Schaut man sich an, was der Hoffnungsträgerin der Grünen bei der diesjährigen Bundestagswahl alles vorgeworfen wird, so bildet sich ein Muster heraus, das nicht auf die einzelne Verfehlung abzielt, sondern auf deren Summe und damit die Unzuverlässigkeit der Kandidatin. Sie erscheint als ungeeignet für den Chefsessel im kommenden Bundeskabinett.

Einige Wochen zuvor war der Fokus auf die gleiche Person gerichtet und die Gleichen, die jetzt Baerbock fürs angestrebte Amt für zu leicht befinden, waren damals voll des Lobes. Gegen Ende des Jahres 2020 nahmen die Stimmen zu, die bei Baerbock mehr inhaltliche Tiefe sahen und ihr die „Substanz“ zubilligten, die bei Habeck vermisst wurde, weil sich dieser in wenigen Interviews, als partiell uniformiert gezeigt hatte. Tempi passati. Was im April galt, soll im Juli nun nicht mehr gelten. Schuld sei allein die Kandidatin.

Während die früheren Fans bitterlich enttäuscht sind, weil sich ihre überbordenden Erwartungen nur an der Wirklichkeit blamieren konnten, führen die Gegner eine Art letzte Schlacht um die Verlängerung des Status quo beziehungsweise eine Abwehrschlacht gegen alle, die meinen, dass die Erderwärmung mit allen Mitteln gestoppt oder zumindest abgebremst werden muss. Sie setzen auf Laschet und Scholz und die erprobten Verfahren der Durchsetzung gegenüber willfährigen Politikern und Politikerinnen.

Es geht um die Integrität der Spitzenkandidatin

Weil sie bei den Grünen nicht sicher sind, wie pragmatisch diese am Ende wirklich sein werden, gehen diese Leute auf Nummer sicher, und der Angriff zielt dann auch nicht gegen die befürchtete Politik, sondern auf die Integrität der Spitzenkandidatin.

Bereits in den Wahlkämpfen der Vergangenheit waren die Angriffe auf die Integrität der Kandidaten das Erfolgsmodell der Grünen-Gegner. Man erinnere sich nur an die Angriffe auf Jürgen Trittin. Pars pro toto sei hier Focus-Online vom 16. September 2013 zitiert: „‚Trittin war Teil des Pädophilie-Kartells bei den Grünen und ist als Frontmann untragbar‘, sagt Dobrindt.“

Für diejenigen, die sich nicht erinnern: 1981 war Jürgen Trittin Stadtratskandidat der Alternativ-Grüne Initiativen-Liste (AGIL) in Göttingen und zugleich presserechtlich Verantwortlicher des Programms der AGIL. Da der Programmabschnitt „Schwule und Lesben“ auch die Forderung nach Straffreiheit von einvernehmlichem Sex zwischen Kindern und Erwachsenen enthielt, war der Weg frei, aus der presserechtlichen, eine persönliche Verantwortung zu machen. 

Mit dem Rücken zur Wand

Natürlich ging es nicht um Kinderschutz, sondern um das Abgabenkonzept der Grünen. Dieses sah vor, Reiche und Wohlhabende stärker zu belasten und zugleich 70 Prozent der Bevölkerung zu entlasten. Trittin hatte maßgeblichen Anteil an diesem Steuerkonzept und deswegen war es ideal, ihn als Wegbereiter sexuellen Missbrauchs an Kindern zu denunzieren.

Die Grünen standen damals ob des Themas bereits mit dem Rücken zur Wand und mussten ziemlich hilflos mit ansehen, wie sich die eigene Anhängerschaft vom Vorhaben abwandte, auf die Grünen mit ihrer Stimme für eine bessere Welt und ein besseres Gewissen einzuzahlen.

Zurück ins Hier und Jetzt hat sich zwar das Pädophilie-Thema vorläufig verbraucht, nicht aber die hehren Erwartungen an die Grünen und ihr Personal. Für jeden Strategen der „Gegenseite“ ist klar, dass es wenig Sinn macht, die Grünen im programmatischen Zentrum anzugreifen, wenn Wirkungstreffer erzielt werden sollen. Diese müssen gegen die Person gespielt werden und sie müssen empörungsfähig sein.

Die begeisterte Berichterstattung vor der Kandidatenkür sorgte für Fallhöhe

Das konnte bei Annalena Baerbock besonders leicht gelingen, weil die himmelhoch jauchzende Vorkandidatenkür-Berichterstattung für genügend Fallhöhe gesorgt hatte. Ein Phänomen, das die SPD besonders krass mit Martin Schulz 2017 erlebt hatte.

Als deutlich wurde, dass Baerbock neben eigenem Idealismus auch für sich zu sorgen wusste, nahmen die Enttäuschungen zu. Nebeneinkünfte, Corona-Bonus und deren verspätete Meldung beim Bundestagspräsidium, knapper Lebenslauf, versemmelte Dissertation und großzügige Alimentierung dieses Versuchs wissenschaftlichen Arbeitens nahm die Anhängerschaft bereits sehr übel. Und dann hat Baerbock auch noch ein Buch („Jetzt: Wie wir unser Land erneuern“) bei Ullstein unter ihrem Namen erscheinen lassen und dabei übernommene Formulierungen nicht kenntlich gemacht.

Man darf sicher sein, dass noch mehr skandaliert werden wird, und nichts davon wird aus der Parteivorsitzenden, die zusammen mit ihrem Ko-Vorsitzenden Robert Habeck aus den Grünen die zweitstärkste politische Kraft gemacht hat, eine andere Person machen. Aber die Perspektive ist eine andere und diese entfremdet die erfolgreiche Parteivorsitzende von ihrer Basis.

