Geteilte Arbeit unter geteilter Leitung: Es geht, wenn man will. Chirurg und Chirurgin im Operationssaal aus Sicht des Patienten.
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BerlinDie Aufmerksamkeit möglichst vieler Menschen ist ein flüchtiges Gut auf dem Marktplatz für politischen Einfluss. Nur wenigen Anliegen gelingt ein schneller Erfolg, andere scheinen dagegen in einer Wiedervorlageschleife festzustecken. Das Thema Frauen in Führungspositionen ist ein solcher Hamsterrad-Klassiker. Seit Jahren wird eine ausgewogene Repräsentation von Frauen in den Vorstandsetagen gefordert. Geschehen ist bislang wenig. Männer haben nach wie vor das Sagen und sorgen ganz unverbrämt dafür, dass es so bleibt. 

Selbst in Staatsunternehmen wie der Deutschen Bahn durften es sich kürzlich Vorstände erlauben, sich öffentlich gegen eine verordnete Förderung von Frauen auszusprechen. Konsequenzen hatte dies keine, die Empörung währte nur kurz. Über die Eignung von Frauen für Führungsaufgaben gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Frauen sind genauso gut ausgebildet und genauso leistungsfähig wie Männer. Mehr noch – aus der Forschung weiß man, dass gemischte Teams wesentlich effizienter und effektiver arbeiten. Das Fehlen von Frauen in Vorständen ist also auch ökonomisch unsinnig, ja sogar fahrlässig.

Trotzdem ignoriert man bei Besetzungen von Spitzenjobs die Kandidatinnen. Der zweitbeste Mann scheint eher einen Posten zu bekommen als die beste Frau. Anders ist das empirisch beobachtbare Ungleichgewicht nicht zu erklären. In den Vorständen der 200 umsatzstärksten Unternehmen sitzen laut DIW-Führungskräftemonitor weiterhin weniger als 9 Prozent Frauen. Kann man sich das leisten? Ein oft vorgebrachtes Argument gegen immer wieder geforderte Frauenquoten ist die Annahme, dass es unterschiedliche Interessen und Orientierungen gäbe und Frauen sich einfach nicht für Maschinenbau oder die Autoindustrie interessieren. Gern werden als „Beweis“ auch fächerspezifische Absolventenstatistiken vorgelegt. Die These scheint demnach nicht gänzlich falsch – sie taugt allerdings nicht als Begründung für anhaltend männerdominierte Macht- und Entscheidungsgefüge in vielen gesellschaftlichen und ökonomischen Lebensbereichen.

Der Vorstand des Kassenärztlichen Bundesverbandes ist frauenfrei

Dies wird besonders deutlich, wenn man sich den Bereich des Gesundheitswesens anschaut. Das Statistische Bundesamt gibt den Anteil der weiblichen Beschäftigten im Gesundheitswesen mit 75,6 Prozent an. Dies sind bei weitem nicht „nur“ Pflegerinnen und Helferinnen. Auch knapp die Hälfte aller Ärzte und Zahnärzte und 70 Prozent aller Apotheker sind Frauen. Organisiert und gelenkt wird der Gesundheitssektor durch die mächtigen Organe der Selbstverwaltung: Die Ärzte- und Zahnärztekammern vertreten berufsspezifische Belange und sie kümmern sich auch um die berufsständische Altersversorgung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen handeln Honorarsätze für ärztliche Leistungen aus und entscheiden über die Zulassungen und die Niederlassungsfreiheit.

Wichtige und weitreichende Angelegenheiten also, es geht um viel Geld. Auch die Kassenverbände und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben weit gehende Mitspracherechte, sie verhandelten beispielsweise kürzlich mit Minister Spahn die Verteilung von 100 Millionen Euro als Corona-Prämie für Pflegekräfte. In einem Sektor dessen Mitarbeiter vor allem Mitarbeiterinnen sind, müssen Frauen auch mitbestimmen – so sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Die meisten der genannten Interessenvertretungen werden von Männern geführt. „Der Vorstand des Kassenärztlichen Verbandes auf Bundesebene ist komplett frauenfrei.“ In den Landesverbänden finden sich zumindest in sechs Bundesländern auch Frauen in den Vorstandsetagen, teilweise sogar paritätisch besetzt.

