist dabei, dass zwar vielfach von Wissenschaftlichkeit geredet wird, dass es aber vielfach gar nicht mehr um Wissenschaftlichkeit geht. Es geht an den Universitäten um Strukturen, um formale Kriterien, fristgerechte Berichte und vor allem um die Sammlung von Funktionen; als Leiter in dem und dem Projekt, kooptierter Forscher, Advisory-Board-Mitglied, Taskforce-Mitarbeiter usw.

Doktorand Lennart Kaemper arbeitet in einem Forschungslabor des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg an einer Sterilwerkbank. 
Doktorand Lennart Kaemper arbeitet in einem Forschungslabor des Instituts für Virologie der Philipps-Universität Marburg an einer Sterilwerkbank. Arne Dedert/dpa

Die Universitäten sind Verwaltungseinheiten von Strukturen und Funktionen geworden und die Universitätslehrenden sind Verwalter von Finanzen und Ressourcen. Inhalte sind nebensächlich. Auch die Thematik des Genderns, der Political Correctness, der Trans-Toiletten und der Antidiskriminierungsstellen sind mit Blick auf das Eingangszitat der Technischen Universität Graz ein Witz. Denn Antidiskriminierung geschieht fast ausschließlich mittels identitätspolitischer Brot und Spiele, wo sich die Studierendenvertretungen austoben können wie Kinder auf einer Spielwiese aus Plüsch. An den strukturellen Problemen der Universität wird nichts geändert. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Projekthopping, Kettenverträge finden weiter statt, aber Hauptsache mit mehr als fünfzehn Pronomen und 72 Geschlechtern.

Wissenschaft im Dienste der Herrschenden

Und als wäre diese neoliberale Bologna-Ent-Geistung (die zugleich eine intellektuelle Entkernung ist) nicht schlimm genug, so gesellt sich nun zusätzlich noch eine Entwicklung hinzu, wo auf Basis von politischem Aktivismus, Meinungsmache und Denunziantentum Karrieren aufgebaut werden. Willfährige Wissenschaftler gebärden sich als Zuarbeiter für die Herrschenden und betreiben Legitimationsarbeit für einen autoritär auftretenden Staat.

Protagonisten wie Armin Nassehi, Heinz Bude, Oliver Nachtwey, Caroline Amlinger oder Florian Aigner und Nataschsa Strobl in Österreich fungieren als politiknahe Steigbügelhalter eines einseitigen Regierungsnarrativs. Es darf keine Grautöne und keine Schattierungen geben, jede Maßnahmenkritik ist libertär-autoritär, jede Skepsis automatisch wissenschaftsfeindlich und breite Kontextualisierungen oder die Frage nach Netzwerken und Lobbyismus sind ausschließlich Verschwörungsglaube. So war es bei Corona, aber so ist es auch bei anderen Themen. Die Wissenschaft unterstützt das hegemoniale Denken.

Wenn wir Corona aufarbeiten wollen, dann müssen wir auch über dieses Wissenschaftsbild sprechen, das sich hier Bahn gebrochen hat. Denn wir brauchen keine Priester, die uns sagen, wie die Dinge liegen. Wir brauchen mündige Bürger und wir brauchen Forschende, die die eigene Position reflektieren können, differenziert und ergebnisoffen ihren Untersuchungsgegenstand ansehen und Befangenheiten gegebenenfalls offenlegen. Letztlich braucht es aber nicht weniger als eine zweite Aufklärung. Diesmal ist die Wissenschaft als Religion, der Szientismus, auf dem Prüfstand.

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