Corona, Kirche, Kultur: Wie der Berliner Dom mit den derzeitigen Krisen umgeht

Der Berliner Dom ist eines der berühmtesten Wahrzeichen der Stadt. Corona hat die Gemeinde vor einige Herausforderungen gestellt. Wie werden diese gemeistert?

Gottesdienst im Berliner Dom
Gottesdienst im Berliner Domdpa/Christophe Gateau

Christlieb Klages ist Vorsitzender des Domkirchenkollegiums Berlin. Er berichtet über die Herausforderungen und Besonderheiten seiner ehrenamtlichen Tätigkeit.

Herr Klages, Sie wohnen in Berlin-Zehlendorf – wie kam es eigentlich, dass Sie sich der Dom-Gemeinde in Mitte angeschlossen haben und sich dort engagieren?

Als Chorsänger verbringt man Sonntage häufiger in der Gemeinde, in der ein Chor beheimatet ist, als in seiner Gebietsgemeinde. Und so habe ich nach einigen Jahren als Sänger der Berliner Domkantorei um Aufnahme in die Personalgemeinde der Oberpfarr- und Domkirche ersucht. Zuvor hatte ich bereits beruflich zu tun mit dem Dom und irgendwann wurde ich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, mich zu engagieren, und wurde gleich als Ersatzältester gewählt. Das war zunächst eine komfortable Position. Ich leitete den Personalausschuss, war aber im Übrigen frei, an den Sitzungen des Domkirchenkollegiums, so heißt der Ältestenrat bei uns, teilzunehmen. Als dann vor zwei Jahren der damalige Vorsitzende und sein Stellvertreter zugleich ausschieden, wurde mir das Amt angetragen. Da wir mitten in der größten Krise seit Bestehen des Doms steckten, habe ich das Amt angenommen.

Der Berliner Dom mit seiner Hohenzollerngruft ist ein wahres Universum, das es zu entdecken gilt – spüren Sie die besondere Verantwortung für die Domgemeinde und können Sie kurz die Größe skizzieren?

Kurz geht nicht: Der Berliner Dom gehört der Gemeinde. Die eingehenden Kirchensteuern bilden einen Bruchteil unseres Etats. Wir hatten vor der Pandemie 54 feste Mitarbeiter und beschäftigten zudem zahlreiche Kräfte über Dienstleistungsunternehmen, etwa Security und Reinigung. Wir hatten drei Pfarrstellen, zwei hauptamtliche Kirchenmusiker, eine Dombaumeisterin, Archivar, Geschäftsführer, Veranstaltungsmanager und weitere Mitarbeiter, für deren Gehälter wir selber aufkommen. Wir sind geschrumpft auf 34 feste Mitarbeiter, die nun die Arbeit erbringen, die vorher von 54 Mitarbeitern erbracht wurde.

Berliner Dom
Berliner Domdpa/Britta Pedersen

Die Verkündungsarbeit wird durch die Einnahmen finanziert, die wir aus unserer gewerblichen Tätigkeit erlösen. Der Berliner Dom ist unter den Top drei der Berliner Sehenswürdigkeiten und Hunderttausende besuchen den Dom jedes Jahr, der Erlös aus dem Verkauf von Eintrittskarten, die sogenannte Domerhaltungsgebühr, erlaubt uns ein wirtschaftlich unabhängiges Handeln. Der in Pandemiezeiten versiegende Strom an Touristen hat uns vor große Probleme gestellt. Ausgebaut haben wir unser digitales Engagement. Jeder Gottesdienst wird übertragen, entweder gestreamt, über die Seiten des Berliner Doms oder Facebook, oder gesendet, etwa auf Bibel TV. Damit haben wir viele Anhänger gewonnen, bundes- und auch weltweit.

Denken Sie an die Expats, deutsche Manager oder Diplomaten, die im Ausland wohnen und die nun sonntags unsere Gottesdienste verfolgen können. Wir erhalten Zuschriften aus New York ebenso wie aus Australien. Die Gruft des Berliner Doms gehört zudem zu Europas bedeutsamen Grablegen. Sie wird gerade aufwendig renoviert und ist der Öffentlichkeit sicher 2024 wieder zugänglich. Zudem sitzt am Dom die Lebensberatung, eine Einrichtung der Offenen Tür Berlins, in dem wir niedrigschwellige Beratung denjenigen anbieten können, die dringlichen Rat und Hilfe benötigen.

Vor der Pandemie hatten wir zudem über 100 Veranstaltungen im Jahr, Konzerte und Lesungen. Der Wirtschaftsbetrieb erfordert in diesen Zeiten viel Aufmerksamkeit, Miese können wir uns nicht leisten. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit macht uns stolz, manche sehen in uns ein „role model“ für die Kirche. Aber nicht jede Kirche verfügt über die Voraussetzungen wie wir und zudem ist ein Wirtschaftsbetrieb in dieser Größe auch eine ordentliche Herausforderung, besonders in diesen Krisenzeiten.