In den Landesärztekammern sieht es etwas besser aus: im Schnitt sind (bei großen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern) knapp ein Drittel der Vorstände Frauen. Die Situation bei den Zahnärzten stellt sich dagegen verheerend dar: Keine Frau ist im Bundesvorstand der Kassenzahnärztlichen Vereinigung zu finden und in den Bundesländern sind nur drei von 44 Vorstandsposten durch Frauen besetzt. Auch die Zahnärztekammern scheinen einen großen Nachholbedarf zu haben: hier ist durchschnittlich nur jeder fünfte Vorstandsposten der Landeskammern durch eine Frau besetzt und bei der Bundeszahnärztekammer nur einer von 19! Gemein ist den Kammern und Verbänden, dass sie als Körperschaften des Öffentlichen Rechts der direkten Aufsicht der Gesundheitsministerien in Bund und Ländern unterstehen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum hier nicht früher beherzt interveniert wurde, denn in Wahlkämpfen sind sich alle großen Parteien stets einig: die Nachteile für Frauen auf dem Arbeitsmarkt sollen beseitigt werden. Warum fängt man also nicht in Staatsunternehmen und jenen Unternehmen an, die unter direktem Einfluss von Ministerien stehen? Die Grünen haben das Thema in der aktuellen Legislaturperiode zumindest in die politische Arena geholt. Aktuell befindet sich das neue „Führungspositionsgesetz II“ in der Ressortabstimmung. Es soll die Missstände abbauen, aber es ist höchst ungewiss, ob es die erforderliche Zustimmung finden wird. Die CDU ist dagegen, weil die Ministerinnen Giffey und Lambrecht im Gesetzesentwurf eine Frauenquote vorsehen.

Und so stehen die Zeichen stehen einmal mehr auf „Wiedervorlage“. Wenn sich etwas ändern soll, braucht es neben überfälligen gesetzlichen Anreizen vor allem eines: den Mut von Frauen, die verkrusteten Männernetzwerke und Strukturen zu durchbrechen und die Chefetage mit Vehemenz zu beanspruchen. Im November eröffnet sich eine Chance: die besonders rückschrittliche Bundeszahnärztekammer führt Wahlen für die Besetzung seines dreiköpfigen Präsidiums durch. Es sollte doch im Interesse der vielen Zahnärztinnen sein, durch mindestens eine Frau ganz oben vertreten zu werden. Immerhin sind alle Zahnärztinnen, genau wie ihre männlichen Kollegen, zwangsweise zahlende Mitglieder in der Kammer. Und sie machen fast die Hälfte der Mitglieder aus.

Es besteht dringender politischer Regelungsbedarf

Die geltenden Regularien erschweren jedoch die Berufung von Frauen: Gewählt wird nicht durch alle Mitglieder, sondern durch die Bundesversammlung der Kammer. In dieser sitzen - natürlich - ebenfalls überdurchschnittlich viele Männer. Hinzu kommt: die Mehrzahl der Mitglieder des Kammervorstandes sind auf viele Jahre automatisch fast ausnahmslos Männer, da die (fast ausschließlich männlichen) Präsidenten der Landeszahnärztekammern qua Amt Mitglieder des BZÄK-Vorstandes sind. Hier besteht ein dringender politischer Regelungsbedarf, der umso drängender wird, wenn man auf die Missstände immer wieder öffentlich aufmerksam macht. Und bis dahin braucht es eine oder mehrere mutige Kandidatinnen. Die Zustände in den Verbänden und Kammern im Gesundheitssektor sind exemplarisch aber nicht außergewöhnlich.

In anderen Organen der Selbstverwaltung sieht es ähnlich aus. So sind auch in der Bundessteuerberaterkammer, der Bundesnotarkammer und in den Apothekerverbänden Frauen deutlich unterrepräsentiert. Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Zentralverband des deutschen Handwerks haben großen Reformbedarf. Vorbildlich hingegen sind die großen deutschen Gewerkschaften. Bei Verdi und dem Deutschen Gewerkschaftsbund herrschen paritätische Verhältnisse. Selbst bei der IG Metall sind inzwischen zwei von sieben Vorstandsposten in Frauenhand. Es geht also. Wenn man will.

Der Autor ist Soziologe und lebt in Berlin.

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