Wer vom Pfad der Tugend abweicht, wird nie milde beurteilt

Die erfolglose Dissertation hat der Steuerzahler via parteieigener Stiftung 39 Monate lang mit jeweils 1050 Euro beziehungsweise insgesamt knapp 41.000 Euro honoriert. Das schafft Neid bei all denjenigen, die ohne solche Zuwendungen promoviert wurden oder die durch ihren Fleiß und ihre Steuerzahlungen solch Gebaren finanzieren. Und die konstruierte Nähe zum Baerbock-Buch sorgt für Assoziationen mit zu Guttenberg und Giffey. Stichwort: Betrug und Diebstahl geistigen Eigentums.

Man kann die Sache natürlich auch ganz anders betrachten: Die Sonderzahlungen entstanden, weil Baerbock wegen ihrer Abgeordneten-Bezüge nicht für ihre Parteisprecherinnen-Tätigkeit entlohnt wurde und deswegen wenigstens an Sonderzahlungen partizipieren sollte. Der Corona-Bonus wurde für alle bei der Partei angestellten Personen gewährt, deswegen auch für Baerbock und Harbeck. Ein Promotionsstipendium wird als verlorener Zuschuss gewährt und ist weder erfolgs- noch notenabhängig und Parteipolitiker-Schriften, die nur Texte ohne besondere individuelle Note (Schöpfungshöhe) übernehmen, verletzten keine Rechte Dritter.

Beide Sichtweisen sind so richtig wie falsch. Aber um richtig oder falsch geht es nicht, sondern darum, wie überzeugend die Einwände gegen Baerbock bei ihren eigenen Anhängern wirken.

Es reicht ja schon, dass Grünen-nahe Beobachterinnen und Beobachter auf den Kritikzug aufspringen und dabei eine besondere Obsession entwickeln, die typisch für Enttäuschte ist. Wer für sich selbst lange in Anspruch nahm, die Welt aus den hohen Höhen der besseren Moral zu betrachten und zu bewerten, der kann sicher sein, dass bei Abweichungen vom Pfad der Tugend die Beurteilung niemals milde ausfallen wird. Das, was bei den anderen nicht der Erwähnung wert wäre, wird bei den Grünen, als Partei des Herzens, besonders übel genommen.

Milliarden von Euro verbrannt

CDU und SPD haben in Hamburg und Schleswig-Holstein hohe Milliarden-Euro-Summen für und mit der HSH-Nordbank verbrannt. Der Bürgermeister und heutige SPD-Kanzlerkandidat hatte ein offenes Ohr für einen ehemaligen Konsorten, der maßgeblichen Anteil am Erhalt der Reederei Hapag Lloyd am Standort Hamburg hatte und der mittlerweile – wie es scheint – CumEx-Geschäfte auch zum Nachteil der Stadt betrieben hatte und nun befürchtete, dass die Stadt ihm einen Teil der Beute via Finanzamt wieder abnehmen könnte. Der Mann wurde erhört. Olaf Scholz kann sich ganz genau an nichts erinnern. Bei der SPD gingen Spenden ein und der Hamburger Senat leugnete Treffen, die der Mann – Christian Olearius – allerdings seinem Tagebuch anvertraut hatte, nicht wissend, dass dieses eines Tages durch Beschlagnahme den Weg zu Staatsanwaltschaft finden könnte.

Als Wirecard einräumen musste, dass ihr gerade 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanz gebröselt waren, nestelte das Bundesfinanzministerium von Olaf Scholz noch am 23. Juni 2020 eifrig an Rettungsplänen für die Anstalt. Bei der KfW-Tochter IPEX-Bank wurde durch Staatssekretär Jörg Kukies eruiert, ob bestehende Kreditlinien verlängert oder aufgestockt werden könnten. Die hatte Wirecard 2018 schon eine Kreditlinie über 100 Millionen Euro eingeräumt und 2019 verlängert, ohne hierfür Absicherungsgeschäfte abzuschließen. Der Versuch misslang.

Dagegen erscheinen selbst die Maskendeals des Landes NRW mit van Laack, die durch Armin Laschets Sohn Joe angebahnt worden sein sollen, geradezu läppisch, aber im Vergleich zum Baerbock'schen Sündenregister doch von erheblicher Relevanz. Allerdings glaubt auch niemand, dass Scholz und Laschet übers Wasser gehen können. Insofern bestätigen deren Kellerleichen nur, was man sowieso stets annahm, während Baerbocks Lässlichkeiten Empörung und Enttäuschung im Wechsel auslösen.

Am Ende wird die grüne Kandidatin nach moralisch-ethischen Aspekten für zu leicht befunden und stattdessen Baerbocks Gegenspieler um die Kanzlerschaft de facto unterstützt, die viel krasser noch als Baerbock konträr zu den hehren Ansprüchen der Desillusionierten stehen. Die eigene Enttäuschung ermöglicht sodann die Rückkehr zur Realpolitik als Farce; Moral spielt nicht nur keine Rolle mehr, auch die eigenen Interessen sind negiert. Der und die Enttäuschte wollen es ihr jetzt so richtig zeigen: Baerbock hat selbst Schuld, wenn wir unsere Interessen – zum Beispiel an sozial ausgewogenem und wirksamem Klimaschutz – mit eigenen Füßen treten.

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