Wie würden Sie die Gemeinde beschreiben, für die Sie ehrenamtlich Verantwortung tragen?

Der Berliner Dom ist ein lebendiger Ort des christlichen Glaubens. Zu ihr gehören zurzeit rund 1700 Frauen, Männer und Kinder und es werden jeden Monat mehr. Die Domgemeinde ist eine Personalgemeinde, das heißt jeder getaufte evangelische Christ, die oder der in Berlin wohnt, kann Mitglied der Domgemeinde werden. Dazu können Sie einen Aufnahmeantrag stellen und werden zu einem Kennenlerngespräch mit einem der Domprediger eingeladen. Der Dom ist eine Kirche für Christen in der ganzen Stadt. Zudem ist unsere Netzgemeinde stark gewachsen. Einige Tausend Gläubige, die sich uns und unseren Gottesdiensten stark verbunden fühlen, folgen uns sonntags aus allen Teilen Deutschlands und der Welt.

Sind Sie mit der Beteiligung der Kirchengemeindemitglieder zufrieden im Dom?

Alle unsere Gemeindeglieder haben sich irgendwann ganz bewusst für den Berliner Dom entschieden, sie wollen dazugehören und ein aktiver Teil dieser Gemeinschaft sein. Die Zahl unserer ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer ist dementsprechend hoch. Ob beispielsweise Kindergottesdienst, spirituelle Workshops oder Taizé-Andachten – überall engagieren sich Frauen und Männer aus der Gemeinde. Auch kommen zu den sonntäglichen Gottesdiensten und Veranstaltungen und Festen in der Regel sehr viele Gemeindemitglieder. Ohne dieses Heer an Ehrenamtlichen hätten wir in Pandemiezeiten keine Gottesdienste feiern können.

Auch Chöre und Orchester aus kleineren Gemeinden, wie der Johannesgemeinde Schlachtensee, waren immer wieder zu Gast im Dom – was macht einen Auftritt im Dom aus Ihrer Sicht aus?

Über hundert Konzerte und Veranstaltungen finden jedes Jahr im Berliner Dom statt. Neben der Philharmonie, dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt und den Opernhäusern gilt der Berliner Dom als Topadresse unter Musikfreunden – deshalb ist ein Auftritt im Dom für jeden immer etwas Besonderes. Die Wiener Symphoniker kommen einmal im Jahr, aber auch andere berühmte Chöre und Organisten geben sich bei uns die Klinke in die Hand. Die Atmosphäre ist so einzigartig wie das Echo – alle Musiker müssen schnell lernen, damit umzugehen. Die Predigtkirche, in der die Konzerte stattfinden, bietet mit der lichten Höhe von knapp 100 Metern bis zur Kuppel ein einzigartiges Ambiente.

Das Leitungsgremium des Berliner Doms heißt Domkirchenkollegium, ihm gehören acht Männer und Frauen an, die Mitglieder der Gemeinde sind und von dieser für jeweils sechs Jahre gewählt werden. Die Arbeit im Domkirchenkollegium ist ehrenamtlich – als Vorsitzender dieses Gremiums, schildern Sie doch mal den Umfang Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit?

Zum Domkirchenkollegium gehören zudem noch die zwei Domprediger und je eine Vertreterin oder ein Vertreter der Union Evangelischer Kirchen (UEK), der Landeskirche (EKBO), der Bundesregierung und des Berliner Senats an. Außerdem nehmen der Vorsitzende des Gemeindebeirats und die Ehrenamtsvorsitzende als ständige Gäste mit beratender Stimme an den monatlichen Sitzungen teil. Schon aus diesem Grund sind die Sitzungen vielleicht etwas formeller als in anderen Gemeinden.

Mitglieder des Staats- und Domchors singen auf den Stufen vor dem Berliner Dom nach einem Gottesdienst.
Mitglieder des Staats- und Domchors singen auf den Stufen vor dem Berliner Dom nach einem Gottesdienst.dpa/Carsten Koall

Wirtschaftliche Themen bilden fast in jeder Sitzung einen Schwerpunkt. Wir haben Ausschüsse, die diese Themen vorbereiten. Die Ausschüsse empfehlen dann dem Gremium, bestimmte Beschlüsse zu fassen. Die Themen werden von den jeweiligen Vorsitzenden der Ausschüsse dem Gremium vorgetragen. Eine straffe Führung dieser Sitzung sorgt dafür, dass die Mitglieder im Domkirchenkollegium nicht bis in den Morgen tagen. Wir haben Bau-, Personal-, Finanzausschuss und kirchliche Ausschüsse.

Was sind dabei die größten Probleme?

Gerade in diesen Zeiten braucht es kurze Wege, schnelle Entscheidungen und große Übereinstimmung bei Entscheidungen. Es findet ein reger, täglicher Austausch statt zwischen dem geschäftsführenden Domprediger, unserem Geschäftsführer und mir. Entscheidungen müssen auf breiten Schultern stehen, die Krise ist der Feind, im Innenverhältnis muss es passen, sonst verliert man zu viel Energie. Einen Pfarrer, der sagt, lass mich mit den Zahlen zufrieden, können wir nicht gebrauchen; haben wir auch nicht.

Wir finanzieren die Verkündung aus eigenen Mitteln, also ist ein gesundes Wirtschaften zugleich im unmittelbaren Interesse der Domprediger. Zwei Domprediger erledigen die Aufgaben, die zuvor drei erbracht haben, 34 Mitarbeiter den Job, den zuvor 54 erbracht haben, und bei den ehrenamtlich Tätigen hat der Workload durch Corona erheblich zugenommen. Wer so viel von anderen erwartet, muss auch selber Einsatz bringen. Kurzum: Krise ist stressig und wir sehnen uns nach ruhigerem Fahrwasser.

Mit Mundschutz kommen Gemeindemitglieder im Berliner Dom zu einem Gottesdienst.
Mit Mundschutz kommen Gemeindemitglieder im Berliner Dom zu einem Gottesdienst.dpa/Christophe Gateau

Wie hat Corona Kirche im Dom verändert?

Der Wegfall der Besucher hat uns 90 Prozent unserer Einnahmen gekostet. Viele Gläubige sorgen sich um ihre Gesundheit und verfolgen uns an den Bildschirmen. Der digitale Ausbau ist rasant.

Der prachtvolle Neorenaissance-Kirchenbau mit seiner imposanten Architektur, den vier Türmen, der knapp 100 Meter hohen Kuppel und dem goldenen Kreuz ist eines der Wahrzeichen Berlins – welchen Aufwand betreiben Sie, um das Gebäude zu erhalten?

Wir unterhalten ein Dombaubüro, haben Architekten angestellt, eine tolle Dombaumeisterin steht dem Büro vor. Die Gruft wird in zweistelliger Millionenhöhe saniert und der Erhalt ist wie bei einem Stahlschiff: Man fängt vorne an zu pinseln und wenn man hinten angelangt ist, rostet es vorne schon wieder. Immer kommt irgendwo was runter, das Dombaubüro bewältigt täglich große Herausforderungen. Der Dom ist 100 Meter hoch, über 6000 Quadratmeter groß und hat 550 Zimmer.

Die Dompredigerin Dr. Petra Zimmermann und Domprediger Michael Kösling als geschäftsführender Domprediger sind derzeit die Pfarrer am Berliner Dom. Sie leiten die Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen sowie die Samstagabendvesper und die Taizé-Gottesdienste …

…. und beide Domprediger haben zudem einen eigenen Schwerpunkt der Verkündigungsarbeit, der ihnen besonders am Herzen liegt. Dompredigerin Zimmermann setzt sich für den Dialog mit der Evangelischen Akademie sowie für die bildende Kunst am Berliner Dom ein. Viel beachtete Ausstellungen und Installationen erweitern die Bildsprache des Berliner Doms. Domprediger Kösling ist geschäftsführender Domprediger, leitet die Konfirmandenzeit, plant und leitet Gottesdienste mit stadtweiter Ausstrahlung für Schülerinnen und Schüler, organisiert die Kindergottesdienste und entwickelt Formate für Familien. Wir sind dankbar für das große Engagement beider Prediger.

Petra Zimmermann, Dompredigerin am Berliner Dom
Petra Zimmermann, Dompredigerin am Berliner Domdpa/Christophe Gateau

Nicht jeder darf im Dom predigen – wer hat das Predigtrecht noch?

Predigtrecht am Berliner Dom haben außer den Dompredigern der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, die Leiterin des Amtes der UEK, Bischöfin Petra Bosse-Huber, sowie der Berliner Landesbischof, Dr. Stäblein. Weiterhin erfreut sich der Dom einer Vielzahl prominenter Gastpredigerinnen und Gastprediger. Dazu gehören neben den Bischöfinnen und Bischöfen der EKD auch Professorinnen und Professoren der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität sowie andere Prediger:innen aus dem In- und Ausland. Doch nicht nur evangelische Prediger, auch Vertreter anderer Konfessionen sind regelmäßig zu Gast im Berliner Dom. Ein Ausflug in den Dom – ein lohnendes Ziel. Ganz bestimmt.

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